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Resist!

 

Jetzt also die DVD. „Resist!“ (2003), der Film vom und über das legendäre Living Theatre, ist ergänzt. Judith Malina, im letzten Jahr 80 geworden, wird in Berlin in der Akademie der Künste geehrt, aber sie lässt nichts über sich ergehen, sie hat immer noch den Elan, den sie vor fünfzig Jahren gehabt hat, als sie zusammen mit Julian Beck Leben und Kunst zusammenbrachte oder Straße und Theater oder sich selbst und die strukturelle Gewalt. Das Extra der DVD ist die Botschaft. Judith Malina ist die Botschaft. Wie könnte es denn anders sein, wenn sie in der Akademie all das zum Leben bringt – und wie! -, das wir resignierend abgehakt hatten. „Leistet Widerstaaand!“ – das mag bei uns keiner mehr rufen.

 

Bleiben wir beim Resist! Bei der mehr oder minder eingestandenen Sehnsucht nach der politischen Botschaft – auf der Bühne, auf der Straße, im Leben. Das Living Theatre ist mit der Geehrten Gestalt geworden: keine Veteranin, aber Vitalität in Person und gelebte Anarchie. Anarchie! Das Wort fällt, vermieden heute von uns allen. Wieso jetzt das kollektive Aufjuchzen von alt und jung? Und wieso kamen letzten Juni so viel Junge in die Akademie? Auf der Bühne saßen drei schlaue Herren, die argumentierten und Einwände hatten und nicht überzeugten, weil sie reserviert dasaßen und schon körpersprachlich signalisierten, dass sie sich nicht auf das Living des Theatres eingelassen hatten.

 

Das Extra der DVD ist das Tüpfelchen auf dem i des Films. Ich ließ mich jedenfalls ergreifen vom Paradise-now!-Gestus, altmodisch meinetwegen, aber anschaulich und unbestreitbar heute als gelebte Utopie. Nicht aufgeben! Sich nicht aufgeben! Ich finde, die Botschaft ist aktuell, wo genug gejammert wird, dass die Utopien abhandengekommen seien.

 

Judith Malina also macht Mut, machte Mut schon seit Anfang der fünfziger Jahre. Filmregisseur Dirk Szuszies gehörte einige Jahre zum Living Theatre. Er weiß, wie man es macht, jemanden zu erreichen. Gewiß nicht mit einem belehrenden off-Ton. „Resist!“ ist kein Dokumentarfilm, der chronologisch durch ein halbes Jahrhundert eilt und einen zuschwatzt. Schwerpunkt sind die letzten Jahre, die Gewaltexzesse der Polizei auf dem G8-Gipfel in Genua, das Internierungslager der israelischen Armee in Khiam, Südlibanon. Verzweiflung und Zweifel an der eigenen Aktion, dem gelebten Theater. Judith Malina, als Tochter eines Rabbi in Kiel geboren, aufgewachsen in New York, bleibt sich treu. Die anarcho-pazifistische Haltung verträgt sich nicht mit Gewaltbereitschaft. Die Libanesen, die Israel Rache schwören, werden die Gruppe verlassen.

 

Grade weil die Strategie des resist gesucht, Empfindung und Missempfindung artikuliert wird, bleibt der Film glaubhaft. Immer wieder fügt er Aufnahmen von Straßenaktionen der frühen Zeit ein, die Agitierung von Passanten auf dem Times Square in New York, die Demo gegen die Todesstrafe in den USA, die eigene Verfolgung, das Exil in Europa, der Mai 68 in Paris, die siebziger Jahre in Berlin. Die Akademie von 2006 hatte damals dem Living Theatre, auf der Flucht vor den amerikanischen Behörden, Asyl gewährt. – Ein großer Film, einladend geschnitten, von poetischer Qualität und politisch geboten. Ja, klingt theatralisch, aber genau das ist am Platz, wenn ein Mensch nicht Argumente austauschen, sondern wirklich etwas will.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Konkret

 

Resist!

Belgien / Deutschland 2003 - Regie: Dirk Szuszies - Darsteller: Judith Malina & Living Theatre - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 90 min. - Start: 14.10.2004

 

DVD:

2006 bei www.karinkaper.com; 90 Minuten plus Extras

 

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