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Predator

 

Vorbetrachtungen:

John McTiernan debütierte 1986 als Regisseur mit dem etwas schwerfälligen Horrorthriller NOMADS. Der Steifen wurde von Kritik und Publikum als Durchschnittsware eingestuft. Mit seinem zweiten Film PREDATOR gelang McTiernan 1987 allerdings ein großer Wurf, zumindest was dessen allgemeine Rezeption durch die internationale Science-Fiction-Fangemeinde betraf. Nicht etwa eine besonders originelle Story brachte PREDATOR diesen Erfolg - im Gegenteil, das Material des Films ist ziemlich trivial. Was PREDATOR zu erstaunlicher Wirkung verhilft, ist ein ungewöhnlicher Designaspekt, nämlich die Besonderheit, als hybride Konstruktion mehreren Filmgenres gleichzeitig anzugehören.

 

Schon 1979,  also acht Jahre vor PREDATOR, hatte Ridley Scott in seinem Film ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT höchst erfolgreich mit Metamorphose und Synthese verschiedener Genres experimentiert. Scott entwickelt die Exposition in ALIEN zunächst gemäß elementarer Regelcodizes des Sciene-Fiction-Films, um die Geschehnisse anschließend sukzessive, aber unerbittlich in ein Horrorszenario zu überführen. In PREDATOR nimmt die Handlung dagegen im Format des typischen Dschungelkriegsfilms ihren Lauf: US-Kommandokämpfer veranstalten inmitten feuchtgrünen Urwalds eine Tour de Force inklusive heftiger Ballerei. So wähnt sich der Zuschauer bald in der Welt von APOCALYPSE NOW (1979) und PLATOON (1986). Doch McTiernan unterwirft den logischen Fortgang der Geschichte einer ebenso überraschenden wie gewaltsamen Umformung. Das Kriegsfilmthema erfährt zunächst eine eigentümliche Verlangsamung, schließlich sogar die psychotische Auflösung: ein außerirdischer Krieger bricht in die Kampfzone ein, er sucht nach Beute, sammelt die Schädel und Häute seiner Opfer. Die Militärs werden zu Gehetzten des dämonischen Trophäenjägers.

 

ALIEN und PREDATOR bedienen sich einer dramaturgischen Technik, deren kunstvolle Anwendung Agatha Christie 1939 in der Geschichte mit dem politisch heute nicht mehr ganz korrekten Titel „Zehn kleine Negerlein“ (mittlerweile in „Und dann gab’s keines mehr“ geändert) effektvoll demonstrierte: einem alten Kinderreim folgend, beginnt der Killer dieser Krimigeschichte damit, zehn auf einer Insel gefangene Männer und Frauen der Reihe nach ins Jenseits zu befördern. Die Pointe der dramaturgischen Anlage liegt nun in der Frage, ob es gelingt, den Killer zu entlarven und zu stoppen, bevor er die gesamte Reisegesellschaft eliminiert...

 

Zum Inhalt von PREDATOR:

Der erfahrene US-Kommandokämpfer Dutch Schaefer (Arnold Schwarzenegger) wird mit seinem Spezialteam zu einem Rettungseinsatz in den zentralamerikanischen Dschungel zitiert. Die Aufgabe besteht darin, ein Guerillacamp zu neutralisieren, angeblich um mehrere us-amerikanische Geiseln zu befreien. Nachdem man Schaefer und sein Team unter der Leitung des CIA-Mannes Dillon (Carl Weathers) per Hubschrauber im Dschungel abgesetzt hat, beginnen Marsch und Suche. Recht bald finden Schaefers Leute einen abgeschossenen US-Helikopter samt toter Piloten. Und Schlimmeres: in der Nähe der Absturzstelle hängen einige tote US-Soldaten in den Bäumen. Die Toten bieten einen grauenerregenden Anblick, man hat sie vollständig abgehäutet.

 

Das Team setzt die Suche nach den Geiseln fort und stößt schließlich auf das Rebellencamp. Schaefer beobachtet mit dem Feldstecher die Liquidierung eines Gefangenen – sicher eine der gesuchten Geiseln - durch einen Guerillakämpfer. Er befiehlt den sofortigen Sturm des Camps. Bald sind alle Gegner ausgeschaltet, doch der Erfolg dieser Aktion bleibt fragwürdig, denn es werden keine lebenden Geiseln entdeckt. Man macht nur eine Gefangene – Anna (Elpidia Carrillo), vermutlich eine Rebellin. CIA-Dillon scheint allerdings gefunden zu haben, wonach er in Wahrheit suchte: einige Karten, Papiere und Kommandoaufzeichnungen.

 

Schaefer sieht sich getäuscht, denn nicht um Geiselbefreiung ging es hier, soviel ist nun klar. Das eigentliche Ziel der Mission bestand offenbar von Anfang an darin, in den Besitz gewisser Informationen zu gelangen – der Zuschauer versteht: wir sind Zeugen äußerst suspekter Machenschaften der CIA. Rückmarsch mitsamt der Gefangenen. Das Kommando steht unter keinem guten Stern. Gemäß der Christie-Dramaturgie, freilich in vereinfachter Variante, wird die Dschungelgesellschaft nach und nach durch einen beinahe unsichtbaren Killer dezimiert. Recht blutig geht es dabei zu, archaisch und erbarmungslos. Anna gelingt es, zu flüchten. Als einziger Kämpfer bleibt Schaefer übrig. Er muß die kathartische Erfahrung des Zusammenbruchs durchleiden, versinkt unter den gewaltigen Schlägen des unbekannten Feindes in Staub und Dunkelheit. Schaefer-Schwarzenegger begegnet dem eigenen Kollabieren mit regressiver Strategie. Er macht sich unsichtbar, wird buchstäblich zum Wurm, zum Schlammspringer. Er läßt alle High-Tec-Waffen fahren, wühlt sich in den Morast und verharrt lauernd. Diese Strategie geht auf, sie läßt Schaefer letztlich über seinen unheimlichen Gegner zu triumphieren.

 

 

Kritik:

Der Film beginnt, das Rettungs-Kommando macht sich auf den Weg, und schon ist offensichtlich: diese Soldaten sind keine Helden antiken Formats. In der Bande finden wir keinen Odysseus, keinen Achilles und auch keinen Beowulf. Es sind Vertreter der Deklassierten, die hier antreten, Männer ohne Bildung, ohne Gesinnung, ohne geistigen oder charakterlichen Adel, roh – verroht in ihrem Job als Elitesöldner, kurzum: Gesindel. Es ist klar, daß der Regisseur mit derartigen Charakterzeichnungen kaum Sympathien erzeugen kann. Und es sind ja auch gar keine Charaktere, die wir hier beobachten, sondern lediglich vage Identitäten, die auf einzelne Ideen reduziert wurden. In der martialischen Schar gibt es beispielsweise einen introvertierten Indio-Soldaten – Billy (Sonny Landham), er ist der große Schweiger. Billy schweigt besonders eindringlich immer dann, wenn im wahrsten Sinne etwas im Busche ist. Billy ist das Medium. Aufgrund indianischer Herkunft zu Aufklärermissionen im transzendenten Bereich prädestiniert, fungiert er als Scout, als Schamane, als Vermittler zwischen den Welten.

 

Die eine Welt, das ist in PREDATOR der Bereich des rational Militärischen, eine Welt taktisch-operativer Erwägungen und Entscheidungen. Es ist auch eine Welt, deren Bewohner meinen, auf ernsthafte Reflexionen über Sinn und Moral verzichten zu können. Oder zu müssen. Statt auch nur geringster Verunsicherung über den grundsätzlichen Wert ihres Tuns Raum zu geben, begnügen sich die Mitglieder des Schaefer-Teams in Rezitationen des soldatischen „Semper fidem!“ Die andere Welt, das ist der unbekannte, irrationale, nicht auszurechnende Feind. Die andere Welt, das ist das Unsichtbare, das Unkontrollierbare schlechthin. Zu dieser Welt gehört also auch die Natur, konkret der Urwald. “Der Dschungel wurde lebendig...“, sagt Anna und markiert damit jenen Bereich, in dem man den Gegner sowohl real, als auch metaphorisch vermuten muß. Anna hatte den ersten Angriff des unheimlichen Feindes auf das Team aus nächster Nähe beobachtet, ein Mitglied der Mannschaft wurde dabei geradezu in Fetzen gerissen. Der Zuschauer weiß, daß dieser Feind kein Mensch sein kann: im Prolog des Films war kurz ein außerirdisches Raumschiff zu sehen, das über der Erde eine Art Landungskapsel absetzte. Der unheimliche Fremde ist mit fortschrittlicher Tarn- und Waffentechnologie ausgerüstet – in Lauerstellung kann man ihn kaum von der Umgebung unterscheiden, und der Einsatz seiner Schulterkanone zeigt verheerende Wirkung.

 

Die Gestaltung des außerirdischen Kriegers referenziert deutlich auf Erscheinungsbild und Ritus frühmenschlicher Jägerkulturen. Er klettert - gewandt wie ein Raubtier - halbnackt in den Baumspitzen herum und trägt archaische Accessoires. Der Film zeigt, wie er seine Opfer zu Trophäen verarbeitet – diverse Knochenschädel bezwungener Gegner bezeugen seinen Status als erfahrener Kämpfer. Der Trophäenritus soll den Jäger stärken. Dabei geht die Lebens- und Kampfkraft des getöteten Feindes auf den Krieger über, wenn dieser einen Teil des toten Leibes in Besitz nimmt. Und das bedeutet auch: mit jedem siegreichen Kampf wird der archaische Krieger mächtiger. So gesehen erscheinen die Motive seines Denkens und Handelns zwar befremdlich und schreckenerregend aber doch auch simpel, auf eine gewisse Weise sogar heil und geschlossen: der archaische Krieger ruht in sich, er besitzt eine solide (kulturspezifische) Moral und folgt klarer Direktive. Dieses Wesen ist eins mit sich selbst, und deshalb ist es auch eins mit den Bedingungen der ihn umgebenden Natur, wie seine makellose Tarnung verdeutlicht. Die Mitglieder des Kommando-Trupps hingegen kämpfen gegen die Natur - also gegen den Urwald – und zwar nicht nur auf indirekte Weise. In einer Einstellung mähen Schaefers Leute den Dschungel mit Granatwerfern, Sturm- und Maschinengewehren nieder, offenkundig hoffend, den im Busch verborgenen Feind in die Hölle zu jagen – eine Variation auf das Napalm-Bombardement in Coppolas APOCALYPSE NOW.

 

Billy, der schweigsame Schamanensoldat, unterscheidet sich von den anderen Männern durch seine Fähigkeit, die Präsenz des unheimlichen Feindes zu spüren. Er wird bald von einer fatalistischen Stimmung erfaßt, scheint paralysiert: „There's something out there waiting for us, and it ain't no man. We're all gonna die.” Davon wollen Tatmenschen wie Dillon natürlich nichts wissen. Dillon ist ein Mann, der die Welt in verkürzten und daher übersichtlichen Linien wahrzunehmen pflegt. Es hält Billies Ahnungen für Hirngespinste. Außer Dillon sind da noch die anderen Pappkameraden: Blain, ein verdammt harter Hund („I ain't got time to bleed“), Sergeant Mac Eliot, Poncho, Hawkins... All diese Typen wirken im Grunde wie verschiedene Aspekte einer einzigen Persönlichkeit. In solcher Deutung mag man ihre Eindimensionalität hinnehmen, als komplette Psychogramme hingegen wären die Modellierungen zu flach. Dutch Schaefer, der Chef des Kommandos, ist die Zentralfigur der ganzen Geschichte. Die fortschreitende Handlung des Films schält Schaefers Psyche, antagonistische Facetten seiner Persönlichkeit – Bärbeißigkeit und Empathie, Treulosigkeit und Anstand, Vision und Ignoranz – werden nach und nach von Schaefers seelischem Nucleus abgezogen.

 

Gegen Ende des Films geht der Commander den Weg in Dunkelheit, eine Katharsis in Miniformat. Der Schäfer verliert seine Schafe an das Raubtier. Er verliert seine Kameraden, seine Freunde und seine Waffen, ja selbst seine Uniform. Übrig bleibt ein Instinktwesen mit erstaunlichem Überlebenswillen. Die Chancen im Kampf gegen den archaischen Jäger stehen denkbar schlecht, doch Schaefer schöpft neue Kräfte. Er tarnt sich mit Schlamm, fertigt primitive Waffen und Fallen. Auf diese Weise erobert Schaefer den Rang des Jägers zurück, die Rollen vertauschen sich erneut, der außerirdische Krieger wird zur Beute.

 

Der Subtext von PREDATOR reflektiert die Ängste einer Gesellschaft, deren politische, wirtschaftliche und militärische Ambitionen dem allgemeinen nationalen und internationalen Empfinden nach in krassem Widerspruch zu Moral und Anstand stehen. Dämonen pflegen erkrankte Seelen anzufallen, und eine Gesellschaft, die es sich zur Regel macht, innere Konflikte unter den Teppich zu kehren und gegen ihre eigenen moralischen Überzeugungen zu handeln, wird unweigerlich von Dämonen heimgesucht.

 

Nur ein Beispiel: 1986 wurden die USA vom Internationalen Gerichtshof wegen direkter und indirekter militärischer Teilnahme im Contra-Krieg zur Beendigung der Militärmaßnahmen gegen Nicaragua und zur Zahlung von Reparationen verurteilt. Die USA hatten nicaraguanische Rebellen, genannt Contras, mit Geldern unterstützt, die durch Waffenverkäufe an den Iran erwirtschaftet wurden. Die Contras finanzierten sich außerdem durch den Schmuggel von Kokain in die USA. Das Engagement der Reagan-Administration in diesem Krieg, der militärische Einsatz us-amerikanischer Soldaten und Agenten in zentralamerikanischem Dschungel wurde von der Öffentlichkeit als „schmutzige Angelegenheit“ wahrgenommen. Das Thema bot also genügend Projektionsfläche, um all jenen düsteren Spekulationen und unbewußten Ängsten Gestalt zu verleihen, die sich zwangsläufig einstellen, wenn eine Nation gegen ihre proklamierten Werte verstößt.

 

Predator ist das englische Wort für Raubtier, aber auch für Feind. Raubtiere jagen normalerweise die schwächsten Vertreter der Beutetiergattungen, beispielsweise kranke Exemplare. In paradoxer Brechung dieser Regel geht auch der archaische Krieger des Films vor. Er jagt nicht die physisch Schwachen, sondern – wie ein „echter“ Dämon - die seelisch Kranken und Zerrissenen: die Söldner werden gehetzt und getötet, Anna hingegen verschont der Jäger. Dieses  „feindliche Raubtier“ greift nur jene an, die sich selbst als Raubtiere und Feinde gebärden. An den Harmlosen hat es kein Interesse.

 

Obwohl PREDATOR mittlerweile in die Jahre gekommen ist, bietet der Film nach wie vor einiges an Spannung und optischem Reiz. Selbstverständlich konnten auch mehr oder weniger gelungene Sequels nicht ausbleiben. Der bessere Nachfolger - PREDATOR II - wurde 1990 von Stephen Hopkins gedreht, der schlechtere - ALIEN VS. PREDATOR -  2004 von Paul Anderson. Die Figur des außerirdischen Kriegers in PREDATOR stieß beim Publikum auf großes Interesse. In der Zwischenzeit hat man ein eigenes kleines Universum dieser Kriegerwesen – Yautja genannt – imaginiert, nachzulesen in den Geschichten des Autors Steve Perry.

 

D.T. Schlaméus

 

Predator

PREDATOR

USA - 1986 - 107 min. - Erstaufführung: 27.8.1987/August 1988 Video/21.6.1991 premiere

Regie: John McTiernan

Buch: John Thomas, Jim Thomas

Kamera: Donald McAlpine

Musik: Alan Silvestri

Schnitt: John F. Link, Mark Helfrich

Darsteller:

Arnold Schwarzenegger (Dutch Schaefer)

Carl Weathers (Dillon)

Elpidia Carrillo (Anna)

Bill Duke (Mac)

Jesse Ventura (Blain)

 

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