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Paulas Geheimnis

Kinder haften für ihre Eltern

 

In Zeiten, da immer öfter beide Elternteile berufstätig sind und sich Kinder ab dem Grundschulalter in ihre eigene Medienwelt aus Internet und Computerspielen zurückziehen, ist der Kinderfilm eine der letzten Bastionen des gemeinsamen Kulturerlebnisses und eine der letzten Möglichkeiten der Vermittlung zwischen den Generationen. In jedem halbwegs brauchbaren Kinderfilm lernen Erwachsene etwas über (ihre) Kinder, aber nur in den wirklichen Meilensteinen lernen die Kinder auch etwas über ihre Eltern. Das ist dann auch das eine Kriterium, in dem der Animationsfilm (gleichgültig ob klassischer Disney oder moderner Pixar) grundsätzlich versagt und genau hier zeigt "Paulas Geheimnis" eine seltene Brillanz.

 

Der Film, teils todernster Kinderkrimi, teils verspielte Kulturschockkomödie, erinnert in vielen Momenten an die Kinderbücher Erich Kästners und verdient sich dieses hohe Kompliment auch. Nicht nur behandelt Autor und Regisseur Gernot Krää seine jungen Protagonisten (die verträumte, aber willensstarke Paula und den ständig schokoriegelmümmelnden, aber auch verdammt patenten Tobi) mit erstaunlichem Respekt und traut ihnen Handlungen und Gedanken zu, die von einer instinktiven Reife und Klugheit jenseits ihres Alters zeugen; er wagt es auch, ihre jeweiligen Elternpaare jenseits aller Klischees zu entwickeln. Mit einem Blick für erstaunlich komplexe Details charakterisiert (und erklärt) Krää dabei die Standpunkte und Herkunft der Erwachsenen, ohne sie jemals bloßzustellen. Auf der einen Seite steht das vertraute, aber nie ganz ebenbürtige Verhältnis, das Paulas Eltern mit ihrer italienischen Haushälterin pflegen, wenn sie nicht gerade Opernmusik im luftigen Wintergarten hören oder ihre Tochter in sündhaft teure Feriencamps abschieben. Auf der anderen Seite kauft man palettenweise Würstchengläser, während Tobi seine Schwester durch die halbe Wohnung jagt und beide über das schwankende Wasserbett der Eltern klettern. Geschickter kann man sozialen und philosophischen Hintergrund nicht vermitteln.

 

Der dankbare Effekt dieser Strategie ist, daß man als Zuschauer nicht nur die jugendlichen Helden in ihrem Abenteuer zwischen harmlosen Verwechslungsstreichen und internationalen Gaunerbanden anfeuert, sondern auch versteht, warum sie eine so innige Beziehung zu ihren überarbeiteten, aber wohlmeinenden Erziehungsberechtigten haben. Diese scheinen zwar ständig darauf aus, dem anstrengenden Nachwuchs zumindest eine Zeitlang zu entkommen, müssen aber glücklicherweise schnell feststellen, daß sie längst nicht mehr als kinderlose Paare funktionieren und von ihrem Nachwuchs ebenso abhängig sind wie dieser von ihnen.

 

Die durchgehend großartigen Schauspieler leisten in solchen keineswegs simplen Figurenkonstellationen Beachtliches: Die Erwachsenen um Jürgen Vogel und Claudia Michelsen nehmen die vieldeutigen Charakterzüge der Drehbuchvorlage dankbar auf; der eigentliche Star aber ist die charismatische Thelma Heintzelmann, die mit erstaunlicher Souveränität ein beeindruckendes Leinwanddebüt in der Titelrolle gibt. Es ist die überzeugendste Vorstellung einer deutschen Kinderdarstellerin seit Tatjanas Triebs Auftritten in den 1990ern.

 

Die beruhigende Nachricht des Films ist nicht nur, daß alle voneinander lernen, sondern was die unaufdringliche Moral hinter der Geschichte uns erzählt: daß es nämlich okay ist, manchmal ein wenig faul oder verfressen oder langweilig oder ein Streber zu sein. Daß es auch total in Ordnung geht, wenn man sich mal ein kleines bißchen verknallt. Daß das Leben manchmal spannender sein kann als so mancher Tagtraum. Und daß es auch irgendwie okay ist, die Erwachsenen und ihre komplizierte Welt jeden Tag ein bißchen besser zu verstehen.

 

Daniel Bickermann

 

Dieser Text ist zuerst eschienen im: schnitt

 

Paulas Geheimnis

D 2006. R,B: Gernot Krää. K: Eeva Fleig. S: Sören Görth. M: Max Berghaus, Dirk Reichardt, Stefan Hansen. P: Filmautoren AG, Element E. D: Thelma Heintzelmann, Paul Vincent de Wall, Jürgen Vogel, Claudia Michelsen u.a. 98 Min. Farbfilm ab 13.9.07

 

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