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Persona

 

Die Schauspielerin Elisabeth Vogler (Liv Ullmann) beschließt mitten in einer Vorstellung, in der sie die „Elektra“ spielt, von nun ab kein Wort mehr mit ihrer Umwelt zu wechseln. Was die eigentlich zu ihrer Pflege während eines zweiwöchigen Aufenthaltes in einem abgelegenen Sommerhaus abgeordnete Krankenschwester Alma (Bibi Andersson) zunächst als ehrliches und unvoreingenommenes Zuhören empfindet, wird schon bald zum Psychoterror: Gegenüber der ewig schweigenden Elisabeth legt sie intimste Einzelheiten offen, was diese lediglich als interessantes Amüsement betrachtet. Alma veräußert ihre Identität so vollständig, daß sie in ihrem Gegenüber aufzugehen droht, wenn sie sich nicht rechtzeitig von ihm löst.

 

Diese Versuchsanordnung - das Experiment, zwei verschiedene Personen zu einer einzigen zu verschmelzen - wird von Kameramann Sven Nykvist in außerordentlich eindrucksvolle Bilder gefaßt. Die immer neuen Großaufnahmen der Gesichter, die mit der langen, von Bachs Violinkonzert in E-Dur untermalten Einstellung von Elisabeths Gesicht beginnt und in der berühmten montagetechnischen Verschmelzung der beiden Gesichtshälften von Ullmann und Andersson zu einem maskenhaften Erscheinungsbild gipfelt, machen Persona zu einem der optisch intensivsten Filme überhaupt. Die suggestive Wirkung der Vorgänge auf der Leinwand wird auch durch die geradezu beängstigende, lautmalerische Musik von Lars Johan Werle bewirkt.

 

Von besonderem Interesse ist auch eine Betrachtung der Elektra im Zusammenhang des Films. Warum wählte Bergman gerade diese Figur aus dem (reichlich seifenopernhaften) griechischen Mythos? Als Tochter des Königs von Mykene, Agamemnon, der von seiner Frau Klytemnestra und deren Liebhaber Ägysth nach der Rückkehr vom troianischen Krieg ermordet worden war, nahm sie gewaltsam Rache an der Mutter für die innerfamiliäre Mordtat. Sigmund Freud entwickelte daraus den "Elektra-Komplex", das weibliche Gegenstück zum "Ödipus-Komplex", bei dem die Bindung der Tochter an den Vater so starke Ausmaße annimmt, daß die Mutter als Rivalin angesehen wird. Das wirft ein interessantes Licht auf Vorgeschichte und psychische Situation der Elisabeth Vogler, deren Schweigen in der Rolle der Elektra beginnt.

 

Psychologisierende Spinnerei und intellektuelles Gedankenspiel (eben Bergman) hin oder her - das Auge kriegt in jeder einzelnen Kameraeinstellung so viel geboten und die symbolische (tiefsinnige?) Verschlüsselung der Szenen regt so stark zum Nachdenken an, daß sich das Anschauen immer lohnt.

 

Johann Georg Mannsperger

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  Jerry's Archiv

 

Persona  Schweden 1965

R: Ingmar Bergman D: Liv Ullmann, Bibi Andersson

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