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Nur noch 60 Sekunden

 

Autofahren ist wie Sex. Mit dem Zaunpfahl dieser weder neuen noch originellen und vor allem zutiefst unplausiblen Idee wird in „Nur noch 60 Sekunden" so lange hartnäckig gewunken und gewedelt, bis sich endlich jemand traut sie auszusprechen. Die eine Frau, nämlich. Angelina Jolie, ist die einzige menschliche Trägerin eines weiblichen Vornamens, die anderen sind Autos. Ihrem Ex, dem legendären besten Autodieb aller Zeiten Nicholas Cage stellt sie schließlich die allerdings im Trailer schon verbratene Frage: „Was ist besser - Sex oder Autos klauen?". Cage, der alte Dialektiker, denkt einen Moment nach, dann dämmert die Synthese und hellt seine Züge auf: „Sex beim Autoklauen!"

 

Daß eine irgendwie regredierte Männersexualität, je nach Auslegung, sich in Autoliebhaberei verwirklicht oder beim Autowaschen irgendwas sublimiert, ist natürlich auch nicht neu. Hier wird das mit der handelsüblichen Ironie vorgetragen, die von Affirmation nicht mehr zu unterscheiden ist. Aber trotzdem versteht man diesen Allgemeinplatz anschließend etwas besser: Es geht wohl darum, daß zum Sex ein Objekt gehört, das nicht ganz tot ist, das sich bewegt, möglichst schnell und kraftvoll und unter kehligem Geräusch. Und dieses Objekt soll sogar manchmal Subjekt werden und spinnen, Macken haben, ja, sich verweigern. Sie springt heute einfach nicht an. Dann aber zeigt sich der Vorteil des Autos: man öffnet die Haube und tauscht ein paar Teile aus, ölt und schraubt und die Alte ist wieder wie neu.

 

Der Plot um dieses wunderbare Allmachtsgefühl des ansonsten überall gesellschaftlich abgemeldeten Mechaniker-Mannes ist so konventionell, daß man ihm mit einem postkomatösen Minimum an Hirnaktivität folgen kann. Ein Mann war der beste. Er hatte alle Autos geklaut bis auf eines, das er Eleanor nennt. Dann hat er seiner Mutter versprochen sich vom Klauen zurückzuziehen. Nun gerät sein Bruder in die Kacke. Tod durch Italiener droht. Und da er der Mutter auch versprochen hatte, den Bruder zu schützen, dies aber nur möglich ist, wenn er 50 Autos für die Italiener klaut, hebt das eine Mutterversprechen das andere auf. Irgendwie hat das Konjunktur: Andere große Muttersöhne wie Hinnerksen oder Rektor Skinner fallen einem ein.

 

Und dann gibt es noch einen Bullen, seinen alten Gegenspieler, hart aber herzlich. Aus demselben Schrot und Blech. Liest auch die ADAC Motorwelt. Und wie immer in solchen Filmen hat das Über-Ich eine dunkle Hautfarbe. Samuel L. Jackson nobilitiert ja auch jeden Rollenschrott. In gewissen Grenzen.

 

Der Rest ist Autoklauen. Und da wurden weder Kosten noch Mühen gescheut. Robert Duvall als eine Art Guru der Bewegung stellt seine Museumsgarage als Räuberhöhle zur Verfügung - ein paar Winke an kalifornische Car-Culture-Klassiker sind zu erkennen: die tiefergelegten Low-Rider der Chicano-Kultur und die kunstvollen Besprühungen a la Big Daddy Roth. Doch wird das nie zu speziell. Im Wesentlichen geht es um deutsche und italienische Sportwagen, von denen jeder Autofahrer und Hundehalter träumt. Maseratis, falsch ausgesprochene Lamborghinis und die üblichen bayerischen und schwäbischen Unansehnlichkeiten.

 

Trotzdem ist es dann richtig toll wie all diese Blech- und Chromladys aufgedonnert und zum Glänzen gebracht werden, gewienert und geschrubbt unter Einsatz sämtlicher Waschanlagen von L.A.County, um dann in den nun wirklich schön geschnittenen und rasant sich zu orientierungsverlorener Rammdösigkeit auftürmenden Verfolgungs- und Kollisionszenen zerdeppert und zerseidelt zu werden.

 

Ein komischer Timecode, der gelegentlich eingeblendet wird, soll dabei Spannung erzeugen. Für das Bruderleben ist nämlich ein Limit gesetzt worden. Doch irrerweise ist dabei jede Topgraphie und urbane Kohärenz völlig außer Kraft gesetzt worden. Auch wer noch nie in Los Angeles war, wird nicht glauben können, daß eine Brücke, die eben noch an Ölanlagen und Industriegebieten (Long Beach) vorbeiführte, direkt und ohne Zeitverlust auf dem eingeblendeten Countdown mittens ins belebte Herz von Downtown führt.

 

Das Schönste an dem Film ist der Versuch die Autofrisiererei und Klauerei, die ganze retardierte Männlichkeit ganz ironiefrei zu einer noblen Sache zu erklären. Dazu bedarf er klarer Zuordnungen in der Form eines Chiasmus: Der böse Italiener ist erkennbar böse. Die guten Autodiebe sollen lieb und gut sein. Um das zu erhärten wird nun der böse Italiener zum Liebhaber von Holz erklärt, zum Connaisseur delikater Drechslerarbeiten und ingeniöser Intarsien. Die darf Cage am Ende dem verdienten Ende allen Holzspielzeugs zuführen und gnadenlos kaputt machen. Und wenn Holz zu den Bösen gehört, wird der Blechfreund auf der anderen Seite der x-förmigen Graphik automatisch gut. Und unter dieser, nur unter dieser Bedingung, ist auch dieser Rezensent bereit, sich auf die Seite des Blechs zu schlagen: in der Liebe und im Kampf gegen die Ideologie des Holzes ist schließlich jede Verkehrsübertretung erlaubt.

 

Diedrich Diederichsen

 

Nur noch 60 Sekunden 

(Gone in Sixty Seconds) 

USA 2000

Regie: Dominic Sena

Drehbuch: Scott Michael Rosenberg

Besetzung: Nicolas Cage, Angelina Jolie

Erstaufführung: 17.08.2000 (dt)

 

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