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Rosenstraße

 

Sechzig Jahre danach ist die Zeit gekommen, ein Loblied auf die Arier und Arierinnen zu singen, die Juden gerettet haben. Sagt uns der Film. Februar 1943, Berlin Mitte. Eine Arierin nimmt eine jüdische Waisin auf und bewahrt sie vor der Deportation. Das Kind dankt ihr das jedoch nicht. Noch 60 Jahre später, wohlhabend in Manhattan, ist sie schwer traumatisiert. Nicht etwa wegen der Judenverfolgung in Berlin, sondern weil die Lebensretterin sie im Frühling 1945 weggeschickt hat zur reichen Verwandtschaft in den USA. Wo sie doch in Berlin bleiben wollte.

Zurück zu den Ariern in Berlin. Vor dem Sammellager Rosenstraße 2-4 verlangen die "deutschblütigen" (Katja Riemann) Mischehefrauen von der berliner Polizei die Herausgabe ihrer jüdischen Männer. Einige Dutzend rufen: "Ich will meinen Mann wiederhaben". Angeführt werden sie von der Baroness von Eschenbach, einem preußischen Adelsgeschlecht entstammend. Sie repräsentiert großbürgerliche Moral, die Werte und die Contenance, die mitnichten Angst vor einem Obersturmbannführer hat. Die Baroness wickelt auf einer Party sogar den Reichspropagandaminister Goebbels ein. Und siehe, am 7. Tag hat sie Erfolg: die Juden kommen frei. "Ein Wunder des Nationalsozialismus" (Riemann).

Vielleicht hat ja auch eine Rolle gespielt, daß Bruder von Eschenbach (Jürgen Vogel) solidarisch in erster Reihe unter den mutigen Frauen gestanden hat. In voller Wehrmachtsuniform, als Stalingradkämpfer hochdekoriert. Ja, so half auch die Wehrmacht beim Judenretten, und Hannes Heer sollte sich das merken.

Im Film wird alles gut. In Manhattan wird geheiratet, auch César Franck dargeboten, und die Frauenansammlung in der Rosenstraße soll wahr sein, wie uns der Film versichert. Nachgebaut wurde die Rosenstraße in Babelsberg, gefüllt mit 500 Komparsen. Es gibt genug Nebenhandlung. Der Film ginge auch als Muster einer Fernsehserie durch. Alles klar: "Ich bin Rachel Rosenbauer, die Cousine deiner Mutter". - Der Look ist großbürgerlich-gediegen. Die Dialoge werden zelebriert, mit Pausen dazwischen. Zum Nachschmecken. Nein, so will Regisseurin von Trotta das nicht verstanden haben. So soll Erinnerungsarbeit gehen. Die Dialoge sollen in unser Gedächtnis einträufeln. Das ist ein Nachdenken wert. Auch mag das fahle Licht aus der Vergangenheit kommen. Aber was nützen die Vorsätze, wenn jetzt nicht nur die Erinnerung an die schönen blonden Dauerwellen und das hochgeschlossene Nostalgieabendkleid Katja Riemanns bleibt, sondern auch an den Charme des reizenden Partystars Goebbels (Martin Wuttke)? Edle deutsche Menschen tun Edles? - Schon richtig, es wird auch Böses gesagt und behauptet. Aber präsentiert wird in diesem Bilderfilm das Gute durch das Geschwisterpaar aus dem preußischen Adelsgeschlecht. Und so ist es nicht falsch zu resümieren: durch das "Wunder der Zivilcourage" (von Trotta) wird das Berlin der Nazizeit geadelt. Durch das "Wunder der 'Rosenstraße'".

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret

      

Rosenstraße

Deutschland 2003 - Regie: Margarethe von Trotta - Darsteller: Katja Riemann, Maria Schrader, Martin Feifel, Jürgen Vogel, Jutta Lampe, Doris Schade, Fedja van Huêt, Carola Regnier, Svea Lohde - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 135 min. - Start: 18.9.2003 (5. Woche)

 

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