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Der Rote Baron

Erster Weltkrieg, und ein deutscher Flieger nach dem anderen geht tot, auch der Rote Baron, und der wollte doch nur spielen. ... „nur fliegen“, geht der Dialog. Matthias Schweighöfer hebt die Arme, kippt sie wie Tragflächen, der Junge hat seinen Spaß. Für den Film ist eine Boygroup zusammengecastet worden, wie wir sie alle kennen. Die Chemie stimmt, und ab geht’s bzw. rauf in den Äther, und dann der sportliche Kampf mit dem enemy. Am Boden, im Niemandsland, schütteln sich Feind Ralph Fiennes und der Matthias die Hand. Großaufnahme! Fairplay! Zum Schluss legt ihm der Ralph einen Kranz aufs Grab: for our friend and enemy. Da rinnen der Lena Heady („300“), die leider nicht zur Group gehört, die Tränen, und Schluss ist auch damit, die zwei Stunden Film herumzustehen, die neusten Moden zu zeigen und herumzuzicken. Und Til Schweiger? Spielt die ganze Zeit Til Schweiger.

 

In den Schauwerten verliert sich, was der Dialog an Merksätzen zu den Nebenwirkungen des munteren Luftkriegs zu sagen hat. „Mein Vater, der Herzog ...“ Und ehe der Satz zu Ende ist, sind prächtige Schlösser, Damast und Dresdner Porzellan zu sehen. Das Hungerjahr an der Heimatfront, und die Tafel biegt sich vor Leckereien. Untertitel: „Berlin – deutsche Reichshauptstadt 1917“. Aber wir müssen ans internationale Publikum denken. Weshalb der Film ja auch in englischer Sprache gedreht wurde. Berlin also 1917: Frauen stolzieren in prachtvollen Kostümen über den Potsdamer Platz. Luxus! Eine pulsierende Metropole! So muss es sein, wenn dieser deutsche Reichskriegsfilm nicht das Bild vom Berlin 2008 verdüstern will. Der Rote Baron will Freude machen und in die Charts kommen. Jede Boygroup will das.

 

Was die Jungs transportieren, sind die fürs marketing erforderlichen Sympathiewerte. Außerdem ist das, was bisher Seniorenaugen zum Glänzen brachte, nun Schau für die ganz Jungen: Militaria für Teenies, und die Oldtimer und frisch geputzten Dampfloks kommen aus dem Freizeitpark. Der alte Himmels-Fight wird zum aktuellen Hyper-Event, und dank kompletter Computertrickserei wird die Filmleinwand zum trauten Monitor. Der Spieler, Roter Baron mit Namen, klickt wie besessen. „Für den Pour le Mérite würde ich töten“. Zack, sind die 80 Abschüsse voll, in nur 120 Minuten. Da schwärmt ihn Til Schweiger an: „Du bist eine Legende“. Auch der Kaiser Wilhelm II in Person: „Du bist ein Held“. Bingo! Und jeder weiß, wer siegt, kann auch abstürzen. Das eben ist die Stimulans. Krieg törnt an.

 

Der Krieg, ein Spiel. Das hat mit Patriotismus nichts zu tun. Wir hören das aus dem Munde unseres legendären Helden: „Patriotismus ist die Tugend der Boshaften“. Ist damit alles wieder gut? Die salvatorischen Klauseln erreichen keinen. Denn es ging weder um das eine noch das andere. Wir sind international, global. Ist wer tugend- und boshaft? Das sind unverständliche Vokabeln fern dem Sprechmodus. Kapieren wir nicht, und wir wollen doch nur spielen.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 5/2008

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Der Rote Baron

Deutschland 2006 - Regie: Nikolai Müllerschön - Darsteller: Matthias Schweighöfer, Lena Headey, Joseph Fiennes, Til Schweiger, Axel Prahl, Volker Bruch, Hanno Koffler - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 120 min. - Start: 10.4.2008

 

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