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Persepolis

Die von islamischer Revolution und Iran-Irak-Krieg überschatteten Kindheitserinnerungen der Teheranerin Marjane Satrapi beeindrucken als Zeichentrickfilm, einer eher untypischen Form für ein Biopic. Der außergewöhnliche Film gewann in diesem Jahr den Großen Preis der Jury beim Filmfestival in Cannes.

 

Von Persepolis, der Hauptstadt des antiken Perserreichs, sind nur noch Ruinen übrig. Die steinernen Reste der über 2500 Jahre alten Residenzstadt im Süden Irans zeugen bis heute von ihrer Pracht, bevor Alexander der Große sie 330 vor Christus niederbrennen ließ. Mit dem Titel Persepolis hat Marjane Satrapi ihre im französischen Exil zusammengetragenen Erinnerungen an Kindheit und Jugend im Iran überschrieben. Darin erzählt sie – zunächst in vier Comic-Bänden zur Coming-of-Age-Geschichte verdichtet, nun auch in einem Zeichentrickfilm – von kostbaren Momenten genauso wie von den Verwüstungen eines Lebens in Unfreiheit, von Ruinen, aber auch von Neuanfängen.

 

In Schwarz-Weiß und handgezeichnet erlebt Marji – wie Satrapis Alter Ego heißt – als kleines Mädchen in Teheran Ende der siebziger Jahre die Vertreibung des Schahs. Nach der darauf folgenden Ausrufung der Islamischen Republik unter dem neuen Staatsoberhaupt Ayatollah Khomeini versucht ihre freigeistige Familie so weit es geht, Marji eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Das Mädchen ist zuerst fasziniert vom Umsturz, der mit seinen Slogans und revolutionären Heldengeschichten aus kindlich-naiver Perspektive wie ein großes Abenteuer erscheint. So werden auch die politischen Hintergründe in Persepolis anfangs als Film im Film auf einer Art Kasperlebühne in flotten, kinderkompatiblen Schattenspielen präsentiert.

 

Doch die Hinrichtung ihres Onkels Anusch, die Toten des ersten Golfkriegs und nicht zuletzt religiöse Benimmregeln machen den Alltag für Marji immer schwerer erträglich. Entsprechend wirken die Darbietungen auf der Geschichtsbühne nun mehr und mehr wie zynische Hanswurstiaden, welche die Grausamkeit und Absurdität des politischen Geschehens vorführen. Sie enden mit immer größeren schwarzen Flecken, die sich über der Leinwand ausbreiten: das spritzende Blut der sich gegenseitig niedermetzelnden Soldaten, stetig aufs Neue dank der Waffenlieferungen aus dem Westen zum Kampf gerüstet. Marjis Eltern entschließen sich, ihre Tochter nach Wien zu schicken, damit sie dort in Frieden und Freiheit die Schule abschließt.

 

Satrapis Bilder scheinen, als ob ihre Gedanken unmittelbar auf den Block geschlüpft seien, so direkt übersetzen sie Gefühle in Formen und Schattierungen. Jedoch wirkt nichts unüberlegt, sondern stets ist jede Situation, jede Stimmung sauber umrissen und auf den Punkt gebracht. Mit einfachen Strichen, scharfen Kanten, schwarzen und weißen Flächen weist Persepolis die grafische Schlichtheit der ersten Micky-Maus-Filme (z.B. Plane Crazy, 1928) von Walt Disney auf. Nicht nur deshalb, auch wegen der humorvollen Auseinandersetzung mit furchtbaren Erlebnissen wird Satrapis Arbeit häufig mit dem zweibändigen Comic Maus (1986, 1991) verglichen, in dem Autor Art Spiegelman mit Micky-Maus-ähnlichen Figuren die Geschichte eines Holocaustüberlebenden nacherzählt.

 

Expressionistische Verzerrungen und Hell-Dunkel-Spiele wie im Film Noir, darüber hinaus die zeitweise Auflösung von Raum und Zeit verleihen Persepolis zugleich etwas Emotionaleres, Verspielteres, manchmal Unheimliches. Sie sind mehr Seelenbild als naturalistische Abbildung und erzählen so von den dunklen und grotesken Seiten der Islamischen Republik. Oder aber sie kehren Marjis Selbstbild nach außen: Mal nimmt ihr sich deformierender Körper, der vom Kind zur Frau wird, die komplette Leinwand ein. Mal tritt sie dem restriktiven Alltag in Teheran mit hart entschlossenem Gesicht und blitzenden Fäusten entgegen – in einer höchst amüsanten, an Rocky 3 (1982) angelehnten Montagesequenz; den dazugehörigen berühmten Song „Eye of the Tiger“ von Survivor hat sie dabei auf den Lippen.

 

Obwohl in Persepolis die Brutalität des Iran-Irak-Kriegs und die Unterdrückung der Iraner unter Khomeini heftig angeklagt wird, ist Persepolis vor allem ein urkomischer Film. Während das anfangs der Schere zwischen kindlicher-vereinfachter Wahrnehmung und komplexer Realität geschuldet ist, sorgen bald insbesondere Übertreibungen, überspitzte Vergleiche und Genrezitate dafür, dass der Film immer auch als Komödie wahrgenommen werden kann. Marji muss sich in Teheran ihre Iron Maiden-Musik wie auf dem Drogenmarkt besorgen, ihre Eindrücke vom österreichischen Leben während ihrer Schuljahre in Wien sind zwischen schunkelnder Lederhosen-Folklore und schepperndem Punkkonzert aberwitzig überzeichnet, die ersten Liebeserfahrungen könnten in einem trockenhumorigen Frauenroman im Stil von Bridget Jones nicht besser ausgeführt werden. Vor dem Hintergrund von Marjis schrecklichen Erlebnissen im Iran und dem Gefühl beständiger Fremdheit im Exil ist das Lachen allerdings fast nie ein wirklich befreites.

 

Der gemeinsam mit Ko-Regisseur Vincent Paronnaud realisierte Debütfilm von Marjane Satrapi gestaltet sich deshalb zum emotionalen Ping-Pong-Spiel, das trotz aller Trauer um das Verlassen von Heimatland und geliebter Familie stets zutiefst optimistisch bleibt. Wenngleich sich die Umstände im Iran für die Autorin Satrapi sowie ihre Filmfigur Marji als unlebbar erwiesen haben, hat sie mit Persepolis dennoch eine Liebeserklärung an die Menschen in ihrer Heimat gezeichnet, allen voran an ihre unangepasste Großmutter, die mit bissigem Humor und unbeirrbarer Freude am Leben die eigentliche Rebellin im Film darstellt.

 

Zu Beginn, zwischendurch und am Ende des Films sitzt die erwachsene Marji in einigen wenigen farbig gezeichneten Szenen in einer Bar des Flughafens Paris-Orly. Sie blickt den abhebenden Flugzeugen Richtung Teheran nach. In Frankreich kann sie heute leben, wie sie will, aber der melancholische Blick in den Himmel zeigt, um was es in Persepolis hauptsächlich geht: den erzwungenen und unumkehrbaren Verlust von Heimat.

 

Marguerite Seidel

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.critic.de

 

Persepolis

Frankreich 2007; 96 Minuten; Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud; Drehbuch: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud; Produzent(en): Marc-Antoine Robert, Xavier Rigault

Kinostart: 22.11.2007

 

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