Rosetta
Ein
Kriegsfilm sei ihr neuestes Werk Rosetta,
sagen die Dardenne-Brüder Jean-Pierre und Luc über ihren Film, und
so abwegig der Vergleich auf den ersten Blick scheinen mag, so einleuchtend
wird er bei näherer Betrachtung. Es geht in Rosetta
um Verzweiflung, um Liebe, um Verrat. Um all die großen Gefühle,
die die Literatur und den Film so oft schon bewegten.
Rosetta
(Emilie Dequenne), ein junges Mädchen, lebt mit ihrer alkoholkranken Mutter
in einer Wohnwagensiedlung in Frankreich. Rosettas einziges Ziel ist es, ein
normales Leben zu führen. Normal, das bedeutet: einen Freund, eine richtige
Wohnung, und vor allem: einen Job. Eine Arbeit nach der anderen versucht Rosetta
zu behalten, und eine nach der anderen verliert sie unverschuldet. Ihre Verzweiflung
wächst, und schließlich steht Rosetta vor der Entscheidung, zu morden
oder zu verraten, um einen Job zu bekommen, oder weiterhin arbeitslos zu bleiben.
Die Kamera von Alain Marcoen begleitet Rosetta auf Schritt und Tritt. So nah
war man im Kino schon lange keiner Hauptdarstellerin. Das liegt auch daran,
daß die Kamera den geistigen Zustand so wundervoll zu verkörpern
in der Lage ist, in dem sich Rosetta befindet. Die Kamera schwankt, sie zittert,
sie läßt einen jeden einzelnen Schritt spüren, den Rosetta über
den waldigen Boden vor der Wohnwagensiedlung geht. Die Kamera läßt
einen erleben, was es bedeutet, Rosetta zu sein. Und dennoch entsteht hier eine
Spannung, die wohl den hauptsächlichen Reiz des Filmes ausmacht. Eine Leerstelle,
wenn man so will, denn obwohl die Kamera beständig eine fast unerträgliche
Nähe zu Rosetta aufbaut, bleibt man ihr als Zuschauer seltsam fremd. Jean-Pierre
und Luc Dardenne erklären ihre Protagonistin nicht, sie zeigen sie. So
bleibt es denn auch teilweise unverständlich, wie Rosetta handelt, emotional
gesteuert, aus dem Bauch heraus. Hat sie letztendlich einen Job gefunden, indem
sie ihren Freund verrät, der seinem Chef finanziell nicht ganz ehrlich
gegenüberstand, kündigt sie diesen bereits nach wenigen Tagen wieder,
überfordert von der Schwere der von ihr getroffenen Entscheidung. Warum
genau Rosetta ihre Entscheidungen trifft, wie sie sie trifft, bleibt im Dunkeln,
aber das macht in diesem Film nicht viel, denn er ist vor allem eines: eine
ausführliche Schilderung des Seelenzustandes der Verzweiflung.
Beeindruckend
an Rosetta
sind auch Anfang und Ende des Films: plötzlich kommen sie beide daher,
der Film wirft einen gleich zu Beginn in eine schnelle, verwackelte Szene, in
der eine rennende Kamera einer ebenso schnellen Rosetta folgt und damit den
Zuschauer bereits nach Sekunden voll und ganz in seiner Hand hat, aufgefangen
in den Stilmitteln der Regisseure. Genauso plötzlich entläßt
einen Rosetta:
unerwartet, mitten im Geschehen, läßt er Rosetta allein, weinend,
genau wie den Zuschauer. In all der Verzweiflung des Filmes gibt es aber auch
ein paar Lichtblicke: leicht inszenierte, fast schon fröhliche Momente
im Leben der jungen Heldin.
Etwa,
wenn sie mit ihrem gerade kennengelernten Freund in dessen Wohnung sitzt, und
er als musikalische Untermalung ihres Dinners Kassetten auflegt, die seine holprigen
Schlagzeugübungen für eine Band enthalten. Dieses Schlagzeug bleibt
im gesamten Film beinahe die einzige musikalische Untermalung, und es ist symptomatisch
für den Rhythmus des Werkes: Das Schlagzeug, als kühles Instrument,
das zerhackt und gleichzeitig die übrigen Instrumente in ihrem Takt steuert,
wird zu einer Metapher für Rosettas nicht endende Suche nach einer Arbeit,
die sie trotz der Rückschläge und Unterbrechungen nicht aufgibt, und
von der sie sich immer weiter tragen läßt, von Mißerfolg zu
Mißerfolg, ihr Leben strukturiert und mit Sinn gefüllt durch diese
taktgebende Suche.
Dieser
Takt des Mißerfolges ist eben auch ein Donnern der Kanonen des Krieges,
und Rosetta hat viele Kriege zu fechten: den gegen ihre Mutter, die sich im
Alkohol der Verzweiflung auf eine Weise hingibt, die Rosetta um alles in der
Welt vermeiden möchte, den gegen ihre Arbeitgeber, die sie größtenteils
nach kurzer Zeit wieder auf die Straße setzen, und schließlich den
gegen sich selbst, wenn sie letztlich mit ihren Gefühlen der Realisierung
ihres Traums vom Job im Wege steht. Ein Film vom Krieg also, ein zutiefst bewegender,
und ein auch handwerklich beeindruckendes Werk.
Benjamin
Happel
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei:
Zu diesem Film gibt es im filmzentrale-archiv mehrere Kritiken.
Rosetta
Jean-Pierre
& Luc Dardenne
Belgien/Frankreich,
1999