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Robocop

 

Nur ein toter Cop ist ein guter Cop, sprach die Unterwelt und lachte sich ins Fäustchen. Aber immer doch, sprach die Obrigkeit, ganz eurer Meinung. Ihr bekommt, was ihr wolltet. Einen toten Cop. Einen guten Cop. Kurz: Robocop.

 

Von Anfang vereinen sich in ROBOCOP verschiedene Mythen, die einer vermeintlich trivialen Geschichte irritierende Dimensionen geben. Entspräche er nur den Konventionen des Actionfilms der 1980er Jahre, nie hätte dieser Film solch nachhaltige Wirkung erlangt. ROBOCOP zeugt vom Bewusstwerden der unausgesprochenen Grundlagen, die den Science-Fiction- und Actionfilmen vergangener Jahrzehnte ihre Kraft gaben. Paul Verhoeven und seine Mitstreiter waren in höherem Maße über sich selbst, ihre Arbeit und die Geschichte ihres Mediums aufgeklärt als ihre Vorgänger. Weil sie bewusst auf wirkmächtige alte Mythen zurückgeht, kommt die Geschichte von ROBOCOP dem Zuschauer merkwürdig vertraut vor.   

ROBOCOP erzählt vom Kampf einer toten Seele. Von der Erstarrung, der Zerstörung des lebendigen Fleisches und das Übergreifen der Kälte einer entmenschlichten Gesellschaft auf den Körper, der symbolisch seiner Fleischlichkeit beraubt wird. Nur ein Toter entspricht vollkommen der starren und entseelten Welt der Gesetze, Vorschriften und Verordnungen mit Perfektion und Ausdauer. Menschen machen Fehler oder erlauben sich mutwillige Abweichungen und Ausnahmen. Tote niemals. ROBOCOP zeichnet eine zukünftige Gesellschaftsordnung, in der Ordnung und Herrschaft die fast unbestrittenen Leitbilder geworden sind.

 

Ein nahezu faschistisches Regime herrscht in Verhoevens zukünftiger Wirtschaftswelt, fast schon eine Vorwegnahme des Systems aus STARSHIP TROOPERS. Der Vorstand des Konzerns OCP hat längst die wahre Macht in Detroit. Die Versuche, mit perfekter Herrschaftstechnik die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, führen zu klinisch unmenschlichen Methoden, die sich nicht zufällig der vordergründig bekämpften Gegenwelt des Verbrechens annähern.

 

Man kann die Geschichte von ROBOCOP entlang der Massaker entfalten: Das Lebendige, das Gute, das Menschliche, wird hier auf eine Weise misshandelt, die nichts mit Realismus zu tun hat. Im Exzess wird die Schrankenlosigkeit der unkontrollierten Herrschaftsausübung fleischlich symbolisiert, ja durch religiöse Leidensmotive codiert. Die Vergleichbarkeit der Exzesstaten von Ordnungskräften und Verbrecherbanden dient Verhoeven als ebenso plakatives wie drastisches Mittel, den vergleichbaren Kern des unmenschlichen Denkens herauszuarbeiten. Das erste Massaker begeht der neue, rein mechanische Polizeiroboter ED 209 bei einer Testvorführung. Als Maschine vollstreckt er seelenlos wie ein Insekt die Befehle seiner Beherrscher, ist aber unfähig, außerhalb der engen Grenzen seiner Programmierung zu improvisieren. Das zweite Massaker begehen die Drogengangster am Polizisten Alex Murphy, der bei lebendigem Leibe im Kugelhagel zu Hackfleisch zerschossen wird. Frei von aller Menschlichkeit wird Murphy wie ein Insekt zertreten.

 

Sowohl die bloße Maschine als auch der einfache, menschliche Polizist haben versagt. Die Firma OCP sieht die Gelegenheit gekommen, die perfekte Synthese von Mensch und Maschine zu schaffen, den Cyborg Robocop. Unbestechlich und gehorsam wie eine Maschine, aber intelligent und flexibel wie ein Mensch. Einen eigenen Willen, ein eigenständiges Seelenleben gesteht man ihm nicht zu. Robocop soll wie ein Untoter dem Willen seiner Herren von OCP folgen. So begehen die Manager und Wissenschaftler das dritte Massaker an der klinisch toten, aber noch mit biologischem Leben erfüllten Leiche von Alex Murphy. Gerade zu verächtlich beiläufig wird mit dem Restkörper umgegangen. Um den lebendigen Kern konstruiert OCP einen perfekt gepanzerten Maschinenmenschen. Murphys verbliebenen Arm sägen die Techniker auf Geheiß des Vorstandes ab, um die Perfektion des Cyborgs nicht zu gefährden. Doch der Tote lebt: Aus dem Jenseits darf er seiner Geburt nach dem Tode beiwohnen. Auf einer albernen Silvesterparty von OCP küsst ihn eine Wissenschaftlerin in einem Akt von Pseudo-Nekrophilie auf die Optik.

 

Nach wissenschaftlicher Logik mag das alles Unfug sein, aber darum geht es Verhoeven nicht. Ebenso wenig wie um Science-Fiction-Action um ihrer selbst willen. Der Funke der Menschlichkeit, den Robocop über seinen Tod gerettet hat, lässt sich von keiner Macht unterdrücken. Gequält von der gespenstischen Erinnerung an sein früheres Leben, wandelt er durch seine alte Wohnung und sieht Bilder seiner Familie: Erinnerungen an das, was menschliches Leben ausmacht: Liebe und Anteilnahme. Bei einer reinen Maschine wäre das undenkbar. Der Roboter ED 209 fügt sich perfekt ins System. Verhoeven charakterisiert ihn wie ein Insekt. Als er später im Kampf mit dem Robocop umstürzt, gibt er ein schauriges, tierisches Schreien von sich, durch das Verhoeven sehr deutlich klarstellt, dass die Existenzform dieser Maschine eher symbolisch gemeint ist. Die Maschine ist also keine Maschine, sondern nur die Chiffre Verhoevens für eine undurchschaubare, rätselhafte Psyche, deren Motivation unergründlich bleibt, aber der alles zuzutrauen ist. Die Maschine ist der vollkommene Technofaschist.

 

So werden selbst die Maschinen von Verhoevens Gewaltmythen beherrscht. Unkontrollierbar wie ED 209 neigen sie zum blutigen Exzess. Oder schwanken wie Robocop verstört zwischen maschineller Kälte und menschlicher Wärme. Was ROBOCOP gegenüber vielen, ja fast allen früheren wie späteren Arbeiten Verhoevens völlig fehlt, ist die Verkoppelung von Gewalt und Herrschaft mit Sexualität. Ansonsten verhalten sich Verhoevens Roboter und Androiden nicht anders als Sharon Stone in ihrer Rolle als eiskalte Schriftstellerin Catherine Tramell in BASIC INSTINCT. Der kalten, faschistischen Maschinenwelt setzt Verhoeven in ROBOCOP die Lebendigkeit des menschlichen Fleisches entgegen, seiner Liebes- und Leidensfähigkeit, verzichtet aber auf die ambivalente Rolle der Sexualität. Wie Michael Douglas als Verkörperung des schwachen Fleisches gegen die kalte Perfektion Sharon Stones ankämpft, nimmt der klägliche Rest des Menschen Murphy im Robocop den Kampf gegen die Unmenschlichkeit auf. Nur bleibt Robocops Kampf immer eindeutig und gradlinig, weil er nicht von den selbstzerstörerischen Abgründen der eigenen Sexualität gefährdet wird.

 

Der Mythos vom Roboter war im phantastischen Film schon immer größer, als es der tristen Maschinenrealität in der Alltagswelt entsprach. Der Roboter steht nicht erst seit Paul Verhoeven als Symbol für die Wunsch- und Alpträume einer Gesellschaft, die ihre Ängste in einer vermeintlich perfekten Zukunftsgesellschaft spiegelt. Der Robocop kämpft mit den letzten Fetzen seiner menschlichen Erinnerung gegen die barbarische Gesetzlosigkeit, wie gegen die technofaschistische Manipulation. Verhoeven schildert den schon fast verlorenen Kampf einer verschütteten Seele mit grimmiger Finsternis und rabenschwarzem Humor, aber nie außerhalb der Muster des Actionfilms. Hier hatte er selten Berührungsängste, wenn es um den frei kombinierenden Einsatz von Exploitationelementen und genretypischen Handlungs- und Dialogmustern ging, die seine Filme breitenwirksam gestalteten. Das mag man Verhoeven als besonderes Geschick nachrühmen oder als abgreiferischen Opportunismus ankreiden.

 

Mit ROBOCOP kommen Paul Verhoevens lebensgeschichtlich geformte, sehr europäische Gewaltmythen in der Welt der amerikanischen Pulp Fiction an. Mehr als offensichtlich bedient er sich bei großen Genrevorbildern, sowohl im Produktionsdesign, wie in der mythischen Fundierung der Geschichte. Der fühlende Mensch, der auf die dunkle Seite der Macht gezogen wird, um dort als dienstbares Funktionselement untot zu existieren, der nur noch als verfallener Fleischesrest in der Maschinenprothese lebt, er weist überdeutlich auf George Lucas STAR WARS-Kosmos. Die zentrale Szene, in der die menschliche Partnerin dem verwundeten Robocop den Helm abnimmt und erstmals wieder in sein fleischliches Antlitz sieht, stammt unleugbar aus RETURN OF THE JEDI. Wie Luke Skywalker unter der Maske des Darth Vader nun wieder das sehen darf, was von seinem Vater Anakin Skywalker übrig blieb, so sieht sie den menschlichen Kern des Maschinenmenschen Robocop. Eine symbolische Befreiung aus dem Reich der bösartigen Funktionalität, zurück in die Welt der menschlichen Zuwendung. 

George Lucas baute mit Hilfe der vergleichenden Mythenforschung von Joseph Campbell den Kampf gegen das faschistische Imperium des Zweiten Weltkriegs zum Popmythos um, Paul Verhoeven verwandelt ihn durch seine anders geartete europäische Erfahrung. Stand beim Amerikaner Lucas immer die im Kern intakte Allianz – wie bedroht auch immer – dem Imperium gegenüber, so entwickelte Verhoeven seine Version aus der demütigenden Gewalterfahrung der deutschen Besatzung der Niederlande, als es für die Bewohner eben kein intaktes „Außen“ mehr gab. Mit BLACK BOOK kam gewissermaßen nur thematisch zurück, was symbolisch immer schon anwesend war. Verhoevens Rettungen setzen viel vollständigere Niederlagen voraus, als sie etwas bei Lucas oder bei Camerons TERMINATOR stattgefunden hatten. Seine mythische christliche Symbolik knüpft daher viel drastischer an die Abfolge von Kreuzigung und Wiederauferstehung. Das unfassbare Massaker des Roboters ED 209 denkt nur den Einsatz der zweibeinigen imperialen Kampfläufer gegen die Ewoks zuende. Die naive Komik, mit der sich die Kampfläufer ungeschickt in den Fallen der Ewoks verhaken und stolpern, überführt Verhoeven in die absurde Tölpelhaftigkeit der gewissenslosen Tötungsmaschine ED 209 beim Treppenlaufen.

 

Der amerikanische Comicheld Robocop wird mit europäischer Gesellschaftskritik und Geschichtserfahrung aufgeladen, die sich aus einer persönlichen, biografisch begründeten Gewalterfahrung Paul Verhoevens speist. So sehr ROBOCOP ein Kind der amerikanischen Gesellschaft der Reagan-Jahre ist, mit all ihren Ikonen, wie der Yuppiekultur, so sehr betrachtet der Film seine Welt mit dem Blick eines Fremdlings und wirkt daher auch andersartig. Im Handstreich überholte Verhoeven damit die gesamte Action- und Science-Fiction-Filmerei Hollywoods der 1980er Jahre und fügte ihr ein neues Element hinzu. Verglichen mit ROBOCOP, gibt sich Camerons TERMINATOR altmodisch und konventionell, war aber gerade dadurch letztlich erfolgreicher. Dafür treten die künstlerischen Qualitäten von Verhoevens ROBOCOP jedes Jahr deutlicher hervor, als zeitlos modernes Epos von der Verteidigung des Menschlichen gegen die Gewalt der toten Seelen.

 

Fastmachine

 

(Überarbeitete Version des Textes, der erstmals am 20. Mai 2007 auf www.ofdb.de veröffentlicht wurde.)

 

Robocop

ROBOCOP

USA - 1987 - 101 (gek. 78) min. – Scope - FSK: ab 18; nicht feiertagsfrei (gek. 16) - Verleih: 20th Century Fox; 20th Century Fox (16 mm); RCA/Columbia (Video) - Erstaufführung: 7.1.1988/13.9.1988 Video - Produktionsfirma: Orion - Produktion: Arne L. Schmidt

Regie: Paul Verhoeven

Buch: Edward Neumeier, Michael Miner

Kamera: Jost Vacano

Musik: Basil Poledouris

Schnitt: Frank J. Urioste

Special Effects: Peter Kuran, Dale Martin, Rob Bottin, Craig Davies, Bill Purcell, Peter Ronzani

Darsteller:

Peter Weller (Wagner/Robocop)

Nancy Allen (Lewis)

Ronny Cox (Jones)

Kurtwood Smith (Clarence)

Miguel Ferrer (Morton)

Dan O'Herlihy (der "Alte")

Ray Wise (Leon)

Felton Perry (Johnson)

 

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