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Oliver Twist (1948)

 

 

David Lean (1908-1991), der so berühmte Filme inszenierte wie "Die Brücke am Kwai" (1957), "Lawrence von Arabien" (1962), "Doktor Schiwago" (1965) und "Reise nach Indien" (1984), versuchte sich bereits 1948 an Charles Dickens weltberühmtem Roman "Oliver Twist". Der Roman gehört zu den wohl am meisten filmisch adaptierten Literaturvorlagen. 1909, 1912 und 1916 entstanden entsprechende Filme, 1922 wagte sich Frank Lloyd an den Stoff, 1933 William J. Cowen. 1974 wurde die Geschichte gar in einem völlig missglückten Animationsfilm präsentiert. Hinzu kommen etliche TV-Adaptionen - nicht zuletzt aber Roman Polanskis Film aus dem Jahr 2005 mit Ben Kingsley in der Rolle des Fagin.

 

Der Roman selbst stand des Öfteren unter dem Vorbehalt, Dickens habe durch die mehrmalige Titulierung von Fagin als "der Jude Fagin" möglicherweise seinen mehr oder eher weniger versteckten Antisemitismus preisgegeben. Doch wenn man den Roman liest und Fagin im Kontext der Geschichte um Oliver Twist sieht, ist dieser Verdacht unhaltbar.

 

David Lean selbst zeigt einen Fagin mit langem Bart, krummer Nase und blinzelnden Augen - also einen Prototyp der antisemitischen Judenhetze? Als der Film 1948 in die Kinos kam, wurde er sowohl in Israel, als auch in Ägypten wegen dieser äußeren Erscheinung des von Alec Guinness gespielten Fagin in Israel verboten, in Ägypten mit einer geradezu umgekehrten Begründung, nämlich, dass Lean Fagin als zu sympathisch dargestellt habe. Auch in den USA und der alten Bundesrepublik hagelte es Proteste jüdischer Organisationen gegen die Darstellung des Fagin. In Berlin kam es nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen protestierenden Juden und der Polizei im englischen Sektor, in dem der Film in Originalsprache gezeigt wurde, dazu, dass mehr als 20 Minuten aus dem Film herausgeschnitten wurden - praktisch alle entscheidenden Auftritte von Alec Guinness. Die 2003 erschienene, inzwischen aber leider vergriffene DVD von Koch-Media zeigte den Film erstmals wieder in voller Länge. Die geschnittenen Szenen wurden dabei nicht neu synchronisiert, sondern wurden mit englischen Untertiteln versehen, so dass sich jeder ein Bild von der katastrophalen Zerstückelung des Films machen kann, die dazu führte, dass die Geschichte kaum noch verständlich war. Diese Fassung wird ab und auch im Fernsehen gezeigt.

 

Lean passt sich in seiner Inszenierung von Anfang an der durchgehend düsteren Stimmung des Romans an. Schon die Eingangssequenz macht dies deutlich, als eine junge Frau inmitten eines schweren Unwetters in ein Armenhaus kommt und dort bei der Geburt ihres Kindes stirbt. Niemand kennt die Verstorbene - und so nennt der Leiter des Armenhauses, Mr. Bumble (Francis L. Sullivan) den Jungen Oliver Twist. Als Oliver neun Jahre alt ist, beschließt der örtliche Vorstand der Armenfürsorge, Oliver in die Lehre zu schicken - zu dem Sargmacher Sowerberry und seiner Frau (Gibb McLaughlin, Kathleen Harrison). Waren die Zustände im Armenhaus für Oliver und die anderen Kinder schon ärmlich, so setzt sich dies bei den Sowerberrys nur fort. Arme Kinder, Waisen usw. werden als Abschaum, als minderwertig behandelt - und man lässt sie dies deutlich und immer wieder spüren. Als der bei Sowerberry arbeitende Claypole (Michael Dear) Olivers Mutter - die er gar nicht kannte - als Hure beschimpft, Oliver daraufhin auf ihn los geht und zur Strafe von Sowerberry verprügelt wird, beschließt Oliver zu fliehen.

 

Er erreicht London. Und kaum ist Oliver dort angekommen, wird er von einem etwas älteren Jungen angesprochen, der ihm verspricht, wenn er mit ihm gehe, würde es ihm gut gehen. Doch der Junge bringt Oliver wird zu einer Bande von jugendlichen Taschendieben, die von dem alten Fagin ausgebildet werden, einem ausgekochten Schlitzohr, einem Mann, der schon einiges an Diebesgut beiseite geschafft hat.

 

Als Oliver mit zwei anderen Jungen auf Tour geschickt wird, bemerkt ein älterer Herr, dass er bestohlen wird. Während die beiden Jungen flüchten können, verfolgen die Polizei und eine aufgebrachte Menschenmenge Oliver, der den beiden anderen beim Diebstahl nur zugeschaut hatte, und gerät so vor den Richter. Der Bestohlene selbst, ein reicher Mann namens Brownlow (Henry Stephenson), ist schockiert über die erniedrigende Behandlung Olivers durch den Richter. Zudem hat er Mitleid mit Oliver, und als ein Zeuge beschwört, dass Oliver nicht zu den Dieben gehörte, lässt man ihn gehen. Brownlow nimmt Oliver mit zu sich nach Hause. Dort wird er von der Haushälterin Brownlows, Mrs. Bedwin (Amy Veness), liebevoll gepflegt. Brownlow will den Jungen vor den Gefahren der Straße schützen, ihm eine anständige Ausbildung und Erziehung angedeihen lassen. Und vor allem: Er glaubt, in Oliver den Sohn seiner Nichte erkannt zu haben (im Roman wohl seiner Tochter).

 

Fagin und sein skrupelloser Kumpan Bill Sikes (Robert Newton) allerdings befürchten, dass Oliver Twist sie und ihr Versteck verraten könnte. Als Oliver eines Tages Bücher für Brownlow in ein Geschäft zurückbringen soll, fangen ihn Sikes und dessen Freundin Nancy (Kay Walsh) ab und bringen ihn zu Fagin zurück.

 

Und dann ist da noch der undurchsichtige Monks (Ralph Truman). Der will unbedingt, dass Fagin Oliver nie wieder laufen lässt. Monks fürchtet um ein Erbe, das der Junge ihm möglicherweise streitig machen könnte. Nur Nancy hat Mitgefühl mit Oliver, belauscht ein Gespräch zwischen Fagin und Monks und ist entschlossen, sich mit Brownlow heimlich zu treffen, um Oliver zu schützen.

 

Das wiederum passt Fagin überhaupt nicht - und Bill Sikes erst recht nicht ...

 

Lean, der sich - bis auf Auslassungen, die angesichts der Dichte des Romans verständlich sind - eng an die Vorlage hält, zeigt uns eine Welt der Grausamkeit, der Armut, der Hinterhältigkeit, der Intrige und des Verrats. Schon die Darstellung von Bumble und der Sowerberrys lässt in dieser Hinsicht keine Zweifel aufkommen. Bumble, ein rundlicher, ja fetter Kerl, der nur seinen eigenen Vorteil im Visier hat, ist ein dummer, aber eben mehr oder weniger gerissener Kerl, der christliche Worte im Munde führt, aber Barmherzigkeit nur gegenüber sich selbst kennt. Ähnliches gilt für Mrs. Corney (Mary Clare), eine gehässige Frau, die von einer sterbenden alten Frau Hinweise über Olivers Herkunft erhält.

 

In London trifft Oliver auf den unberechenbaren und zu jeder Gewalttat entschlossenen Bill Sikes und auf Behörden, die für die Nöte der armen Kinder in der Metropole nur wenig Verständnis haben.

 

Wie in Dickens Roman allerdings gibt es auch andere - natürlich den ruhigen, überlegten und liebevollen Brownlow und Mrs. Bedwin, aber auch Nancy, die zwar zur Bande Fagins gehört und von diesem das Handwerk des Diebstahls gelernt hat, gleichzeitig aber ein Herz für die Kinder hat, die unter den gleichen Umständen aufwachsen, wie sie es musste. Nancy, die einerseits Bill Sikes hasst, andererseits aber auch nicht die Kraft aufbringt, von ihm los zu kommen, hat keine Skrupel, alles zu tun, um Oliver zu schützen.

 

Und dann ist da Fagin, exzellent gespielt von Alec Guinness, der zwar ebenfalls nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, es aber ablehnt, gegenüber seinen jungen Taschendieben Gewalt anzuwenden. Auch zu Oliver ist Fagin freundlich, wenn auch bestimmt, was seine Ziele mit dem Jungen angeht. Auch er will sich davor schützen, dass Oliver möglicherweise sein Versteck verrät, aber anders als Bill Sikes würde er Mord als Mittel dazu nie in Betracht ziehen. Fagin ist ein Ausgestoßener, einer, dessen Vorgeschichte wir im Film zwar nicht erfahren, dessen Beweggründe wir aber erahnen können. Der zu diesen Zeiten überall in Europa grassierende Antisemitismus hat Fagin ins gesellschaftliche Abseits gestellt. Er "antwortet" damit, dass er sich illegal beschafft, was ihm die Gesellschaft legal verweigert. Aus dem sozialen Abseits wird das kriminelle Versteck, aus dem heraus er operiert. Während Sikes nur ein "gewöhnlicher" Krimineller ist, dem jegliches Mitgefühl für andere abgeht, ist dies bei Fagin anders. Fagin ist kein wahrer Menschenfreund, aber eben auch kein Mörder.

 

Zwischen alldem bewegt sich Oliver Twist wie ein Hin- und Hergerissener, ein Verlorener, der kaum in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen, geschweige denn selbständig zu handeln. Seine Flucht - ein verzweifelter Befreiungsschlag gegen die Erbärmlichkeit des Lebens im Armenhaus und bei den Sowerberrys - endet mit der erneuten Gefangenschaft bei Fagin. Und nur das Verhalten Brownlows lässt den Jungen ahnen, dass es auch noch ein anderes Leben zu geben scheint.

 

Lean zeigt eine düstere Gesellschaft, eine Gesellschaft der Schatten, der Verzweiflung, des täglichen Kampfs ums Überleben, der sozialen Deprivation und individuellen Existenzängste. Die wunderbar-schrecklich nachgezeichneten Bilder des Londons des 19. Jahrhunderts, des bereits gefestigten Kapitalismus mit allen seinen Auswüchsen (Manchester-Kapitalismus), die Bilder der dunklen Winkel, Ecken, Gassen, Menschen, Häuser, Kostüme usw. tun ein übriges, um dieser Atmosphäre einen überzeugenden Ausdruck zu verleihen. Hinzu kommen Bilder aus Spelunken, in denen sich die Armen, Kriminellen, Ausgestoßenen treffen, aber auch die Bilder des reichen Teils der Stadt, etwa das Haus Brownlows. Die Dialoge sind treffend, sie runden das Bild der Geschichte ab. Die Hauptdarsteller neben Guinness tun ein übriges dazu, insbesondere Robert Newton, Kay Walsh, Francis L. Sullivan und auch der junge John Howard Davies (der Jahre später für das Fernsehen "Monty Python's Flying Circus" produzieren sollte).

 

Was die Rolle von Alec Guinness anbetrifft, so sind die Proteste gegen den Film drei Jahre nach dem Holocaust 1948 vielleicht erklärbar. Nachvollziehbar sind sie nicht. Denn Fagin wird in dem Film nicht als Prototyp des verhassten Juden entsprechend der Nazi-Ideologie oder irgendeiner anderen Form des Antisemitismus präsentiert - im Gegenteil. Auch Fagin wird in gewisser Weise als Opfer dieser erbärmlichen Verhältnisse der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts gezeigt, zudem als ein Mann, der zwar Kinder in die Kriminalität führt, aber gleichzeitig eben auch für sie sorgt. Fagin ist letztlich die eigentlich tragische Figur des Films (und auch des Romans). Während Oliver letztendlich in das Haus Brownlows aufgrund des glücklichen Umstands zurückkehren kann, dass er mit ihm verwandt ist, endet Fagin im Gefängnis.

 

Die äußere Erscheinung Fagins in diesem Film (bei Polanskis Fagin sind auch die äußerlichen Merkmale, die diese Figur als Juden erscheinen lassen können, eliminiert) - krumme Nase, oft funkelnde Augen, langer Bart, krummer Rücken, langer Mantel mag an manche antisemischen Darstellungen in "Der Stürmer" oder anderen antisemitischen Hetzblättern, auch der Kaiserzeit, erinnern. Doch muss man berücksichtigen, dass Juden in jenen Jahren teilweise tatsächlich so aussahen wie der Lean'sche Fagin. Vor allem aber wird Fagin im Kontext der Geschichte eben nicht als Feindbild im antisemitischen oder gar nazistischen Sinne gezeichnet (wie etwa die Juden in dem Hetzfilm "Jud Süß") - im Gegenteil. Zudem reicht eine solche äußere Darstellung für sich allein nicht aus, um als antisemitisch zu gelten. Die antisemitische Ideologie wertet dieses Äußere durch entsprechend den Akteuren beigegebenes Verhalten und stellt die Juden in einen völlig negativen Kontext in der Gesellschaft (zusammen mit Geldgier, Mordgelüsten oder ähnlichem). Schließlich bedarf jede antisemitische Propaganda der positiven Gegenzeichnung (etwa der "arischen Rasse" oder zumindest dem "Mitleid" gegenüber den "Opfern" der "bluttrinkenden Juden"). All dies taucht weder in Dickens Roman, noch in Leans Film auf.

 

Leans Film ist auch heute noch als eine der besten Literatur-Adaptionen äußerst sehenswert.

 

Ulrich Behrens

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: follow me now

 

Oliver Twist

Großbritannien 1948, 116 Minuten

Regie: David Lean

Drehbuch: Stanley Hayes, David Lean, nach dem Roman von Charles Dickens

Musik: Arnold Bax

Kamera: Guy Green

Schnitt: Jack Harris

Ausstattung: T. Hopewell Ash, Claude Momsay

Darsteller: Alec Guinness (Fagin), Robert Newton (Bill Sikes), Kay Walsh (Nancy), John Howard Davies (Oliver Twist), Henry Stephenson (Mr. Brownlow), Francis L. Sullivan (Mr. Bumble), Mary Clare (Mrs. Corney), Anthony Newley (Dodger), Ralph Truman (Monks), Amy Veness (Mrs. Bedwin), Kathleen Harrison (Mrs. Sowerberry), Gibb McLaughlin (Mr. Sowerberry)

 

 

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