zur startseite
zum archiv
Der Pate
Eine
Welt der „Gefälligkeiten“
Es
ist hell, laut, warm. Massen von Menschen singen, tanzen, lachen. Italienisch
wird gesprochen, italienisch wird gelacht, italienisch wird getanzt, Männer,
Frauen, Kinder toben durcheinander, essen, trinken, genießen eine Hochzeit. Nur
einer steht im verborgenen Dunkel, schreitet ab und zu in die feiernde Menge
und kehrt dann in seinen finsteren Raum zurück, drückt die Lamellen seines
Rollos auseinander und beobachtet die Hochzeit seiner jungen Tochter Connie
(Talia Shire) mit Carlo Rizzi (Gianni Russo), deretwegen alle zum Freudenfest
zusammengekommen sind. Don Vito Corleone (Marlon Brando) hält Gericht, empfängt
Bittsteller, die für ihr Anliegen Gefälligkeiten aller Art anbieten oder danach
fragen, welcher Art sie sein sollen. Don Vito ist der Herr, nicht nur im Haus,
sondern in der ganzen Welt, die Francis Ford Coppola uns in seinem nun schon 30
Jahre alten Film vorgeführt hat.
Eine
abgeschlossene Welt ist das, eine Welt für sich. Und jeder, der es wagt, in sie
hinein zu dringen, ohne um Erlaubnis gefragt zu haben, wird unbarmherzig wieder
aus ihr heraus katapultiert, wie der Fotograf, der sich erdreistete, Don Emilio
Barzini (Richard Conte), einen anderen Clan-Boss der New Yorker Mafia
abzulichten. Don Vitos älterer Sohn Santino, genannt Sonny (James Caan),
komplimentiert ihn unsanft hinaus, zerstört seinen Fotoapparat und schmeißt ihm
ein paar Dollarnoten vor die Füße, als ob er vor ihm ausspucken würde.
Letzteres geschieht dem FBI-Agenten, der vor dem Haus der Corleones im Wagen
sitzt.
„Der
Pate“ zeigt diese Welt als eine Welt für sich – so, als ob es nichts anderes
gäbe als den obersten „Richter“ Don Vito, die Dons der anderen vier Mafia-Clans
in New York – und das war’s. In diesen ersten Szenen des Films wird schon die gesamte
Struktur dieser eigenartigen Welt aufgedeckt. Wir erlebten gerade Sonny, einen
leicht zu erregenden Mann. Auch sein Bruder Fredo (John Cazale) ist anwesend
und der jüngste der drei Brüder Michael (Al Pacino), der als Soldat – mit Orden
ausgezeichnet – gerade aus dem zweiten Weltkrieg gekommen ist, der in die
Geschäfte des Clans nicht verwickelt ist und seine Geliebte Kay (Diane Keaton)
zur Hochzeit mitgebracht hat.
Kay
weiß nichts über die Machenschaften des Clans, die Geschäfte, die Brutalität
und das gegenseitige „Nehmen und Geben“, das System von „Gefälligkeiten“.
Michael erzählt ihr eine Geschichte. Sein Vater hatte einem Mann einen Vertrag
vorgelegt und ihm für dessen Unterschrift 10.000 Dollar angeboten. Der Mann
jedoch verweigerte die Vertragsunterzeichnung. Am nächsten Tag unterzeichnete
er und bekam 1.000 Dollar. Kay ist erstaunt und fragt nach. Don Vito hatte dem
Mann gesagt, entweder seine Unterschrift oder sein Gehirn würden den Vertrag
zieren.
Don
Vito fragt nur einmal. Er bittet nur einmal. Von der Antwort hängt zumeist ab,
ob die Gefragten ein langes Leben haben werden oder nicht. Don Vito hält Hof.
Bittsteller erscheinen während der Hochzeit, der Sänger Johnny Fontane (Al
Martino) zum Beispiel, dem ein Regisseur die Hauptrolle in einem Film
verweigert hat. Als Johnny zu heulen anfängt, braust Don Vito auf, ein Mann
heule nicht. In dieser Welt der Männer, die Gordon Willis so exzellent
fotografiert hat, zählt vor allem der Panzer, den man zugelegt hat oder eben
nicht, die Panzerung des Körpers. Don Vito hilft dem Sänger. Als der Regisseur
sich weiterhin weigert, ihm die Hauptrolle zu geben, findet er eines Morgens
den abgeschnittenen blutigen Kopf seines teuren Rennpferdes in seinem Bett.
Johnny erhält die Rolle.
Ein
anderer Mann, dessen Tochter vergewaltigt wurde, erzählt Don Vito, er sei
zunächst, wie es sich für einen anständigen Bürger gehört, zur Polizei
gegangen. Was Don Vito ihm darauf sagt, enthüllt schon das gesamte System
dieser streng hierarchisch strukturierten, einer eigenen Legalität
unterworfenen Sphäre von „Gefälligkeiten“: „Warum sind Sie nicht zuerst zu mir
gekommen? Was habe ich eigentlich getan, dass Sie mich respektlos behandeln?
Wenn Sie in Freundschaft zu mir kommen würden, würde dieser Abschaum, der ihre
Tochter zerstörte, diesen Tag bereuen. Und wenn ein ehrlicher Mann wie Sie sich
Feinde machen sollte, dann wären sie auch meine Feinde. Und dann würden diese
Feinde Sie fürchten.“
Don
Vito hat noch einen Sohn, einen angenommenen, den er wie einen seiner Söhne
behandelt, seinen Rechtsbeistand Tom Hagen (Robert Duvall in einer
Paraderolle), einen ruhigen, sehr gelassen wirkenden Mann, der nie aufbraust
oder aus der Fassung gerät, der sein Geschäft versteht, Don Vitos rechte Hand
und Berater. Es ist eine merkwürdige Atmosphäre in diesem Raum, in dem der Pate
seine Pläne schmiedet, seine Entscheidungen verkündet. Nein, der Pate ist nicht
das, was man gewöhnlich unter einem Diktator versteht. Der Pate ist mitfühlend,
familiär, ja die Mafia schwört auf die Familie, er ist nett zu denen, die ihm
behilflich sind, und vergisst nicht, was sie für ihn getan haben. Die Mafia,
das ist eben auch eine soziale Versorgungseinrichtung nach ganz eigenen Mustern
und Regeln. Der Pate als Zentrum handelt nach der Maxime „Ich mache ihm ein Angebot,
das er nicht ablehnen kann.“ Die Versorgung, das Aufgehobensein funktioniert
für die, die sich danach richten, und ihre Familien.
Wehe,
allerdings, wenn sich die Zeiten ändern. „Der Türke“ Sollozzo (Al Lettieri)
handelt mit Drogen. Die Mafia-Clans wollen auf dieses lukrative Geschäft
umsteigen, vor allem Don Barzini – nur Don Vito nicht. Er sieht die Gefahr,
dass Familie, Loyalität und Respekt, wie er diese Dinge versteht, durch den
Einstieg in das Drogengeschäft zerstört werden. Eine der Höhepunkte des Films
ist die Szene, in der er dies vor den anderen Mafia-Bossen vertritt und
begründet (ein phantastischer Marlon Brando). Sein Sohn Sonny sieht das anders.
Es kommt, zu was es kommen muss: zum Krieg zwischen den Mafia-Familien.
Ausgerechnet Sonny wird zum Opfer dieses Krieges – neben den vielen anderen.
Don Vito wird schwer verletzt. Und Michael? Er ist die tragische Figur in
diesem Spiel. Er entwickelt sich vom nicht in die Geschäfte seines Vaters
verwickelten Sohn, vom passiven Zuschauer zur zentralen Figur der Mafia, der
einmal ruchloser sein wird als sein Vater.
Es
hat Shakespeare’sche Qualitäten, wie Coppola mit einem exzellenten Al Pacino
als tragischem Held diese eigentümliche Welt der Mafia aufdeckt, ihre
Widersprüchlichkeiten, Brüche, ihr Wertesystem, ihre spezifische Legalität
außerhalb der „normalen“ Strukturen, die Verbindungslinien zwischen staatlicher
Legalität und Mafia-System veranschaulicht usw. Frauen spielen in dieser
Struktur keine Rolle. Sie entscheiden nichts. Von Don Vitos Frau ist nicht
einmal der Name bekannt (sie heißt Carmella). Nach dem Mord an Sollozzo und
einem korrupten Polizeichef (Sterling Hayden) muss sich Michael in Sizilien
verstecken. Dort heiratet er Appolonia (Simonetta Stefanelli). Offenbar liebt er sie, aber warum hat er Kay verlassen? Warum
kehrt er zu Kay zurück, nachdem Appolonia einem Bombenanschlag zum Opfer
gefallen ist? Welche Bedeutung hatte diese Heirat? Keine? Vielleicht die, dass
sie zeigt, wie brüchig das Festhalten an dem „Wert“ Familie in der Mafia ist.
Frauen, Kinder, aber auch Männer sind in dieser Struktur mehr oder weniger
Funktion, nicht so sehr lebende Menschen mit eigenen Bedürfnissen, die sich vor
allem aus Zuneigung zusammentun. Männliche Kinder haben das Erbe der Väter
anzutreten, Frauen haben dafür zu sorgen, dass sie diese Erben bekommen und
groß ziehen. Das Geschäft ist der zentrale Wert, dem letztlich auch die Familie
untergeordnet ist.
Summa
summarum: „Der Pate“ ist ein wegweisender Film. Auch wenn Thema dieses Films
die Welt der Mafia ist, geht es doch nicht um Dinge, die in der „anderen“ Welt
nicht vorkommen würden – im Gegenteil. Trotz des eigentümlichen Charakters
dieses „sozialen Systems“ ist es zugleich ein Produkt der „einen Welt“,
natürlich mit nachhaltig wirkenden Traditionen und historischen Bezügen aus
Sizilien, aber eben nicht im Sinne eines streng abgeschotteten Bereichs.
Coppola hat als erster und bis heute für mich unerreicht durch andere Filme,
die „Der Pate“ nach sich zog, diese Welt inszeniert und nahe gebracht. Im zweiten
Teil aus dem Jahr 1974 konnte sich Coppola in dieser Hinsicht noch steigern –
aber dazu ein anderes Mal.
Wertung:
10 von 10 möglichen Punkten.
Ulrich
Behrens (14.11.2002)
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei: ciao.de
Der Pate
(The Godfather)
USA 1972, 175 Minuten
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: Francis Ford Coppola, Mario
Puzo, nach dem Roman von Mario Puzo
Musik: Nino Rota
Kamera: Gordon Willis
Schnitt: Marc Laub, Barbara Marks, William
Reynolds, Murray Solomon, Peter Zinner
Darsteller: Marlon Brando (Don Vito
Corleone), Al Pacino (Michael Corleone), Diane Keaton (Kay Adams-Corleone),
Richard S. Castellano (Peter Clemenza), Robert Duvall (Tom Hagen), James Caan
(Santino „Sonny“ Corleone), Sterling Hayden (Captain McCluskey), Talia Shire
(Constanzia „Connie“ Corleone-Rizzi), John Marley (Jack Woltz), Richard Conte
(Don Emilio Barzini), Al Lettieri (Virgil „Der Türke“ Sollozzo), Abe Vigoda
(Sal Tessio), Gianni Russo (Carlo Rizzi), John Cazale (Frederico „Fredo“
Corleone), Rudy Bond (Ottilio Cuneo), Al Martino (Johnny Fontane), Morgana King
(Carmella „Mama“ Corleone), Lenny Montana (Luca Brasi), Appolonia (Simonetta
Stefanelli)
Internet
Movie Database: http://us.imdb.com/Title?0068646
Weitere
Filmkritiken:
„Movie Reviews“ (James Berardinelli):
http://movie-reviews.colossus.net/movies/g/godfather.html
„Chicago Sun-Times“ (Roger Ebert):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/1999/10/god1028.html
zur startseite
zum archiv