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Reunion – Der wiedergefundene Freund

 

Ein Film, in dem nichts behauptet, aber alles erfahrbar wird. Der Zuschauer wird beteiligt und magisch in den Bann jener Tätigkeit gezogen, die Sich-Erinnern heißt.

 

Auf dem grobkörnigen Schwarzweiß sieht man, wie er anfängt zu pendeln, ihn , den die Nazis im Gefängniskeller aufgehängt haben, im Dunkeln; von irgendwo kommt ein expressives Licht. Aber dann pendelt schon, im gleichen Rhythmus, die Schaukel ins Bild, helles Tageslicht, Farbe, ein Kind im Central Park. Ein unerhörter Schnitt, ein Gewaltakt, und auf der Tonspur ist es leise. Es konzentriert sich jemand, der hinter dem, was er sieht, etwas anderes wiederfinden will.

 

Fünfzig Jahre nach der Emigration kommt Rechtsanwalt Henry Strauss (Jason Robards) zum erstenmal nach Deutschland zurück, nach Stuttgart, und versucht, sich zu erinnern. Hans hieß er damals, ein Jude. Was ist aus seinem Freund Konrad geworden, der sich für Hitler begeisterte und von einem Deutschland träumte, in dem auch die „guten Juden" und damit einer wie Hans Platz haben sollten? Hans wird in der Rückblende von dem Filmdebutanten Christian Anholt gespielt, Konrad von Sam West, und der Film läßt aus Bildern, die kunstvoll fragmentarisch gehalten werden, die große Freundschaft der Sechzehnjährigen entstehen, wobei wie von selbst die Frage sich stellt, welche Karriere Konrad im Dritten Reich eingeschlagen hat. Der Dialog (Harold Pinter) hütet sich, explizit zu werden. Es fällt kein Wort zu dem, was die Befürchtung, die Angst, die bange Gewißheit des Henry/Hans ist - und sein Motiv, diese späte Reise anzutreten. Aus diesem Motiv bezieht der Film eine sich stetig intensivierende Spannung -, die weder vom Wort noch vom Bild dingfest gemacht wird.

 

Jerry Schatzbergs Film führt keine Spannung vor. Seine Bilder sind im Gegenteil von all dem gereinigt, was sonst Anteilnahme erzwingen soll. Die Erinnerung möbliert ihre Bilder nicht, sie braucht Platz, um Fundstücke unterzubringen. So sind die Räume, die Alexandre Trauner (KINDER DES OLYMP) ausgestattet hat, fast leer, und die Kamera (Bruno de Keyzer) zeigt sie flächig, monochrom. Licht kommt wie in Stummfilmzeiten von außen, die subjektive Perspektive dessen einnehmend, der etwas evozieren möchte. Schatzberg verzichtet weitgehend auf Großaufnahmen, die Darsteller kommen eher fern ins Bild; die Sätze, die sie sagen, sind so spärlich wie die Dekoration. Statt von Raum müßte man eher von Grafik sprechen. Diese fast statischen Fragmente sind aufgeladen von dem, was abwesend scheint: von dem Drama, das wir nicht sehen, das wir aber spüren und fast greifen können, - von den Fragen, die wir an die Personen auf Bildern von Edward Hopper richten möchten.

 

Wie Schatzberg seine Bilder von den Details her entwickelt, die man vor Ort entdeckt, und die (im Film höchst ambivalente) Stadt Stuttgart von Treppen aus konstruiert, baut sich der Zuschauer Erwartung und Beziehungskonstruktion aus den Details auf, die der Film ihm liefert. Henry/Hans sieht im Stuttgarter Hotel deutsches Fernsehen: eine Sendung über Laurence Olivier in der Rolle Heinrich V.; der Moderator unterzieht daraufhin unvermutet den „Volksgerichtshof"-Richter Freisler einer kritisch-professionellen Prüfung aus Sicht der Schauspielkunst. Die Wochenschauzitate sind schwarzweiß, das Hotelzimmer ist konventionell ausgeleuchtet und bunt. Aber jetzt wird es monochrom, denn Hans sieht sich jetzt mit Konrad in der Klasse des Stuttgarter Gymnasiums von 1932, einen Kurzvortrag über Hamlets Schizophrenie haltend und Freud zitierend, der, wie er belehrt wird, Jude ist.

 

Die Sprünge scheinen lediglich den Zweck zu haben, zum Paar Hans/Konrad hinzuführen: in das Jahr, in dem sich ihr Einverständnis herstellte, 1932. Die Freundschaft zwischen einem jüdischen und einem adligen arischen Schüler, einem Konrad Graf von Lohenburg, der sich von Hitler verführen ließ. Hitler erscheint als einer, der in diese Beziehung eindringt und der die Eifersucht von Hans weckt. Erst im Laufe des Films wird sich zeigen, daß die Schwarzweiß- und Grobkornaufnahmen von Olivier und Freisler Auskunft über etwas geben, was der Protagonist nicht erinnern kann, aber wissen will, nämlich, was aus seinem Freund geworden ist.

 

Die Gewißheit nährt sich aus deskriptiven Reihungen, in denen Bilder und Gesten sich repetieren und variieren (die Szenen vor den Eisengittern des Schlosses), verlockend erst, dann zunehmend bedrohlich. In großen Teilen des Films sind die Bilder so aufgebaut, daß man das Gefühl bekommt, in einer Bilderausstellung Exponate abzuschreiten. Selten hat ein Film so sehr den Eindruck vermittelt, daß der Film Teil der Bildenden Kunst und der Fotografie ist. Die Erinnerungsarbeit geht nicht gradlinig wie die Filmgeschichten, die heute erzählt werden. Wie sahen die beiden Großbürgerlichen die Arbeiterklasse? Das Bild, das wir (mit ihren Augen) sehen und das mehrfach in den Film eingeschaltet ist, sagt mit seiner monochromen Farbe und seiner Einstellungsgröße - fern - mehr als es der Dialog erklären (wegerklären) könnte: Es lastet, erscheint fremd und falsch, es bleibt unaufgelöst bestehen. Der Blick auf den von Arbeitern überfüllten Hof der Eyacher Kohlensäure-Industrie bricht sich an einer Schranke.

 

Die Freunde in einer Bild-Komposition; man erschrickt, wenn sich etwas bewegt, so sehr hat die Erinnerung das Bild fixiert. Unbestimmte Erwartungen, vorweggenommene Trauer, unaufgelöste Dramen: „Kaltes und warmes Frühstück", steht über dem Cafe der Bäckerei Eisele, in dem die Freunde sitzen. Bewegung kommt von außen. Wer marschiert, Fahnen hißt und Hetzreden hält, sind SA-Leute, Nazilehrer, Anhänger. Der Schnitt bringt sie im Laufe des Films immer häufiger, immer penetranter und bedrohlicher in Erscheinung. Es ist wirklich nicht nötig, dies noch mit Worten zu erklären.

 

Ich war von diesem überraschend poetischen Schatzberg-Werk sehr beeindruckt. Besonders sympathisch war es, den 83jährigen Trauner im hundertsten Film seiner Ausstatter-Karriere gleichzeitig in seiner ersten Filmrolle zu sehen: als Arbeiter.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 10/89

 

 

 

Reunion – Der wiedergefundene Freund

REUNION

Frankreich/BRD/Großbritannien 1989. R: Jerry Schatzberg. B: Harold Pinter (nach dem Roman von Fred Uhlman). K: Bruno de Keyzer. Sch: Martine Barraqué. M: Philippe Sarde. T: Laurent Quaglio. Ba: Alexandre Trauner. Pg: Ariane-FR3 Films/NEF-CLG Film, mit Tac Ltd./Arbo-Film Maran. Gl. Vincent Malle. P: Anne Francois. V: NEF 2. L: 110 Min. St. 5.10.1989. D: Jason Robards (Henry Strauss). Christian Anholt (Hans Strauss), Samuel West (Konrad von Lohenburg), Francoise Fabian (Herzogin von Lohenburg). Maureen Kevin (Lisa). Barbara Jefford (Frau Strauss), Bert Parnaby (Dr. Jakob Strauss), Shabah Ronay (junge Gertrud), Dorothea Alexander (alte Gertrud).

 

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