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Ride with the Devil

 

Dass der amerikanische Bürgerkrieg tauglicher Stoff für Melodramen ist, ist keine Neuigkeit. Dass Ang Lee das Melodram mit Finesse in sein Recht zu setzen weiß, ebenso wenig. Und dass Tobey Maguire fähig ist, einen Film auf seinen schmächtigen Schultern zu tragen, ist spätestens seit Spider Man bekannt. Na also. Bemerkungen zu einem versöhnlichen Kriegsfilm.

 

Den Frauen ist nach Singen zumute. Und da denkt man als Zuseher so bei sich, wie gut es sich trifft, dass eine von ihnen von Folkpop-Starlet Jewel Kilcher dargestellt wird. Aber anstatt die solchermaßen arrangierte Gesangseinlage auszukosten, gehen wir mit Hauptdarsteller Tobey Maguire vor die Tür, um das Haus zu bewachen. Im Hintergrund sind eine Zeit lang, sehr gedämpft, die Stimmen der singenden Frauen zu vernehmen.

 

Diese Geste ist bezeichnend für Ang Lees Regie. Dass er seine Stars, seine Sujets und seine Konflikte plakativ verheizen würde, dass seine Filme in Show ausbrechen würden, ohne jeden Moment wieder zu sich kommen, wenn aufmerksame Ruhe geboten ist, das kann man dem versatilen Regisseur mit taiwanesischen Wurzeln nicht vorwerfen.

 

Viele Genres und Epochen hat er schon durchgenommen, das ist inzwischen sein Markenzeichen, vom asiatischen Martial-Arts-Märchen Crouching Tiger, Hidden Dragon über das Jane-Austen-Melodram Sense and Sensibility bis zum Nixon-Ära-Familien-Katastrophendrama The Ice Storm. Aber erschöpft, nach einer zwingenden, fordernden Aneignung verwüstet zurückgelassen, hat er kein Terrain, auf dem er sich bewegt hat. Nach dem hyper-synthetischen Barry Lyndon ist schwerlich ein zweiter Kubrick-Film über das, mit dem, durch das 18. Jahrhundert vorstellbar, noch eine Variante empathischer Ang-Lee-Victoriana nach Sense and Sensibility dagegen sehr wohl. Nach Ansicht seiner Hulk-Interpretation kann es sogar passieren, dass man sich überhaupt um das eine versprochene deftige Superhelden-Spektakel betrogen fühlt, so sehr hindern Lee dort sein Feingefühl und seine Gesittetheit daran, ordentlich Comic-Action zu melken und dem popkulturellen Zornpinkel sein gerüttelt Maß an physischer Intensität zu verleihen.

 

Meist aber weiß Lee seine Markenzeichen gewinnender mit seinem Material zu vereinbaren. Und ganz kann man diesem Regisseur sowieso nie den Respekt verweigern, angesichts der Konzentriertheit, mit der er bei aller Liebe für stilistische Abwechslung doch immer das eigene (wenn auch keineswegs: dasselbe) in den verschiedenen Geschichten sucht. An dieser Stelle gehört als Mit-auteur natürlich sein beständiger Wegbegleiter, der Drehbuchautor und Produzent James Schamus erwähnt. Das Verbindende an der Lee/Schamusíschen vision du monde ist in erster Linie ein profundes Interesse an sozialen Systemen: Die handelnden Personen interessieren Lees Filme immer in einem geringeren Maße als Charaktere für sich denn in ihren gegenseitigen Abhängigkeiten und Einflussnahmen. Am deutlichsten manifestiert sich das in den repressiven Gesellschaftsordnungen, die viele seiner Filme mit maßvoller Melodramatik schildern: gefühlig in der abgekarteten Anklage gegen viktorianische Repressivität, militärisch-wissenschaftliche Allmachtsphantasien oder die Heiratspolitik im alten China, aber doch auch angenehm differenziert durch eine Neugier im Blick, die die Objektwelten des jeweiligen Milieus ebenso erkundet wie die konkreten Interdependenzen seiner Figuren.

 

Bekehrungs-Geschichte

 

Dass die Wahrheit zwei Seiten hat, und dass sich im Krieg beide nicht gegen einander aufrechnen lassen, erzählt uns Lees Bürgerkriegs-Drama Ride with the Devil immer wieder, in immer ausdrücklicheren Verdichtungen: Der Lynchmord an einem Plantagenbesitzer durch die Unionisten (kleine geschichtliche Starhilfe: das ist die Fraktion der Nordstaaten) wird für dessen Sohn Jack Bull (Skeet Ulrich) und seinen besten Freund Jake (Tobey Maguire) zur Initiation, sich den Bushwackers, der Guerilla-Truppe der Konföderierten anzuschließen. Dort gerät Jake, dessen deutsche Abstammung ihn in den politischen Verwerfungen der Zeit eigentlich zu einem Feind des Südens macht, allmählich zwischen die Fronten und beginnt an der Sinnhaftigkeit seines Kämpfens zu zweifeln, ebenso wie der Ex-Sklave Daniel Holt (Jeffrey Wright), der an der Seite des Gangsters George Clyde (Simon Baker) mit den beiden kämpft. Der Film erzählt bisweilen in getragenem Tempo, mit Zeit für Naturstimmungen und emotionale Nuancen, aber er erzählt nichtsdestotrotz zielstrebig, zugespitzt, beinahe in Gleichnissen, von der Absurdität eines Kriegs, der eine Nation in der Mitte auseinander reißt und aufeinander hetzt.

 

Die politischen Agenden des Kriegs dringen aus der Froschperspektive der Bushwackers nur zögerlich in den Film: Die wehmütige Erzählung vom Niedergang des dekadenten, edlen Südens lässt der Film gelten, setzt ihr aber zugleich ein fragmentarisches Bild von den Nordstaaten als aufgeklärter Allianz der Freien und Fleißigen entgegen. Die meiste Zeit aber metzelt man sich nur gegenseitig ab, und da weigert sich der Film konsequent, einen Unterschied zwischen beiden Seiten anzuerkennen.

 

Ride with the Devil erzählt von einheimisch amerikanischer Gewalt und Gegengewalt aus der Innenansicht eines vorerst enthusiastisch Beteiligten. Ein gewagter, scharfkantiger Film ist es allerdings trotzdem nicht geworden. Dass Gewalttaten nicht gegenseitig aufrechenbar sind, diese Auffassung alleine dürfte selbst in den USA nicht im Anruch marxistischen Schweinekrams stehen. Die Ambivalenzen an entscheidenden Stellen des Films sind zwar vorhanden: Die Gewalt wird nicht kaschiert, ist im Gegenteil überraschend graphisch, während der Film zu Beginn aber nicht vergisst, das bubenhaft Abenteuerliche der Guerilla-Aktionen zu akzentuieren. Aber zu dunkel, sadistisch oder geplagt wird hier keine Protagonistenseele vom Morden. Die Guten sind halt doch einfach die besseren Menschen als die Bösen, die dem Morden verfallen. Und schließlich läuft vor unseren Augen doch wieder die alte Mitleidsnummer ab, von den armen Mitläufern, die schlechten Gewissens mitmachen (in diesem Fall bei der brutalen Stürmung einer Stadt), ohne dass man sie je wirklich klar bebildert mitmachen sähe, so, als könnte man sich von der militärischen Aktion distanzieren, an der man teilnimmt.

 

Versöhnlichkeits-Propaganda

 

Ob das Feigheit ist? Die Suche nach einem schnellen, verstörungsfreien Konsens? Betteln um Oscars? (Letzteres ließe auch der ein wenig zu pompöse Score jenes Mychael Danna vermuten, der für Atom Egoyans Filme kurz zuvor noch brillant eigenständige Klangfarben gefunden hat.) Vielleicht all das, und ein Rückfall in gemütliche Schemata ist in keinem Fall begrüßenswert.

 

Aber die abgeschliffenen Kanten ließen sich auch im größeren Zusammenhang der Bildpolitik dieses Films lesen: Diese ist nicht auf Polemik, sondern auf Versöhnung aus, sie beklagt keine Verbrechen, sondern bereitet - auch mit ihren Bildern von Gräueltaten - vor aufs Sich-Einfügen in das zivilgesellschaftliche Projekt, als das die Sache der Nordstaatler hier in Ansätzen skizziert wird. Der Weisheit letzter Schluss, zu dem Jake und Daniel, ein deutschstämmiger Arbeiterjunge und ein schwarzer Ex-Sklave im Kampf für die Interessen des Südens, schließlich kommen, ist dementsprechend auch nicht, dass sie auf der falschen Seite stehen, sondern dass das einfach nicht ihr Krieg ist. (Praktischerweise ist, sobald sie bekehrt und frei sind, der Krieg ohnehin gerade zu Ende gegangen.)

 

Unproblematisch ist das nicht. Aber man muss zugeben: Die Pose als Propagandafilmer eines versöhnlich-pragmatischen gesunden Menschenverstands steht Ang Lee gut. Sie entspricht dem Temperament seiner Regie, dem Drang zum Differenzieren, zum Einbetten der Menschen in eine konkrete dingliche Welt: Wenn Jack Bull mit der jungen Südstaaten-Kleinadeligen Sue Lee (Jewel) vertraulich werden will, dann muss er erst einmal seine Mitkämpfer dazu überreden, die Höhle zu räumen, in der sie gemeinsam überwintern. Wenn (in der brutalsten Szene des Films) ein Bushwacker nach einem Angriff der Unionisten schwer verletzt ist, dann gilt die Hauptsorge einer möglichst lautlosen Amputation des Arms, um nur ja keine Angreifer in den eigenen Unterschlupf zu locken. Und bis sich Hauptfigur Jake und Sue Lee in ihre unvermeidliche Liebesgeschichte fügen, bedarf es umständlichster Streitgespräche und eines hinterrücks eingefädelten Hochzeit-Komplotts. Dass alles nicht so einfach ist, wie es scheint, das ist hier augenscheinlich.

 

Insofern ist Tobey Maguire natürlich eine richtige Wahl als Protagonist: Wie schon davor in The Cider House Rules und Pleasantville und nachher in Wonder Boys und den Spider-Man-Filmen gibt er hier den versonnenen, leicht abwesenden Pubertierenden, der sich erst mühsam zur selbständigen, freien Tat durchringen muss. Und dabei trägt er den Film so souverän wie später nur als Nerd Peter Parker. Mit langem Haupthaar, Dreitagesbart, Stummelfinger und einer stimmbrüchig krächzenden Synchronstimme, die auf den Originalton neugierig macht, spielt er als störrischer junger Mann mit weichem Herzen sein süffisantes, undurchschaubares Idiotengrinsen zu maximalem Effekt aus. Da kann Clark Gable einpacken.

 

Aber dass das ein für allemal klar ist: So, und nur so, mit diesem Maß an Aufmerksamkeit, Zuneigung und Anstand, ist ein versöhnlicher Kriegsfilm annehmbar.

 

Joachim Schätz

 

Diese Kritik ist auch erschienen in:  flourian.ruhezone

 

Ride with the Devil

USA 1999 - Regie: Ang Lee - Darsteller: Tobey Maguire, Skeet Ulrich, Jewel Kilcher, Jeffrey Wright, James Caviezel, Jonathan Rhys Meyers, Simon Baker, Thomas Guiry - Länge: 138 min. - Start: 4.1.2001

 

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