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Rosetta

Der Film zum System

 

Wir strotzen vor Freiheiten. Wir wissen vor Freiheiten weder ein noch aus. Wir können jedes Fernsehprogramm sehen, wir können jede Frisur tragen, wir können öffentlich unsere Meinung sagen, solange jemand zufällig ein Mikrophon auf uns gerichtet hat, was zugegebenermaßen selten passiert.

 

Wenn wir mal ausnahmsweise diese Rosetta sind, dann hat jemand im Film „Rosetta“ ein Mikrophon auf eine von uns gerichtet und eine Kamera dazu, so hautnah wie es geht. Und einfach unser Leben gezeigt. Dokumentarischer als jeder Dokumentarfilm, weil die ja immer voll sind mit Selbstdarstellern.

 

Welche Freiheit ist in unseren europäischen oder westlichen Gesellschaften die größte? Die Freiheit, Arbeit zu suchen. Aber die Freiheit, Arbeit und damit Selbstwert und Selbstverwirklichung zu finden und umsetzen zu dürfen ist vermutlich die kleinste in unserer fortschrittlichen Zivilisation. Wen aber stört das, wenn, von gelegentlichen schicksalshaften Wirtschaftskrisen abgesehen, doch alles boomt? Nicht wirklich jemanden in einem Gesellschaftssystem, das einen Menschen nicht so ernstnimmt, wie eine Rendite.

 

Gleich spitzen sich die abgeklärten Ohren der aufgeklärten Postmodernen, denen sich eine derartige Schwarzweißmalerei natürlich verbietet, besonders, weil das alles ja nicht so einfach sei, viel komplexer müsse an das Thema herangegangen werden. Der Kommunismus habe ja nun wirklich verwirkt, und deshalb notgedrungen alle sozialistischen, um nicht zu sagen (aber zu denken) humanistischen Utopien. Denn was anderes ist das marxistische Teufelszeug ja nicht gewesen, ursprünglich: Ein humanistisches Gedankengut.

 

Man bekommt ja schon ein schlechtes Gewissen, wenn man heute überlegt, dass jeder Mensch ein Recht auf Arbeit hat. Man denkt sofort: Ich, du, er, sie, es, die wir, ihr, sie das denken sind ja doch nur zu faul. Sonst würden wir doch. Obwohl wir alle zusammen wissen, dass das nicht stimmt. Wir finden eben keine Arbeit, weil es nicht genug Arbeit gibt. Und die Millionen, Milliarden Leute da, bei denen wir - denn auch hier fühlen wir uns mitverantwortlich, auch wenn wir selbst nie einen dieser miesen Verträge mit der Dritten Welt unterzeichnet haben - alles Wertvolle klauen, finden natürlich erst recht nicht Arbeit. Weil: denen muss es keiner recht machen. Uns schon. Und deshalb unsere Freiheiten: Fernsehen, Frisur, Meinung, freie Wahl des Handys. Freie Wahl der Rechnungsbegleichungsart, freie Wahl der Selbstrechtfertigung fürs vorgegebene Verlieren.

 

Auch Rosetta muss Rechnungen begleichen, Rechnungen derer, die sie nicht respektieren wollen. Sie hat die Wahl, zu kämpfen und zu scheitern oder ganz zu verschwinden, was rationaler, also vernünftiger wäre. So wie immer die Konsequenz der Rationalisierung das Verschwinden des Menschen bedeutet, zugunsten des Gewinns. Und der ist heilig, der Mensch nicht, jedenfalls nicht jeder und auf keinen Fall Rosetta. Die lebt nämlich im Wohnwagen zusammen mit ihrer Mutter und ist deshalb revolutionär, weil sie lediglich Würde kriegen will. Sie will für das, was sie verzehrt, selber gerade stehen und arbeiten, und die Unternehmerseite tut so, als habe sie alle verfügbaren Anteile an der Welt und dem würdevollen Leben in ihr für sich gepachtet.

 

Auf dieser Lüge basiert unsere Gesellschaft, und inzwischen glauben daran auch die meisten, die irgendwann mal in den alten linken Zeiten wenigstens pubertätsgesteuertes Gerechtigkeitsempfinden hatten. Nur Rosetta nicht. Und weil Rosetta weiß, dass sie entweder Würde oder den Tod erleben will, und nie, nicht, auf keinen Fall die Demütigung durch jene, die sich nicht mehr ernstnehmen, kämpft sie, bis es nicht mehr geht, bis sie ihren Kampf aufgibt, um sich ihm, dem Freund, und uns, ihren neuen Freunden im Kino- oder Fernsehsessel, zu zeigen: in ihrer ganzen, so wirklichen Verzweiflung am menschenverachtenden System - ich sage es bewusst - des Kapitalismus. Man möge mich bombardieren – mit Lobeshymnen, denn dieses ist die 1000ste Kritik in der filmzentrale!

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist nur in der filmzentrale erschienen

 

Zu diesem Film gibt’s im  archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Rosetta

(Rosetta), Belgien 1999. R: und Buch: Luc und Jean Pierre Dardenne, K: Alain Marcoen, T: Jean-Pierre Duret, S: Marie-Hélène Dozo, P: Dardenne, Michèle und Laurent Pétin, Arlette Zylberberg, D: Emilie Dequenne (Rosetta), Fabrizio Ron (Riquet), Anne Yernaux (Mutter), Olivier Gourmet (Chef).

 

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