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Die Regeln des Spiels

„Das Tutorium über den ‚Postmodernen Zustand’ fällt heute aus.“

 

Alleine in der Postmoderne

 

„Die Regeln des Spiels“, das sind eigentlich dem O-Titel zufolge die „Regeln der Anziehungskraft“, denn der Film geht der Frage nach, mit welchen Methoden sich Camden-College-Studenten begehrenswert zu machen pflegen. Das oberste Gebot scheint dabei zu sein, alle anderen wie Dreck zu behandeln, bevor, nachdem oder auch während man mit ihnen fickt. Je cooler man ist, desto begehrenswerter, je egoistischer, desto attraktiver. Um drei bis sechs dieser jungen ego shooters kreist der Film, und darum, wie sie sich anstrengen, die Zeitspanne zwischen zwei Kopulationen kurz zu halten, aber auch wie die Regeln der Attraktion einer antiquierten anderen Sache im Wege stehen, der Verliebtheit nämlich.

 

Besonders die männlichen Parts des Films bestechen durch ihre Rücksichtslosigkeit, zumindest zwei der jungen Frauen aber sind tiefromantisch. Die eine, Lauren, will ihre Jungfräulichkeit sogar für den einen, Viktor, aufheben, der - und das ist typisch - sich aber leider gerade durch halb Europa vögelt. Cool sein und verzweifelt sein sind die beiden Seiten derselben Medaille. Je mehr Leere, Beliebigkeit, Wertlosigkeit in diesem „Postmodernen Zustand“ ohne Tutorium, je abwesender also irgendeine Orientierung in diesem Seinszustand ohne Zukunft und Perspektive ist, desto wichtiger ist das Moment und der Moment starker Gefühle: Orgasmen, Drogen-Exzesse – wichtig ist aber auch das einzige über den Moment hinausweisende Gefühl, es könne jemand anderen geben, der einen aus all dem herausholt, weil er oder sie für einen gemacht ist.

 

Der Konflikt und das Thema des Films ist die Reibung zwischen diesem letzten (bürgerlich-) romantischen Ideal und der kapitalistischen Definierung des Menschen zum Produkt und Konsumgut, zu einem zum Verbrauch bestimmten Verbraucher anderer Menschen, als seien sie nützliche Dinge, wie Koks, Pornofilme, Kleenextücher...

 

„Die Regeln des Spiels“ setzt nicht voraus: Wenn unsere/die amerikanische/die turbokapitalistische Wirtschaftsideologie von uns fordert, leistungsmaximierte, konsumwillige, flexible, gegen andere und sich selbst rücksichtslose Individuen zu sein - höchste Funktionalität also, die eine größtmögliche Instrumentalisierbarkeit gewährleistet - dann spiegeln diese Regeln sich auch in unserem Privaten wider, dann müssen die Charakteristika dieser schönen Verbrauchskörper und leistungsfähigen Sexmaschinen des Films: Schnelligkeit und Hedonismus (aber untrennbar davon auch Vergesslichkeit, Oberflächlichkeit, Ersetzbarkeit) vom gleichen Stoff sein wie die ihrer gesamtgesellschaftlichen Eigenschaften: Der Mensch in seiner Dreifachfunktion, als Produzent, Konsument und als Ware. Das setze nur ich voraus.

 

Der Film zeigt nur den Endzustand: Losgelöst von seiner Menschlichkeit, getrennt von echten Gefühlen versucht das Personal zu überleben, was nicht immer gelingt.  Besonders dann nicht, wenn doch noch Gefühle störend dazwischen geraten. Eben das aber geschieht in „Die Regeln des Spiels“. Die Hauptfiguren des Films sind nicht wirklich, was viele Kritiker von ihnen behaupten, kalt und gleichgültig und unplausibel, und zwar deshalb nicht, weil in ihnen der letzte menschliche und damit unkalkulierbare Faktor gegen alle Regeln weiterbestanden hat: Der Wunsch nach Sinn statt Funktion, nach Glück statt Hedonismus. Auch wenn die Verfolgung dieses Zieles mehr als mangelhaft ausfällt...

 

„Ich habe nur mit deiner Freundin geschlafen, weil ich dich liebe!“ Sean ist aufrichtig, als er das zu Lauren sagt, nicht weil er ein Zyniker ist, sondern weil Promiskuität eine anerkannte und unter Singles verbreitete moderne Lebensform ist, die mit Liebe nichts zu tun hat. Und wenn er mit Laurens Freundin schläft, dann nur, um einen Ersatz für Lauren zu haben, die nicht zur Party erschienen ist, was eigentlich soviel bedeutet wie, dass er sie vergessen soll. In der Sprache der Coolness sind die Signale knapp und kurz, und schnell müssen sie dechiffriert werden, weil die rasende Zeit ihren Tribut fordert. Ungefickt nach Hause zu gehen (nicht attraktiv zu sein), ist schon wie der Tod, ein doppelter Tod, eigentlich der wahre Tod ist es, wenn man gerade seine buchstäblich einzige Hoffnung auf Glück verloren hat und ungefickt nach Hause geht.

 

Handlungen nach Vorgaben, die Riten der Unnahbarkeit, die Regeln der Attraktivität, die deshalb hässlich ist, weil sie wie jedes Konsumobjekt reine Oberfäche ist und deshalb menschlich inkompatibel.

Das Ende des Films ist sein Anfang. Dazwischen aber keine wirkliche Entwicklung, nur die Beschreibung eines Zustands. Ein Eingefrorensein in der Unzulänglichkeit, der emotionalen Verkrüppelung, im falschen Regelsystem. Irgendwie schön, dass Lauren das (irgendwie) begreift, nur schade, dass sie so etwas sagt, wie: „Wir sind es alle nicht wert....“

 

„Die Regeln des Spiels“ ruft aufgrund seiner provozierenden Thematisierung einer neuen Kälte der zwischenmenschlichen Beziehungen die gleichen Einwände auf den Plan wie Larry Clarks Film „Kids“, wo sich 15jährige etwa ebenso verhalten wie die Studenten in den „Regeln...“ Hauptvorwurf ist dabei stets, das alles sei nicht plausibel. Roger Ebert gar hat moniert, in „The Rules Of Attraction“ gebe es keine Identifikationsfigur. Für ihn mag es keine geben, zu seinem Glück. Meine Befürchtung geht dahin, dass der Film deshalb nicht so schlecht ist, weil er bei Einigen Erinnerungen weckt, an Gedanken oder Situationen oder Handlungen, die Einigen nicht (mehr) so fremd sind, wie sie es besser sein sollten. Ich glaube, die Regeln des Spiels kennen wir in Deutschland bereits alle. „Sozialabbau“ ist identisch mit  „Egoshooting“. Dafür, dass die neuen Regeln auch bei uns nachhaltig eingeführt werden, wird von allen politischen Parteien gesorgt werden. Wir haben schon jetzt mehr keine Wahl. Der einzige Grund dafür, dass wir glauben, vor ihnen gefeit zu sein, liegt in der hohen Kunst der Verdrängung - worin gerade wir Deutschen Weltmeister sind.

 

„Die Regeln des Spiels“ ist eine weitere Verfilmung eines Bret Easton Ellis-Romans, wie vorher „Unter Null“ und „American Psycho“. Da ich bisher kein Ellis-Buch gelesen habe, kann ich nach dieser Information völlig unbefangen weiter den Film rezensieren, nicht ohne mit der Vermutung anzuknüpfen, dass es in Ellis’ Version der „Rules of Attraction“ vielleicht eine Spur härter, zynischer, provokativer und hoffnungsloser zugehen mag. Jedenfalls fehlt dem Film der letzte, der gemeine und schwarze Biss. Vielleicht weil Regisseur Roger Avary auf Kompromiss hin gearbeitet hat. Die Idee, junge und attraktive und allseits beliebte Fernsehserienschauspieler mit den Hauptrollen zu bedenken, ist sicherlich eine gute. Es ist wohltuend, gerade die Repräsentanten eines blitzsauberen Amerikas dabei zu beobachten, wie sie selbiges demontieren. Zum anderen zielt die Schauspielerwahl natürlich zwangsläufig auch auf ein naives jugendliches Publikum ab, das eventuell mit der ganzen Wucht einer Ellis-Geschichte überfordert wäre. Vielleicht wird im Film deshalb nicht soviel gekotzt, gewichst und gevögelt und vergewaltigt, wie es notwendig wäre, um eine Punktlandung im Schwarzen zu machen, viellleicht sind die Leute deshalb nicht ganz so gemein zueinander, wie sie sein könnten, und vielleicht sieht er deshalb leider manchmal wie „American Pie“ aus? In Punkto TV- und Hollywood-Kritik leistet da etwa der ganz andere „Starship Troopers“ beinahe mehr als „Die Regeln...“

 

Optisch ist der Film voller anregender und z.T. auch den Inhalt unterstreichender Ideen. Szenen werden plötzlich zurückgespult, um an einer Art Gabelung einen anderen zeitlich parallelen Handlungsstrang im „Play-Modus“ zu verfolgen. Zeit wird angehalten und zurückgeführt, aber überall und zeitgleich findet eine andere Form des privaten, narzisstischen Unglücks statt. In einer langen Splitscreeneinstellung beobachten wir den einsamen Held und die einsame Heldin bis zu dem Moment, in dem sie sich gegenüber stehen, sich verlieben und die geteilte Leinwand zu einem Bild verschmilzt: Sie sind zusammen.  Für einen flüchtigen und sichtbaren Moment. Dann rennt sie schnell weg...

 

Zwei Szenen bei einem Dealer erinnern stark an den Stil der Filme „True Romance“ (Regie: Tony Scott ) und „Pulp Fiction“ (Regie: Quentin Tarantino). Zu beiden schrieb Quentin Tarantino das Buch, bei letzterem half sein Kumpel Roger Avary kräftig aus (die Szene der „Autoreinigung“ z.B. stammt von Avary). Bei den Dealerbesuchen im Film tritt der gesellschaftskritische Aspekt des Films spürbar in den Hintergrund, und dem trashigen Spaß an unbefangen derber Action wird freier Lauf gelassen. Nicht nur einmal gibt Avary dem Effekt, dem grell gefilmten Sex and Crime, den Vorzug. Das ist zum einen kurzweiliger und spannender, zum anderen aber hinterlässt es leider keine rechte Tiefen- und Langzeitwirkung. Beim zweiten Ansehen funktionieren Avarys Überraschungseffekte leider nicht mehr so recht. Und hier zeigt sich, in welch unterschiedlichen Klassen Avary und Tarantino spielen, oder wenigstens gespielt haben: „Pulp Fiction“ schafft es, alles zugleich zu sein und zu bleiben, krudes Gewaltspektakel, dessen Thrill nach dem 10. Mal immer noch nicht abgenutzt ist, aber zugleich Filmkunstwerk und Allegorie, ein Klassiker eben.

 

Oft werden übrigens die Filme „True Romance“, „From Dusk Til Dawn“ (Regie: Robert Rodriguez), „Natural Born Killers“ (Regie: Oliver Stone; Buch: Tarantino, der sich dann allerdings vom fertigen Film distanzierte) dem Regisseur Tarantino zugeschrieben. Auch „Killing Zoe“, Avarys Frühwerk, das etwa zeitgleich mit „Pulp Fiction“ entstand, gehört aufgrund seines Tarantino-Stallgeruchs zu diesen falschen Zuschreibungen. Avary scheint das zu lange so genervt zu haben, so dass er gleich in einer der ersten Szenen einen Filmstudenten Aufklärungsarbeit leisten läßt: „Also du kennst doch den Film, von dem ich gerade spreche, oder? Also,der wird immer fälschlicherweise Tarantino zugesprochen, obwohl der nur ausführender Produzent war.“

 

„Die Regeln des Spiels“ ist insgesamt gelungen, schon der brisanten Romanvorlage und ihrer vielen treffenden Dialoge, Monologe und Handlungsweisen wegen. Der Film ist ein Amalgam ungewöhnlicher visueller Einfälle, und des tarantinesken Trashkinos, des Teenagersexfilms, der provokanten Kulturkritik eines Ellis, und der Film konfrontiert glücklicherweise mehr, als er moralisiert oder erklärt. (Erklärungen passen nun auch gar nicht zum „Postmodernen Zustand“ - es sei denn sie kommen von Filmkritikern...). Obwohl ich „Die Regeln des Spiels“ nicht für absolut gelungen halte, gefällt mir der Film besser, hat er mir mehr gegeben, als „Kill Bill – Volume 1“, der mich irgendwann schlicht gelangweilt hat – ich sage damit wohlgemerkt noch nichts über den kompletten „Kill Bill“. Für mich ist Avary zur Zeit der bessere Tarantino. Avary’s Verfilmung des Ellis-Hauptwerks „Glamorama“ ist demnächst in trockenen Tüchern, und darauf bin ich mindestens genauso gespannt wie auf „Kill Bill - Teil 2“.

 

Andreas Thomas,   Dezember 2003

 

Diese Kritik ist erschienen in der www.filmzentrale.de und bei ciao.de

 

Die Regeln des Spiels

(The Rules of Attraction)

USA 2002, 110 Minuten

Regie: Roger Avary

Drehbuch: Roger Avary, nach dem Roman von Bret Easton Ellis

Musik: Tomaandandy

Director of Photography: Robert Brinkmann

Schnitt: Sharon Marie Rutter

Produktionsdesign: Sharon Seymour, Christopher Tanden

Hauptdarsteller: James van der Beek (Sean Bateman), Ian Somerhalder (Paul Denton), Shannyn Sossamon (Lauren Hynde), Jessica Biel (Lara), Kip Pardue (Victor), Thomas Ian Nicholas (Mitchell), Kate Bosworth (Kelly), Fred Savage (Marc), Eric Stoltz (Mr. Lance Lawson), Clifton Collins Jr. (Rupert), Faye Dunaway (Mrs. Denton), Swoosie Kurtz (Mr. Jared), Clare Kramer (Candice)

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