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Rififi am Karfreitag

Harold Shand, König der Londoner Unterwelt, will seine Laufbahn mit einem gigantischen Geschäft krönen, einem Olympiastadion im Gebiet der heruntergekommenen Docks des East End. Das Geschäft ist zu groß für ihn allein, deshalb ist er nach Amerika geflogen und hat mit der Mafia verhandelt. Am Karfreitag soll alles perfekt gemacht werden auf Harolds Yacht, die er stolz auf der Themse herumfahren läßt, um dem Mafia-Manager Charlie (Eddie Constantine) ein wenig Sightseeing zu bieten. Doch dann geschehen unerfreuliche Dinge: der Rolls Royce, der gerade Harolds Mutter zur Kirche gebracht hat, fliegt in die Luft, sein bester Freund und wichtigster Mann wird im Schwimmbad erstochen, eine Bombe zerstört das feine Restaurant, in dem man essen wollte.

 

Die Konstruktion der Geschichte ist makellos, die Spannung entwickelt sich auf drei Ebenen. Einmal gibt es die Bedrohung, bei der man nicht weiß, was noch alles passiert, und deren Gründe und Urheber unbekannt sind, dann gibt es Harolds Gegenmaßnahmen und seine Suche nach den Hintermännern der Anschläge (sind es seine eigenen Leute oder irgendeine Konkurrenzoragnisation?), und schließlich geht es darum, ob und wie sein Geschäft noch einen Abschluß finden kann, also auch, ob es ihm gelingt, die Zwischenfälle vor den Amerikanern zu vertuschen oder sie befriedigend zu erklären.

 

„Made it, Ma! Top of the world!" rief James Cagney in Raoul Walshs WHITE HEAT, einem Öltank sitzend, der gleich explodieren sollte. Harold Shands Situation ist ähnlch, nur wird seine Geschichte in einem Film aus dem England Margaret Thatchers erzählt. Während er von einem neuen London als der Hauptstadt Europas träumt, den Geist von Dünkirchen rühmt und die große Zukunft Englands beschwört, hat er zugleich die schlimmsten Probleme mit der militanten IRA. Im Innersten geht es dem Gangster darum, eine Ordnung durchzusetzen und aufrechtzuerhalten, sein Reich ist ein System sozialer Kontrolle, das auf einer Übereinkunft über die Spielregeln beruht (deren Einhaltung mit Gewalt durchgesetzt wird). Im Gangsterfilm wird eine Ordnung mit einer anderen konfrontiert. Die kann das „Gesetz" sein oder ein System mit anderen Kategorien: Harolds stabiles System bricht schließlich zusammen, weil für das gegnerische System, die IRA,  sein wichtigster Maßstab - die Macht des Geldes - nicht gilt.

 

Mehr noch als MONA LISA ist THE LONG GOOD FRIDAYein Film für den Schauspieler Bob Hoskins, bis hin zu der überlangen Großaufnahme am Schluß, wenn er zähneknirschend seine Niederlage hinnehmen muß. Hoskins zeigt den Gangster als vitalen und ehrgeizigen Kleinbürger, dem sein Patriotismus und seine Prinzipien etwas bedeuten. Wenn er nach Brixton zurückkehrt, ist ihm der Junge, der sein Auto „bewacht", ein Trinkgeld wert, weil er selbst so angefangen hat, und er bedauert, welcher „Abschaum" jetzt in der schönen Gegend wohnt. Er ist stolz darauf, daß er sich aus dem Drogengeschäft heraushält, und ehrlich entrüstet darüber, daß man einen seiner Leute vor einer Kirche in die Luft gejagt hat, und das am Karfreitag. Was ihn nicht hindert, selbst sehr brutal zu werden. Einige hätten schon sein Format gehabt, heißt es, aber die seien alle tot.

 

Zerfall und Ende eines Gangster-Imperiums: man sieht das wirklich nicht zum ersten Mal. Aber nach einem vorzüglichen, teilweise gar brillanten Drehbuch von Barrie Keeffe hat John MacKenzie einen intelligent und genau kalkulierten, nur gelegentlich etwas zu offensichtlich auf Wirkung bedachten Film inszeniert, in dem die Echos der Klassiker - LITTLE CAESAR und SCARFACE, WHITE HEAT, ST. VALENTINE'S DAY MASSACRE und THE GODFATHER - geschickt ins Spiel gebracht sind. Die bewußt übernommenen Formen des amerikanischen Gangsterfilms werden ironisch ausgekostet: es sind ausgerechnet die amerikanischen Partner, die als erste kalte Füße bekommen und sich zurückziehen, je genregerechter es zugeht.

 

Karlheinz Oplustil

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 3/1987

 

Rififi am Karfreitag

THE LONG GOOD FRIDAY Großbritannien 1979. R: John Mackenzie. B: Barrie Keeffe. K: Phil Meheux. Sch: Mike Taylor. M: Francis Monkman. T: David John. A: Vic Symonds. Pg: Calendar Productions/Handmade Films. P: Barry Hawson. V: Filmwelt. L: 3127 m (115 Min.). FSK: 18, nffr. St: 12.2.1987. D: Bob Hoskins (Harold Shand), Helen Mirren (Victoria), Eddie Constantine (Charlie), Dave King (Parky), Bryan Marshall (Harris), Derek Thompson (Jeff), Stephen Davis (Tony), Paul Freeman (Colin), George Coulouris (Gus), Bruce Alexander (Mac), Paul Barber (Erroll), Charles Cork (Eric).

 

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