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Die Probeaufnahme

Michelangelo Antonioni drehte für I TRE VOLTI (DREI GESICHTER EINER FRAU) die erste Episode, Die Probeaufnahme, Mauro Bolognini die zweite (Das Ende einer großen Liebe) und Franco Indovina die letzte (Der >perfekte< Liebhaber). I TRE VOLTI war ein Projekt des italienischen Produzenten Dino de Laurentiis, um Prinzessin Soraya, die persische Ex-Kaiserin, als Filmstar zu präsentieren. »Nervosität und Aufregung herrscht in den Produktionsbüros und Studios von Dino de Laurentüs, dem erfolgreichsten Produzenten Italiens. An diesem Abend soll - nach Betriebsschluß - eine Entscheidung fallen. Eine Entscheidung, die strengster Geheimhaltung unterliegt: Probeaufnahmen mit Prinzessin Soraya ... Dino de Laurentiis hat nur wenige Leute seines Stabes in dieses Geheimnis eingeweiht. Wenn die Testaufnahmen zu einem negativen Ergebnis führen, wird die Öffentlichkeit nie davon erfahren ...« [Ausschnitt aus der Inhaltsangabe zu I TRE VOLTI, den der Gloria-Film-Verleih unter dem Titel Drei Gesichter einer Frau 1965 in der Bundesrepublik Deutschland startete.]

 

»Von den drei Episoden, aus denen dieser Film I TRE VOLTI bestehen sollte, ist in der endgültigen Schnittfassung von Michelangelo Antonioni nur noch eine »Prefazione« (Vorspiel) geblieben. Es ist der Versuch einer Reportage, wie die Exkaiserin zur Schauspielerin wurde: vor allem jene Episode, wie der Journalist Ivano Davoli von der kommunistischen Zeitung Paese Sera dahinterkam, daß Probeaufnahmen gemacht werden sollten, wie gleichsam ein Katz- und Maus-Spiel zwischen De Laurentiis und Davoli anhebt und wie zuletzt der Journalist zwar die Meldung, aber kein Foto erwischt hat. Die Geschichte um Soraya selbst tritt dagegen fast zurück, und nur in der Szene des (auf deutsch geführten) Telefongesprächs mit ihrer Mutter zeigt die künftige Schauspielerin einige natürlichere Bewegungen und ein etwas lebendigeres Mienenspiel. Am wichtigsten sind Antonioni offensichtlich die dokumentarischen Aufnahmen vom Morgengrauen über der römischen Campagna und der noch schlafenden Stadt gewesen, großenteils in der EUR-Siedlung fotografiert, wo schon sein Film L'ECLISSE spielte, und es scheint nicht ganz ausgeschlossen, er habe hier die bei L'ECLISSE übriggebliebenen Bildfolgen verwendet. Der beherrschende Schauspieler dieses Antonioni-Vorspiels ist der Journalist Davoli [Ulrich Seelmann-Eggebrecht (USE) in den Stuttgarter Nachrichten vom 19. Februar 1965 über die Uraufführung des Films in Mailand.]

 

»Das also ist Prinzessin Sorayas erster Film. Nach geschickten propagandistischen Arrangements setzten schon bald Enttäuschung und Streit ein. Der Leidtragende ist vor allem Michelangelo Antonioni, der den »Prolog« dieses Films geschaffen hat. Schon während der Dreharbeiten war von Unverträglichkeiten die Rede. Weiterer Ärger wurde publik, als der Produzent Dino de Laurentiis machtherrlich den Prolog beschneiden ließ. Antonioni wollte seinen Namen fortan im Titelvorspann nicht mehr sehen. Angeblich hat er beim Verleih der deutschen Fassung (Gloria, C.L.) diesen Wunsch durchgesetzt. Aber in der vom Rezensenten besuchten Vorführung war Antonioni im Vorspann genannt. Und auch der Prolog war wieder vorhanden, nachdem er zunächst in den deutschen Kopien gefehlt hatte.

Vorweg gesagt: Dieser Prolog ist an all diesem Mittelmäßigen das beste. Unter Antonionis subtiler Regie wird in halbdokumentarischer Form Soraya als Soraya gezeigt. Die von fixen Zeitungsleuten aufgespürte Geheimniskrämerei um Sorayas Probeaufnahmen, das Gebaren der Filmgewaltigen wegen dieses heiklen Projekts gestaltete Antonioni in dem ihm eigenen minutiös betrachtenden Bildstil, mit satirischem Unterton, zu einer heimlich entlarvenden Studie über Praktiken der Filmproduktion.«[Bas. im Katholischen Filmdienst Nr. 20/21 vom 19. Februar 1965]

 

Antonioni selbst sagte 1969 in einem Interview über die ursprüngliche Fassung: »Unglücklicherweise hat niemand den Film je gesehen. Die Produzenten zerstörten das Negativ und beschnitten den Film drastisch. Ich beschäftigte mich nicht nur mit der Farbe, sondern auch mit der Realität. Ich filmte Sorayas Probeaufnahmen für den Film. Das war Wirklichkeit. An einer Stelle macht die Kamera einen 360-Grad-Schwenk, sie zeigt das Studio und mein Team [M.A. in einem Interview mit Gene Youngblood aus Rolling Stone, deutsch in Film Nr. 10, Oktober 1969]

 

Recherche von Claudia Lenssen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Michelangelo Antonioni; Band 31 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1987.

Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung der Autorin Claudia Lenssen und des Carl Hanser Verlags.

 

Die Probeaufnahme

PREFAZIONE

Italien 1965. - Episode des Films I tre volti. Drei Gesichter einer Frau. Regie, Buch: Michelangelo Antonioni. - Kamera: Carlo Di Palma. Kamera-Führung: Otello Martelli. - Schnitt: Eraldo Da Roma. - Ton: Vittorio Trentino. - Musik: Piero Piccioni. - Bauten: Franco Bottari. - Auststattung, Kostüme: Piero Tosi. - Regie-Assistenz: Silvio Maestranzi, Gianni Arduini. - Darsteller: Soraya (Soraya), Ivano Davoli (Journalist), Giorgio Sartarelli (Fotograf), Piero Tosi (Ausstatter), Dino De Laurentiis, Alfredo De Laurentiis, Ralph Serpe (Produzenten). - Produktion: Dino De Laurentiis Cinematografica, Rom. - Produktion: Alfredo De Laurentiis. - Produktionsleitung: Lucio Orlandini, Carlo Bartolini. - Format: 35 mm, Farbe (Technicolor). Original-Länge des ganzen Films: 117 min. Deutsche Länge: 87 min. - Länge der Antonioni-Episode: ca. 25 min. - Uraufführung: 11.2.1965, Teatro Nuovo, Mailand. Deutsche Erstaufführung: 2.4.1965. - Verleih: offen.

 

Titel, Regie, Buch und Darsteller der anderen Episoden: Amanti celebri. Das Ende einer großen Liebe. - Regie: Mauro Bolognini. - Buch: Tullio Pinelli, Cuve Exton. - Darsteller: Soraya (Linda), Richard Harris (Robert) Esmeralda Ruspoli (Hedda), José De Villalonga (Rudolph). Latin Lovers. Der perfekte Liebhaber. - Regie: Franco Indovina Buch: Alberto Sordi, Rudolfo Sonego, Franco Indovina. - Darsteller: Soraya (Madame Melville), Alberto Sordi (Armando Tucci), Goffredo Alessandrini (Direktor), Renato Tagliani, Alberto Giubilo (Fernsehreporter). Die deutsche Fassung des Films war zeitweise um die Antonioni-Episode gekürzt, da Antonioni dem deutschen Verleih untersagt hatte, Schnitte an seiner Episode vorzunehmen.

 

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