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The Ring 2

 

 

 

 

 

„Gilt eine Übersetzung den Lesern, die das Original nicht verstehen?“, fragte Walter Benjamin und formulierte damit weniger Zweifel an den Fähigkeiten des Lesers als eine Aufgabe für den Übersetzer. Benjamin fordert nicht die bloße Übertragung in eine andere Sprache ein, sondern Nachdichtung, die auch die kulturellen Unterschiede „übersetzt“. Auf den Film übertragen wäre hier also das Remake der Synchronfassung vorzuziehen. Gerade an den momentan verstärkt ins Kinos drängenden Remakes asiatischer Horrorfilme zeigen sich die Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten dieser Art der Übersetzung, wie jetzt das Remake einer Fortsetzung des japanischen Ringu belegt.

 

Der Film knüpft an die Geschehnisse der ersten – amerikanischen – Ring-Produktion  an. Rachel (Naomi Watts) und ihr Sohn Aidan (David Dorfman) versuchen, auf dem Land ein neues Leben zu beginnen. Doch bald taucht auch dort das von ihnen in Umlauf gebrachte tödliche Video auf. Die untote Samara (Kelly Stables) hat die beiden verfolgt und versucht nun, von Aidan Besitz zu ergreifen. Als er nach einem Übergriff ins Krankenhaus muss und von Rachel wegen des Verdachts der Kindesmisshandlung isoliert wird, beginnt diese abermals eine Reise in die Familiengeschichte Samaras und entdeckt schließlich deren leibliche Mutter (Sissy Spacek), von der sie glaubt, sie könne das Leben ihres Sohnes retten.

 

Interessant an The Ring 2 ist, dass es sich in zweifacher Hinsicht um ein Hybrid handelt: einerseits aus japanischem und amerikanischem Film, andererseits aus Sequel und Remake. Zwar werden zentrale Motive des japanischen Ringu 2 (1999) auch in der amerikanischen Version aufgegriffen, doch im Wesentlichen richtet sich der Film nach Gore Verbinskis Vorläufer The Ring von 2002. Aber kein Amerikaner inszenierte The Ring 2, sondern Hideo Nakata, der japanische Regisseur der Ringu-Reihe. Das Resultat dieses medialen und kulturellen Mix-up ist, dass The Ring 2 eindeutiger als sein US-Vorläufer die Handschrift japanischen Horrors trägt: Anders als bei Verbinski dient die „verwunschene Videokassette“ hier nur noch als erzählerischer Aufhänger für eine komplexe Familiengeschichte.

 

Darin liegt auch schon die größte Schwäche des Films. Anstatt nämlich die japanische Erzählung in die Genreparadigmen des amerikanischen Horrorfilms zu transponieren und auf Suspense und Effekt zu setzen, bietet The Ring 2 einen verwirrenden Plot, der wie eine Karikatur des adolescence horror der 1970er Jahre (Exorzist, Omen, Carrie) wirkt. Zeitweilig sind die Ausformulierungen des ödipalen Konflikts zwischen Rachel und ihrem Sohn derart vordergründig, dass sie in unfreiwillige Komik münden. Damit hat Nakata seinen japanischen Familien-Horror allzu eindeutig „über-übersetzt“. Bleibt nun abzuwarten, ob es das Prequel Ringu 0 auch noch als Remake in die westlichen Kinos schafft.      

 

Stefan Höltgen

 

The Ring 2 versucht, die Story von Rachel und Aidan weiterzuerzählen und die der untoten Samara auszubauen. Regisseur Nakata verschenkt jedoch über der allzu komplexen Familiengeschichte die Chancen des Horrorgenres.

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in: epd Film 4/2005

 

 

 

The Ring 2

The Ring Two

USA 2004. R: Hideo Nakata. B: Ehren Kruger. P: Laurie MacDonald, Walter F. Parkes. K: Gabriel Beristain. Sch: Michael N. Knue. M: Hans Zimmer. T: Ethan Van der Ryn. A: James D. Bissell, Christa Munro. Ko: Wendy Chuck. Sp: Peter Chesney, Betsy Peterson. Pg: DreamWorks/Bender-Spink/ Parkes. V: UIP. L: 111 Min. Da: Naomi Watts (Rachel Keller), Simon Baker (Max Rourke), David Dorfman (Aidan), Sissy Spacek (Evelyn), Elizabeth Perkins (Dr. Emma Temple), Gary Cole (Martin Savide).

Start: 31.3.2005 (D, CH), 1.4.2005 (A)

 

 

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