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Pakt des Schweigens – Das zweite Leben des Erich Priebke

 

In seinem ersten Leben war Erich Priebke SS-Haupsturmführer. 1941 ging er nach Rom, wo er unter anderem im März 1944 an der Erschießung von 335 Zivilisten beteiligt war, die, zur Vergeltung eines Partisanenanschlags, der 33 deutsche Soldaten das Leben kostete, hingerichtet wurden. Nach dem Krieg gelang ihm die Flucht aus einem Gefangenenlager in Rimini. Kontakte zum Vatikan ermöglichten es ihm und seiner Familie mit falschen Papieren nach Argentinien zu reisen. Die Regierung Peróns gewährte ihnen bald Amnestie und sie ließen sich in dem patagonischen Städtchen Bariloche, 1700 Km südlich von Buenos Aires nieder. Von seinem Job als Kellner in einem großen Hotel arbeitet sich Priebke nach oben, eröffnet ein Feinkostgeschäft und wird schließlich Leiter der Deutschen Schule. Als ein US-amerikanischer Reporter 1994 einen anderen Untergetauchten ob seiner Vergangenheit zur Rede stellt, plappert dieser den Namen Priebkes aus, der daraufhin in Italien vor Gericht gestellt und zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt wird, die er auf Grund seines hohen Alters in Hausarrest absitzt.    

 

In seinem zweiten Leben in Bariloche befand sich Priebke in bester Gesellschaft. Der gefeierte Luftwaffenoberst Hans-Ulrich Rudel sollte hier für Perón Kriegsflugzeuge bauen und Josef Schwammberger, der einst Arbeitslager im Distrikt Krakau kommandierte, gelingt es, zunächst als Wächter im Hotel Bella Vista unterzutauchen. Der ehemalige Skirennläufer und Riefenstahl-Kameramann Gustav „Guzzi“ Lantschner kann, finanziert von seinem Bruder Friedrich, der einmal Gauleiter von Tirol war und nun ein Bauunternehmen führt, Bergfilme drehen. Sinister ist das Bild, das Echeverría von der deutschen Gemeinde zeichnet. Der 20. April bleibt hier auf ewig „Führers Geburtstag“ und die Qualifikationen zum Lehrer an der Deutschen Schule hat man sich am besten bei Hitlerjugend und Wehrmacht erworben. „Mein Kampf“ behält einen Ehrenplatz in der Schulbibliothek, dafür wird eine Lehrerin in den Achtzigern energisch gebeten, Böll aus dem Lehrplan zu nehmen, „weil der Kommunist ist“, und als sie im Landeskundeunterricht kritisch den Nationalsozialismus thematisiert, stößt sie auf Proteste der Schüler, die von solchen Lügenmärchen nichts wissen wollen. Die Deutsche Botschaft in Buenos Aires weiß Bescheid und die Bundesrepublik hilft mit Fördergeldern.

 

Kurz geht der Film auch auf den Einfluss der Nazis in Argentinien während des Krieges ein. In Archivaufnahmen sehen wir riesige Feierlichkeiten zur „Eingliederung Österreichs in das deutsche Reich“ und das NSDAP-Hauptquartier in Buenos Aires, ein Hakenkreuzfahnenmeer im argentinischen Regierungsviertel.

 

Neben und gegen die Geschichte Priebkes stellt Echeverría, der den Film in fast akzentfreiem Deutsch kommentiert, eine Skizze seiner eigenen. In der deutschen Gemeinde, in unmittelbarer Nachbarschaft Priebkes aufgewachsen, war er Schüler der deutschen Schule und doch, so erzählt er, von Anfang an ein Außenseiter, weil seine Mutter, entgegen dem ausdrücklichen Wunsch der Gemeinde, die „Rasse rein zu halten“, einen Argentinier geheiratet hatte. Schon als junger Mann politisch engagiert, ergriffen von den Hoffnungen, die Salvador Allendes Wahlsieg in Chile 1970 (nicht nur) in Lateinamerika weckte und die so schnell und gründlich enttäuscht wurden, trieb ihn die Militärdiktatur Ende der Siebziger ins Exil, nach München, wo er an der Hochschule für Film und Fernsehen studierte. Diese Geschichte rundet er ab mit nachgestellten Kindheitsszenen. So erinnert er sich, wie er und zwei weitere Jungen, einen Vierten von zu Hause abholten, um sich einen WW2-Film aus Hollywood anzusehen. Missmutig ruft ihnen der Vater im Hausflur nach: „Ihr werdet schon noch sehen, wie deutsche Soldaten kämpfen.“ Und als er einmal in Priebkes Geschäft einkaufen ging, habe er sich intuitiv vor dem Mann an der Wurstschneidemaschine gefürchtet, seine Mimik, seine Bewegungen, alles schien bedrohlich an ihm, als stünde ihm seine Vergangenheit auf die Stirn geschrieben, wie ein Kainsmahl. Als er seiner Mutter abends erzählte, wo er diesen Nachmittag war, habe er zum ersten Mal das Wort Nazi gehört. Spätestens hier wird das Bekenntnis des Filmemachers zur eigenen Grundanständigkeit fragwürdig. Wenn kleine Kinder Nazis immer schon ansehen würden, dass sie kleine Kinder fressen, wären diese wohl nicht weniger „schlimm“, aber doch weniger gefährlich, und auch die Frage, inwieweit auch Dissidenten im System Deutsche Gemeinde dazu beigetragen haben, den Pakt des Schweigens über Jahrzehnte aufrecht zu erhalten, stellt sich hier leider nur implizit.  

 

In seiner materialreichen Auseinandersetzung mit Priebke liefert Echeverría ein erschreckendes Beispiel dafür, wie NS-Verbrecher nicht nur der gerechten Strafe und jeglicher Reflexion ihrer Taten – zumindest für lange Zeit – entgingen, sondern auch ihre Ideologie ungehindert weiter verbreiten konnten. Lücken und Fragezeichen aber bleiben vor allem dort zurück, wo es einer kritischen Reflexion auch der eigenen (Familien-)Geschichte bedurft hätte.

 

Nicolai Bühnemann

 

Pakt des Schweigens- Das zweite Leben des Erich Priebke

Deutschland/Argentinien 2005

Regie: Carlos Echeverría; Produzenten: Jens Terrahe, Jörg Langer, Carlos Echeverría; Länge: ca. 90 Minuten; Farbe und S/W Start: 9.11.2006

 

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