zur startseite

zum archiv

One Hour Foto

 

Kalt ist hier nur der Umgang mit der Story

 

Der scheinend traurig am Tisch sitzende Mann soll den einzig farbigen Fleck in einem hell erleuchteten Raum bilden, bevor der Detective (Eric La Salle) die Frage an den Delinquenten stellen darf, wie er so zu seiner Tat provoziert habe. Und schon einer der ersten Sätze soll uns die Unschuldigkeit des Täters bewußt machen, bevor wir mit dem Kamerazoom auf den Hauptdarsteller (Robin Williams) scheinbar in dessen Gedankenwelt eindringen müssen.

 

Eben dieser unscheinbare blaubewestete Techniker Sy Parrish sorgt sich in dem Film "One Hour Photo" (Drehbuch und Regie Mark Romanek) akribisch um die Entwicklung und den Druck der Erinnerungen seiner Kundschaft: er arbeitet in dem Fotolabor eines amerikanischen Supermarktes. Dort ist er als ruhiger Mitarbeiter bekannt, der sich immer genau an die Kunden erinnert - mögen sie bei ihm Abdrucke von ihren Haustieren, Autos oder sonstigen Liebhabereien in Auftrag geben. Doch nicht dies sind "seine" Kunden - es sind jene, die ihre tiefsten Eindrucke auf Papier bannen wollen - so sieht es jedenfalls Sy - ohne die Kleinigkeiten des Lebens richtig zu erfassen: Familienbilder.

 

Sy fällt in dem Labor nicht auf, dezent gekleidet verschmilzt er mit seinem farblosen Umfeld. Einer der Menschen, die wir sehen und vergessen.

 

"Die wenigsten Leute machen Schnappschüsse von den kleinen Dingen."

 

Sy hat keine Familie, er lebt allein in einem Appartement aus braunem Farbmus in der Stadt, die man nie sieht. Und doch ist er Onkel. Onkel des kleinen Jake Yorkin (Dylan Smith) ohne mit den Eltern verwandt zu sein. Sy entwickelt die Fotos der jungen Familie Yorkin, die außerhalb der Stadt in ihrer schönen Wohnung lebt und Sy kaum wahrnimmt. Aber er entwickelt auch für sich. Fremde Fotos, um seine Familienwelt zu erstellen und sich dort hineinzuträumen - denn nur hier gewinnt sein Leben an Farbe. Damit kann sich der verschüchterte und leicht trottelig anmutende Techniker ein wenig als Teil der Famile fühlen. In Gedanken steht er stolz mitten Jake, Nina (Connie Nielsen) und Will (Michael Vartan), die nichts von ihrem "Verwandten" erfahren. Noch nicht.

 

Doch die Angewohnheit der Doppelentwicklung fällt irgendwann auf, da ein Mißverhältnis zwischen entwickelten und verkauften Fotos erkennbar wird. Als Folge muß der verträumte Sy seinen Arbeitsplatz räumen - zum Ende der Woche.

 

"Die Dinge, die wir am meisten fürchten, sind uns bereits widerfahren."

 

An seinen letzten Tagen wird Seymore aber noch eine Entdeckung machen. In dem Auftrag einer Kundin liegt eine zerbrochene Familie auf Celluloid. Der Techniker ist erschrocken, "seine" Familie wurde verraten, zerstört durch den stets arbeitenden Vater Will, der sich nicht nur bei seiner Familie erholt.

 

Sy kann sich seine Idylle nicht nehmen lassen und will eine Veränderung in die Wege leiten - die schließlich am Anfang des Filmes enden soll - im polizeilichen Verhör.

 

Schon in den ersten Minuten des Filmes wird deutlich, daß wir nicht zu viel überlegen sollen. Der bisher mit Musikvideos betraute Regisseur Mark Romanek, der auch das Drehbuch schrieb, taucht den Zuschauer in eine einfache Welt von Tristesse und auch Überfluß. Auf der einen Seite steht der kaum sichtbare Williams hell gekleidet in einem weißen Labor, in einem grauen Supermarkt, den niemals jemand betreten sollte, der leicht von Angstgefühlen heimgesucht wird. Auf der anderen Seite sieht man die in Luxus gebettete Familie, für die Farben existieren dürfen.

 

Zu klar sind die Dimensionen bestimmt im wahrsten Sinne des Wortes. Williams ist umgeben von einfachen Linien und Farben, nichts lenkt von den grauen Kanten der hohen Regale ab, von dem Weiß und Blau einer Tiefkühltheke, in der er zu arbeiten scheint. Außer er bewegt sich in die andere Welt, von der Kühle seiner Arbeitsstelle und dem tristen Braun seiner Wohnung in das farbenfrohe Umfeld "seiner" Familie. Daß sich der dem scheitern verordnete Protagonist nur hier wohlfühlt, soll dem Zuschauer, so wird es amerikanisch geliebt, auch optisch präsentiert werden, ohne auf die ohnehin kaum bestehenden Fähigkeiten der Schauspieler angewiesen zu sein (abgesehen vom jungen Dylan Smith).

 

Die Darstellung, die Abläufe sind zu plakativ: Der traurige Angestellte läuft zwischen den Regalen und hebt einen aus der Ordnung gefallenen Hasen ins Regal - dieser natürlich wieder in einem zarten Cyan, aber schließlich neben den roten Häschen im Regal sitzend doch erstrahlend - Ordnung muß sein.

 

Der Film beginnt ruhig und wenig aufregend, das weist in die Denkweise des Psychopathen, der als solcher nicht erst entdeckt werden muß, ein. Aber das Sinnieren der Zentralfigur nimmt zu viel Platz und bedürfte ab und an eines Bruches um sich wieder darauf besinnen zu dürfen. Stattdessen läuft der Film in einem Tempo, das erst zur unerwarteten Form des doch wenig passenden Endes ansteigt.

 

Auch sind allzu grobe Szenen im Film, die einem nicht bekommen möchten. So sinniert der Sohn über die Traurigkeit des armen Sy, den er kaum kennt - während sich in seinem Zimmer das Spielzeug stapelt und die Eltern sich nicht einmal für sich selbst interessieren. Das ist aber nur eine der Szenen, die nicht in den versucht künstlerischen Film passen wollen. So wird Williams nach dem Entdecken der aufdeckenden Fotos im gleißend hellen Verkaufsraum in die tiefste Ecke des rotbeleuchteten Entwicklungsraumes geschnitten. Das tut selbst dem Laien weh.

 

Nichts soll von den klaren Linien, die hier noch einmal nachgezogen werden sollen, ablenken - so wurde kein Honorar für die Requisite fällig. Denn nur gerade aufgehängte Bilder dürfen Räume schmücken - und die gehören in den Aufgabenbereich der wenig geforderten Bühnenbildner; entschuldigt den theaterorientierten Rückgriff.

 

Die Story ist zu einfach gestrickt und zu langatmig, zum Ende wollen wir Tempo erreichen - oder wird dem Regisseur erst hier die Länge bewußt? Ein paar gute Eindrücke am Anfang versprechen Spannung, doch sie will nicht aufkommen und so lässt sich leider nur festhalten, daß hier jemand eine gute, vielleicht eine große Idee hatte, zu deren Verwirklichung er nicht fähig war.

 

fernriese

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: www.ciao.de  

 

"One Hour Photo". USA 2002. 95 Minuten

Regie, Drehbuch: Mark Romanek

Darsteller: Robin Williams, Connie Nielsen, Dylan Smith, Michael Vartan, Eric La Salle, Gary Cole

Produktion: Killer Films, Madjak Films

Verleih: Fox

 

zur startseite

zum archiv