zur startseite

zum archiv

Rosa von Praunheim zeigt

Dietmar Kracht (Mannheim), Star der BETTWURST-Filme, trägt das von ihm selbst geschaffene Lied »Die Straße ohne Ende« vor: »bis die Nacht mich aus dem Leben nahm«. Ein wunderschöner Glitzerphallus besetzt den Hintergrund, und Dietmar singt mit Evelyn Künneke, dem Schlagerstar der 40er und 50er Jahre, das Duett »Haben Sie schon mal im Dunkeln geküßt Dietmar hat noch lange nicht genug geprobt. Den Ton trifft er nur gelegentlich, der Text sitzt gar nicht. Evelyn Künneke fordert nunmehr: »Zeig mir noch einmal deine Muskeln, Tommy«. Ihr Partner ist stumm, es ist Mr. Frankfurt. Den Text hat sie noch nicht, auch ist sie deutlich unsicher auf den Beinen. Sie bricht ab. Die Kamera konzentriert sich lieber auf den Bodybuilder. Dann schleppen Bühnenarbeiter einen gläsernen Sarg herbei. Ihm entsteigt glamour boy Peter Schneider (Amsterdam) und singt am Klavier »Smooth Road« und »La vie en rose«, neben ihm eine rosa Amphore, gefüllt mit roten Rosen. Vom Schnürboden wird ein Riesenherz heruntergelassen, mit Glühlampen besetzt. »Bitte geh nicht fort«, bittet Peter Schneider. Adressat ist Evelyn Künneke, deren erster Schlager, mit dem sie ihre Karriere begann, nun von Peter Schneider vorgetragen wird: »Kannst du mir verzeih'n Die Künneke ist währenddessen anwesend, auf der Bühne, aber stumm. Schneider singt wunderbar, da ist nichts mehr zu proben. Evelyn streckt sich glücklich auf der Ottomane zurück, selig funkelt sie durch ihre großen Brillengläser den jungen Mann an. Stimmlich ist sie schon nicht mehr da.

 

Der Film, der einen Probentag für Praunheims »Internationale Schlagerparade« zeigt (die Bühnenshow hatte am 16. Mai 1974 im frankfurter Theater am Turm Premiere), beginnt als Künneke-Comeback und endet als Gedächtnisfeier. In ROSA VON PRAUNHEIM ZEIGT gilt vom Gezeigten auch das Gegenteil. Die Hommage an die Schlagerwelt der 50er Jahre ist gleichzeitig ihr Verriß. Die schwerfüßige und mißgestimmte Künneke wird neben dem jungen glatten Bodybuilder zum Zerrbild ihrer selbst. In den Aufnahmen wird das, was die Nostalgie verklärt, schon konzeptionell (Probendokument) unvollkommen, ja dürftig. Der Film stellt das aus und nutzt das aus. Und doch ist er promotion für die internationalen Stars, und Evelyn Künneke gelingt, wie man weiß, über die Station Rosa von Praunheim das Supercomeback. Sie wußte die Situation ROSA VON PRAUNHEiM ZEIGT für sich zu nutzen. Praunheim und Künneke beuten einander aus. Aber damit ist nicht genug gesagt, denn die Ambivalenzen des Films schaffen kräftige und angenehme Emotionen. Der Film ist nicht nur fatal, sondern auch faszinierend. Der Außenseiter, der ungehemmt sein Lied singt, homespun; fast identisch der Bodybuilder, der gefällig seine Muskeln zur Schau stellt; der abgetakelte Schlagerstar, der Text und Ton nicht mehr zusammenkriegt -: all das, was ein Bild des Elends hätte werden können, wird im Film ein Bild der Stärke.

 

Die Unbeholfenheit, die sich selbstbewußt zur Schau stellt, wird zur Hilfe für ein Publikum, das sich nicht mit den Stars, wohl aber mit der Geste identifizieren kann, mit der Praunheim das Unprofessionell-Kümmerliche verklärt und das Verklärte ironisiert. Neuer Mut entsteht durch die Ruinierung aller bisher bekannten ästhetischen Maßstäbe. Emotionell ist der Film ein Ergebnis sorgfältiger Restaurierung von Bereichen, über die die Hochkultur gnadenlos hinweggefahren ist. ROSA VON PRAUNHEIM ZEIGT ist ein ideales Feuchtgebiet für Grundsehnsüchte und Urängste. Die Hochkultur, die sich einem solchen Gefühls-Klima vornehm fernhielt, machte dadurch Platz für die (praunheimsche) Trivialkunst, und wer sie als Kitsch denunziert, hat sie dazu gemacht.

 

Im Film fehlt der Auftritt von Tally Brown (New York). Sie war am Probentag nicht dabei. In der Bühnenshow war sie der Star; sie konnte ihre physische Unbeholfenheit und Häßlichkeit auf der Bühne in Kraft und Stärke verwandeln. Das Ensemble des TAT verabschiedete sich mit den Aufführungen vom 16. bis 18. Mai 1974. Es löste sich auf. Die Rosa von Praunheim-Show war der matte Abglanz eines sehr ehrgeizigen Projekts, die Mitbestimmungsdebatte, in die das Ensemble sich verstrickt hatte, gleichzeitig zu persiflieren und zu dokumentieren. »Die mitbestimmte Operette« war die Idee eines Theaterstücks von Rosa von Praunheim in Zusammenarbeit mit dem Ensemble des TAT und mit Evelyn Künneke. Nach vier Monaten Vorbereitung scheiterte es. Praunheims Absicht war es gewesen, »eine Dialektik aus Kitsch und Analyse, Sinnlichkeit und Sachlichkeit, Spaß und Politik entstehen zu lassen« und das Künneke-Comeback zu erreichen. Die große Theaterlähmung sollte sich durch die Magie der großen Gegensätze in Mut und Belebung verwandeln.

 

Die Kritiker der Bühnenshow sahen »Verstörendes und Verunsichernd-Weiterwirkendes« an »diesem seltsamen, plumpen, doch auch zweideutigen Abend«. »Die Verwirrung in den Köpfen ist groß«, schrieb Peter Iden, denn er konnte es nicht fassen, daß die gleichen Leute in Frankfurt mit der Polizei um besetzte Häuser kämpften und es mit Rosa und Evelyn hielten. - Der Film ROSA VON PRAUNHElM ZEIGT zeigt Leute, die um einen Platz auf der Bühne kämpfen. Es wird klar, daß man für den Kampf Energie braucht und Mut. Und da nicht alle geübt sind, sich solches durch die Lektüre der Zeit vermitteln zu lassen, erklärt sich vielleicht doch der »sonderbare« (Peter Iden) Gang zu Rosa und Evelyn.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rosa von Praunheim; Band 30 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1984, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags

 

ROSA VON PRAUNHEIM ZEIGT

BRD 1974 Regie, Drehbuch, Schnitt, Produktion: Rosa von Praunheim. - Kamera, Ton: Albert Schöplin. - Musikalische Leitung, Pianist: Gerhard Weihe. - Songs: »Haben Sie schon mal im Dunkeln geküßt«, gesungen von Evelyn Künneke und Dietmar Kracht; »Straße ohne Ende«, gesungen von Dietmar Kracht; »Zeig mir noch einmal Deine Muskeln, Tommy«, gesungen von Evelyn Künneke; »Smooth Road«, »La vie en rose«, »Bitte geh nicht fort«, »Kannst Du mir verzeihen«, gesungen von Peter Schneider. - Bauten: nach Ideen von Rosa von Praunheim. - Darsteller: Dietmar Kracht, Evelyn Künneke, Mr. Frankfurt, Peter Schneider. - Drehort: Theater am Turm, Frankfurt/M. - Format: 16 mm, Farbe (Kodak). Original-Länge: 26 min. - TV: 1.6. 1975 (NDR III, RB 111, SFB 111).

Aufzeichnung eines Probentags der Show ROSA VON PRAUNHEIM PRÄSENTIERT EINE INTERNATIONALE SCHLAGERPARADE am Theater am Turm, Frankfurt/M.

 

 

zur startseite

zum archiv