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REISEN INS LEBEN –

WEITERLEBEN NACH EINER KINDHEIT IN AUSCHWITZ

 

 

Ein Texttransfer: Die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Ruth Klüger, 65, liest in Mitscherlichs Film REISEN INS LEBEN aus ihrem Buch "Weiterleben" vor. Sie erzählt von Auschwitz, ihrer Flucht, ihrer neuen Heimat New York, von Depressionen und vergeblichen Versuchen, jemanden für ihre Gedichte zu interessieren, mit denen sie ihre Traumata verarbeitete. Der Zuhörer, so berichtet sie, habe ihre autobiographische Poesie als Zumutung empfunden, sie sein Desinteresse als Beleidigung. Auch in Thomas Mitscherlichs Film bleiben die Gedichte unrezitiert und unrezipiert. Aber ihre resignierende Klage über die Gleichgültigkeit, mit der sie in den USA empfangen wurde, wird vom Film transportiert. Wobei das Ziel dieser Reise wiederum eine Publikation ist. Im September erscheint das von der Regieassistentin und wissenschaftlichen Mitarbeiterin am Bremer Institut Film Fernsehen, Barbara Johr, herausgegebene Buch „Reisen ins Leben", das das Film-„Fragment" vervollständigen wird.

Neben Ruth Klüger sitzen in diesem 130-Minuten-Film zwei wortgewandte alte Herren vor der Kamera, Intellektuelle und Künstler, die über ihre Jugendzeit im Vernichtungslager Birkenau, also über Unaussprechliches sprechen. Der Soziologe und Schriftsteller Gerhard Durlacher, 68, berichtet aus den Niederlanden, der Maler und Hochschullehrer für Kunst, Yehuda Bacon, 67, aus Israel. Auch hier interessiert sich die Kamera weniger für die Baconschen Zeichnungen und Bilder, die er international ausgestellt hat, sondern mehr für die Texte, die er über sein Leben nach Auschwitz für die Kamera parat hat. Wir haben die Sitzordnung und Kadrierung einer Talk-Show, in welcher Moderator Mitscherlich freilich im Off bleibt und von dort aus, aber dezidiert, das eine oder andere anmerkt.

Da die Autobiographie der drei Protagonisten textlich behauptet, aber visuell ausgespart wird, stehen als Bilder über die schreckliche Kinderzeit nur Gesichter rüstiger Pensionäre zur Verfügung. Wie denn auch sonst. Die Reise, die von der Auschwitz-Vergangenheit in die Gegenwart der neuen Heimat zurückgelegt wird, bleibt Gedanke. Hierfür findet der Film ein eigenes Bild, eine stark abstrahierende Struktur: Ein Asphaltband windet sich durch Landschaften, Wüsten, Highways. Es proportioniert den Redefluß der drei Überlebenden zu Anekdoten. Next Exit, nächstes Erlebnis. Ein Roadmovie strukturiert die Talk-Show.

Vielleicht ist es richtig, daß den drei Überlebenden, die sich hinter wohlgesetzter Rede verbergen, auch vom Film nicht nähergetreten wird. Den biographischen Schrecken erfahren wir optisch über eine dritte Struktur des Films. Es sind Reportagen amerikanischer Kamerateams, die 1945 die Befreiung der Lager und die Trecks der Displaced Persons und der Vertriebenen dokumentierten. Aber auch hier verschafft sich der Film Entlastung durch ästhetische Distanz. "Ich drehte mit dem Teleobjektiv, ich wollte Distanz". wird der amerikanische Kameramann zitiert, der in Buchenwald die Weimarer Bürger ins Visier nahm, und der Film selbst findet im stetigen Saxophonsolo und in der kunstvollen Musik Jens Peter Ostendorfs zu akademisch gesichertem Niveau.

Autor Mitscherlich, Co-Leiter des Bremer Instituts Film/Fernsehen, hat sich in seinem Film als Person zurückgenommen. Die REISEN INS LEBEN haben dadurch die objektive Distanz einer wissenschaftlichen, tadellosen und einwandfreien Seminar-, gar Forschungsarbeit. Ich kann mir nicht helfen: Mir erscheint die akademische Kälte dem Thema nicht angemessen. Ruth Klüger spricht von Depressionen, und wir erblicken Schäfchenwolken am blauen kalifornischen Himmel (und hören das Saxophon), oder in der Dämmerung steigen minutenlang Drachen auf, oder Skateboardfahrer tummeln sich (zur leidenden Betroffenenstimme) auf dem Asphalt: Der Film verabreicht Beruhigungsmittel. Wie unzulässig beruhigend, dazu die Anekdoten zu hören, die von Ausländern berichten, die "auch" böse zu den Juden waren. Als Gerhard Durlacher nach Holland zurückkehrte, traf er dort den Nachbarn, der den Anzug des in Auschwitz ermordeten Vaters entwendet hatte und darin dem Sohn gegenübertrat. Die Engländer internierten 50.000 Israelimmigranten unter unmenschlichen Bedingungen in Zypern. Die Polen veranstalteten in Kielče ein Pogrom. Die USA ließen sich von Juden, die gesund geblieben waren, die Schiffspassage für die Atlantiküberquerung zahlen. Und die Freunde der Literatin Klüger verweigerten auf beleidigende Weise die Lektüre der Auschwitz-Gedichte. Wenn all dies den Deutschen mit seiner Auschwitz-Schuld nicht beunruhigen soll, dann hätte ich auf ein reflektierendes Wort im Film gewartet.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

PS. Die REISEN INS LEBEN gaben mir keine Ruhe. Auch wurde mir inzwischen meine Aversion verdächtig, die zur Frage an Mitscherlich geführt hatte, ob er durch die Darstellung der Unbill, die den Auschwitz-Überlebenden außerhalb Deutschlands widerfahren war, die Deutschen nicht entlastet habe. Mitscherlich, mit dem ich den Film mittlerweile diskutiert habe, gab mir die Frage zurück. Sollte es mein persönliches Problem sein, mich zu fürchten, an meinem Väterbild könnte durch den Film etwas beschädigt werden? Am Schuld-Verdikt (schuld haben die Väter/Großväter) könnte auf eine mich behelligende Weise etwas geändert werden? Bin ich gar an einer Tabuisierung schuld? - Also gut, ich sehe es ein, die Identifikation mit den Opfern kann möglicherweise eine unzulässige Bequemlichkeit sein. Auf jeden Fall sollte der Blick nicht darauf verstellt sein, daß Mitscherlich der erste ist, der davon abgeht, Täterkarrieren zu erforschen. Deswegen lege ich wert auf dieses Postskriptum: REISEN INS LEBEN erforscht Opferkarrieren. Dieser Perspektivwechsel ist das Einmalige und Besondere an Mitscherlichs Film. Es ist in der Tat Zeit, die Geschichte der Vergangenheitsbewältigung zu schreiben. Dagegen habe ich überhaupt keine Aversion. Im Gegenteil. 

D.K.

 

Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht in: epd film

 

 

REISEN INS LEBEN – WEITERLEBEN NACH EINER KINDHEIT IN AUSCHWITZ

BRD 1995. R und B: Thomas Mitscherlich. P: Elke Peters K: Bernd Fiedler. Sch: Margot Neubert-Maric T: Alexander Georgia M: Jens Peter Ostendorf. Pg: Bremer Institut Film/Fernsehen V: Salzgeber. L: 130 Min. St: 12.9. 1996

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