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Populärmusik aus Vittula

 

Die Freunde Matti und Niila wachsen in den sechziger Jahren in Pajala, einem Dörfchen im äußersten Norden Schwedens auf. Das Viertel Vittula (eine Abkürzung für das finnische Wort Vittulajänkkä, das soviel wie „Fotzenmoor“ bedeutet) trägt seinen Namen, weil die dort lebenden Frauen berühmt sind für ihre Gebärfreudigkeit. Die Männer hingegen sind Tabak kauende, stiernackige Arbeitstiere. Wer dem maskulinen Ideal der Elchjäger und Baumfäller nicht entspricht, wird als „Knapsu“, als verweichlicht und unmännlich, verachtet. Hier werden Familienfehden vererbt wie die Augenfarbe und Familienfeste gefeiert, mit Fingerhakeln, Armdrücken, Saunawettkämpfen, sowie jeder Menge Lügengeschichten, die dem Baron Münchhausen die Schamesröte ins Gesicht treiben würden - und mit noch mehr Wodka.

 

In dieser Einöde erscheint die Beatles-Single Rock’n’Roll Music, die von amerikanischer Verwandtschaft anlässlich der Beerdigung von Mattis Oma mitgebracht wird, den beiden Jungs ist sie wie ein Versprechen vom gelobten Land. Bereitwillig (und symbolträchtig) tauscht Matti die großmütterliche Bibel gegen die Platte ein. Bald improvisieren die beiden in der Schule, in der „lustigen Stunde“ mit Sonntagsanzügen und Spielzeuggitarren ein Rockkonzert vor der Klasse, bei dem standesgemäß weite Teile des Klassenzimmers (samt Lehrerin) verwüstet werden. Dafür setzt es bei Niila zu Hause Dresche und auch Mattis Vater zeigt sich wenig begeistert. Hoffnung stellt sich erst ein, als einige Jahre später - die beiden sind inzwischen 15 und empfinden die Enge des heimatlichen Dorfes als immer erdrückender - ein neuer Musiklehrer auf seinem Rennrad aus Stockholm angefahren kommt und Pajala zu seiner ersten Rockband verhilft.

 

Reza Bagher gelingt in seiner Verfilmung von Mikael Riemis gleichnamigem, in Schweden äußerst erfolgreichem Roman, die Gratwanderung, einen liebevollen Blick auf die schwedische Provinz und ihre Bewohner zu werfen, ohne dabei zu verschweigen, wie erdrückend und karg dieses Dasein für eine junge Generation ist, der keinerlei Alternative zum Leben der Eltern geboten wird. Auch wenn sich am Ende die Tradition gegenüber der Populärmusik versöhnlich erweist und die Band um Matti und Niila auf Familienfesten spielen darf, ist das Treiben keineswegs so harmlos, wie es etwa die Rezension in der aktuellen „epd Film“ darstellt. Die jahrelange Misshandlung Niilas durch seinen Vater wird thematisiert und der „Dorftrottel, der als fliegender Händler die unmöglichsten Sachen feilbietet und gelegentlich in Frauenkleidern rumläuft“ (epd) hegt im Bezug auf die beiden Jungen eindeutig pädophile Absichten.

 

Es ist eine Freude, zu sehen, wie Bagher in seiner Inszenierung selten den leichtesten, aber meistens den richtigen Weg beschreitet. Schön, wenn in einem Erinnerungsfilm (fast) immer die skurrile Atmosphäre über die Nostalgie siegt und wenn sich diese Atmosphäre dann auch noch hier und da zu saukomischen inszenatorischen Kabinettstückchen verdichtet, etwa wenn Matti mit einer Freundin in der Turnhalle reichlich tollpatschigen Sex hat, während nebenan die beleibte Damenwelt des Ortes gymnastischen Übungen nachgeht, die das Haus in seinen Grundfesten erschüttern.

 

Schön auch, wie immer wieder pathetische und melodramatische Genremomente anklingen, um schließlich unterwandert zu werden: Im Prolog, wenn der inzwischen erwachsene Matti eine Gedenktafel auf dem Himalaja küsst und mit der Lippe festfriert oder auf dem siebzigsten Geburtstag von Mattis Opa, der wie üblich damit endet, dass jeder da, wo gerade Platz ist, seinen Rausch ausschläft. Matti eilt zu seinem Opa, der leblos am Boden liegt: „Großvater, bist du tot?“ Einige lange Sekunden herrscht Stille. Schließlich ein Ächzen wie aus der Gruft: „Das weiß ich nicht so genau.“  

 

Schön vor allem, dass man sich bei all dem nie in einem schwedisch/finnischen American Pie-Verschnitt wähnt. Insgesamt also ein kleiner, schöner und komischer Film über das Erwachsenwerden, der von den üblichen Sexklamotten und Coming-of-age-Streifen vom Fließband so weit entfernt ist wie Vittula vom Rest der Welt.

 

Nicolai Bühnemann

 

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Populärmusik aus Vittula

Schweden / Finnland 2004 - Originaltitel: Populärmusik från Vittula - Regie: Reza Bagher - Darsteller: Max Enderfors, Andreas af Enehielm, Björn Kjellman, Jarmo Mäkinen, Kati Outinen, Göran Forsmark - FSK: ab 12 - Länge: 100 min. - Start: 19.1.2006

 

 

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