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Patton

Zur falschen Zeit am richtigen Ort

 

„Es ist nicht das Ziel des Krieges, für dein Land zu sterben, sondern den anderen Bastard für seines sterben zu lassen.“ – George S. Patton

 

RAW WAR. Schon im Prolog wird spürbar, welcher Wind hier weht. Unmittelbar vor Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg hält General George S. Patton vor einem gigantischen US-Banner stehend eine Rede an seine Untergebenen. Mit einfachen, aber effektiven Rhetorikwerkzeugen beschwört Patton den Mythos vom unbesiegbaren und vaterlandstreuen GI und referiert über progressive Kriegsführung. Raue und parolenhafte Stammtischsprache sowie nationaler Chauvinismus treffen den Nerv der breiten Bevölkerung zur damaligen Zeit, sind also auch brauchbar für seine Soldaten, die ja einen fast schon repräsentativen Querschnitt derselben darstellen, da lediglich die Oberschicht von den rigorosen Zwangsrekrutierungen weitgehend verschont blieb. Als ihn sein lang ersehnter Marschbefehl erreicht, hat Patton glasklare Visionen von seiner tragenden Rolle. Die Konfliktfelder erweisen sich aber als vielfältiger und komplexer als zunächst vermutet. Dabei offenbaren sich die Nazi-Schergen, darunter der von ihm wegen seiner militärischen Leistungen bewunderte „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel, noch als sein geringstes Problem. Denn so perfektionistisch er den militärischen Part seines Metiers ausübt, – selbst die akkurate Uniformierung und die Bestückung mit den dazugehörigen Devotionalien wird zeremoniell begangen – so nachlässig und unbedacht bewegt er sich auf den Nebenkriegsschauplätzen.

 

Zunächst belastet Patton die Rivalität mit dem britischen General Montgomery, ebenfalls ein prätentiöser Narzisst, der von Geltungssucht zerfressen ist. Seine eigenartige Persönlichkeitsstruktur handelt Patton darüber hinaus noch andere Schwierigkeiten ein: Als er einen Deserteur körperlich maßregelt und damit zur „Vernunft“ bringen will und die ohnehin angespannte Situation noch verschärft, indem er keinen diplomatischen Fettkübel auslässt, verpasst ihm sein Oberbefehlshaber „Ike“ Eisenhower einen Denkzettel und schließt Patton vom Kriegsgeschehen aus. Die Fronten sind verhärtet. Die zwischenzeitliche Suspendierung und damit verbunden die Disqualifikation vom weltumspannenden Großereignis, die droht, Pattons Träume platzen zu lassen („Die ganze Welt ist im Krieg und ich bin nicht dabei.“), bringt ihn schließlich zu einer trügerischen Räson. Patton geht es nicht um die Begleitumstände des Krieges, nicht um die politischen Verwicklungen und auch die ideologischen Gegensätze sind nachrangig. Es geht ihm um den Krieg an sich - ohne sein überflüssiges Brimborium. Um das Kräftemessen zum Ausdruck der Virilität, aber vor allem um den Ruhm, den ihm der Krieg bescheren soll. Für den Schulterschluss mit seinen Vorgesetzten, der ihn nötigt, sein wahres Gesicht zu verhüllen, optiert er eben nur, um wieder mitspielen zu dürfen.

 

Wie der deutsche Hauptmann Steiger, neben dem spröden Realisten Rommel die einzige sympathische Figur der Gegenseite, richtig feststellt, ist Patton ein Anachronist und deshalb nicht mit der Logik des 20. Jahrhunderts zu erklären, was ihn dadurch umso unberechenbarer macht. In der Genese des Soldatenbildes ist Patton im 16. Jahrhundert stecken geblieben. Ein Relikt aus einer Zeit, in der ein erfolgreicher Feldherr noch den Stellenwert hatte, den sich Patton wünscht. Er neigt dazu, sein Wirken in größere Zusammenhänge zu stellen und sieht sich in einer Traditionslinie mit den glorreichen Römern, Karthagern und Griechen, für die er tiefe Hochachtung empfindet. Diese Hochachtung macht ihre Schlachtfelder für ihn zu Pilgerstätten, auf denen er nun ebenfalls nach Unsterblichkeit strebt. Damit das auch gut geht und um zu vermeiden, dass ihn auf seinem steinigen und Opfer bringenden Weg Gewissensbisse und lästige Grundsatzfragen plagen, hat sich Patton synkretistisch betätigt und sich einen Glauben zurechtgelegt, der demütige christliche Frömmigkeit mit selbstherrlichem und esoterischem Vorsehungsglauben vermischt. Diese „Religion“, die sich leitmotivisch durch den Film zieht, dient außerdem der Apologie seines Gebarens gegenüber seiner Umwelt. Er sieht sich als Auserwählter, der davon überzeugt ist, in göttlicher Mission zu sein und seiner Destination folgen zu müssen. Als er seinen Auftrag, zwar mit umstrittenen Mitteln, aber schließlich mit Bravour erfüllt, ist er wieder in der Realität, im Jetzt angelangt. Auf den ehrfürchtigen Respekt und die Dankbarkeit der Politik, die seinem Verständnis von Anerkennung zumindest entgegenkämen, muss der exzentrische Nonkonformist im Vergleich zu seinem Zunftgenossen Montgomery verzichten, weil es dieser eben auch verstand, sich anzupassen und weil er nicht nur wusste, vor wem er katzbuckeln musste, sondern auch dazu bereit war. In der elegischen und wunderbar verbildlichenden Schlusssequenz wandelt Patton schließlich durch eine karge Landschaft in eine leere Zukunft – ohne Ruhm und ohne Krieg. Nicht mal die verhassten Sowjets darf er ärgern und das, wo er doch schon vor Ort ist.

 

Ein Kriegsfilm beziehungsweise Antikriegsfilm ist „Patton“ im engeren Sinne nicht. Wer zum x-ten Mal eine eigentlich selbstverständliche Moral vorgebetet haben will, kann auch hier die obligatorische Stellungnahme à la wie verwerflich und unmoralisch der Krieg doch ist, herauslesen. Aber wem muss man das noch nachdrücklich sagen. Die pittoreske und drastische Darstellung der einzelnen Scharmützel ist auch eher nebensächlich. Der Zweite Weltkrieg ist hier nur der schmückende Hintergrund für die bizarre Abbildung einer kontroversen historischen Persönlichkeit. Geht es aber nur um eine reale und deshalb umso faszinierendere Figur oder steht dahinter noch etwas anderes? Schließlich kann man mit einem - wenngleich sehr guten - Charakterfilm nur schwerlich als siebenfacher Oscargewinner reüssieren. Die Wirkung des Filmes liegt sicher noch woanders und zwar in diesem Fall auf einem spezifisch amerikanischen Gebiet. Die Klammerung an verdiente Idole kann in schwierigen Zeiten Halt geben. Im Kontext des Vietnamkriegs, der sich zur Entstehungszeit des Filmes anschickte, den Nimbus der Unbesiegbarkeit einzuäschern und das hier betont zur Schau getragene Selbstverständnis der Supermacht nachhaltig anzukratzen, kann man „Patton“ als Flucht in den Schoß einer Zeit verstehen, mit der man sich leichter zu identifizieren wusste und in der Imperialismus noch mit weniger Friktionen funktionierte. In diesem Sinne wird auch im erstverwertenden Heimatpublikum eine nostalgische Sehnsucht nach einer anderen Zeit geweckt. Den großen Erfolg des Filmes allein darauf zurückzuführen, wäre aber unangebracht. Von den sieben Trophäen wurden übrigens nur sechs angenommen. Die Annahme der sicher Verdientesten verweigerte ihr vorgesehener Empfänger George C. Scott und übte damit Kritik an der subjektiven Beurteilung schauspielerischer Leistungen mit objektivem Anspruch und auch an der ökonomisch motivierten Oscarverleihung („meat parade“) überhaupt.

 

Allein gegen den Rest der Welt. Der Protagonist, ein Einzelgänger und ein Amerikaner durch und durch, hat ein unscharfes Feindbild vor Augen, das es unter allen Umständen, auch mit unorthodoxen Mitteln und gegen den vehementen Widerstand übriger Entscheidungsträger, konsequent zu bekämpfen gilt. Und er legitimiert das Ganze durch einen schwer nachzuprüfenden göttlichen Auftrag. So betrachtet ist „Patton“ auch ein zeitloser Film.

 

Erik Pfeiffer

 

 

Patton – Rebell in Uniform

PATTON

USA - 1970 –  165 min. - Erstaufführung: 26.3.1970/5.7.2001 DVD

Regie: Franklin J. Schaffner

Buch: Edmund H. North, Francis Ford Coppola

Kamera: Fred J. Koenekamp

Musik: Jerry Goldsmith

Schnitt: Hugh S. Fowler

Darsteller:

George C. Scott (Gen. George S. Patton Jr.), Karl Malden (Gen. Omar N. Bradley), Stephen Young (Capt. Chester B. Hansen), Michael Strong (Brig. Gen. Hobart Carver), Carey Loftin (Gen. Bradleys Fahrer), Albert Dumortier (Marokkanischer Minister), Frank Latimore (Lt. Col. Henry Davenport), Morgan Paull (Capt. Richard N. Jenson), Karl Michael Vogler (Feldmarshall Erwin Rommel), Siegfried Rauch (Hptm. Oskar Steiger), Bill Hickman (Gen. Pattons Fahrer), Pat Zurica (1st Lt. Alexander Stiller), James Edwards (Sgt. William George Meeks), Lawrence Dobkin (Col. Gaston Bell), David Bauer (Lt. Gen. Harry Buford), John Barrie (Air Vice-Marshal Sir Arthur Coningham)

 

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