ZURÜCK

No One Sleeps

 

 

 

 

Ein Thriller im klassischen Look, ein Melodram, eine schwule Liebesgeschichte, die große Oper: Swenson, Tenor, singt an der Stätte seines Wirkens, der San Francisco Memorial Opera, seinen Part aus Puccinis "Turandot": Nessun’ Dorma/Keiner schlafe. Jochen Hick (SEX/LIFE IN L.A.) hat die Genre-Motive in seinem San-Francisco-Spielfilm durchkomponiert, hellwach, unaufgeregt, gekonnt, unprätentiös, selbstverständlich.

NO ONE SLEEPS funktioniert auf verschiedenen Ebenen - durchaus auch auf der narrativen. Stefan (Tom Wlaschiha), Medizinstudent aus Berlin, versucht in San Francisco ein Werk seines Vaters, des großen DDR-Mediziners, zu vollenden: den Nachweis zu führen, dass der Aids-Virus in den siebziger Jahren vom Pentagon an Gefängnisinsassen getestet und dabei in die Welt gesetzt wurde. Eine Panne bei der Vorbereitung der biologischen Kriegsfuhrung? Eine Verschwörungstheorie? Stefan macht Überlebende der Menschenexperimente ausfindig: sie werden ermordet. Wir sind in einem Polit-Aclion-Krimi, aber auch in einem SerienkilIer-Thriller. Opfer sind Schwule, die es geschafft haben, mehr als zehn Jahre positiv gelebt zu haben.

Der Film zieht mit seinem Protagonisten durch die Schwulenszene von San Francisco. Hick hat als Dokumentarist bereits gezeigt, dass er genau hinsehen kann. In seinem Spielfilm braucht er seine Funde, Drehorte und Motive nicht mehr extra vorzustellen. Das Act Up an der Golden Gate Bridge, der (originale) Safer Sex Club, aber auch die Treffpunkte in Hörsälen, Treppenhäusern, Hotels, Discos und Friedhöfen kommen unspektakulär ins Bild. Wir sind im Alltag der Stadt.

Hick kennt die Szene aus eigener Anschauung, sie ist nicht exotisch. Auch der deutsche Held, der mit DDR-Gepäck in San Francisco Spuren sucht, ist Teil des Milieus. Will der rätselhafte Jeffrey (Jim Thalman) mit ihm eine Beziehung eingehen? Soll er riskieren, Fragen des Lovers falsch zu beantworten?

Die Stadt fiebert der Premiere von „Turandot" in der Memorial Oper entgegen. Die Turaniertochter hatte in den sagenhaften 1.001 Tagen falsche Antworten geahndet, von einer finalen Ausnahme abgesehen. Der Film nimmt die musikalischen Motive sehr eindrucksvoll in seinen narrativen Plot auf, wir könnten auch sagen: Er integriert die Erzählung in ein Melodram, das sich von verschiedenen Motiv- und Gefühlslagen nährt. Die Filmdialoge sind auch das Libretto für Hicks Komposition des Nessun’ Dorma. Gleichzeitig behält der deutsche Stefan kühlen Kopf, er scheint sich der Apotheose entziehen zu wollen. Turandot, die Kalte, kam damals zum glücklichen Ende ziemlich gut weg, ihre Mordtaten bedurften nicht der Sühne. Stefan scheint auf einem Gegenmotiv beharren zu wollen: dem Melodrama, der destruktiven Attraktion, der er sich zuwendet, gleichzeitig den Rücken zu kehren.

In Hicks Film folgt der Held Stefan einem urdeutschen, romantischen Impuls/Gegen-lmpuls. Er wird dadurch wahr, wahrer als die Eins-zu-eins-Helden  des  amerikanischen Mainstreamfilms. In NO ONE SLEEPS sind die Rollen mit Fleiß gegen das Klischee besetzt. Eine Sensation ist die Schauspielerin Irit Levi, die grauhaarig, kettenrauchend, schlaksig und fahrig eine Kommissarin spielt, völlig daneben und vielleicht grade deswegen glaubhaft, kein professionelles method acting, aber ein Unikum, dem man alles abnimmt.

In NO ONE SLEEPS bleiben die ehrgeizigen Darsteller draußen, denen man sonst ansieht, wie ausgiebig sie ausgecastet worden waren. Statt dessen passiert in der Szene Beiläufiges, das keineswegs zum Nachweis dient, wie toll für den Film recherchiert worden ist, und wir können beim besten Willen nicht vorhersehen, wo, wie und wann schwule Männer sich streiten, zanken, mobben und sexuell verkehren, aggressiv Jakob Segals Thesen diskutieren, Sex Toys benutzen, Partys in leeren Industriehallen feiern und sich so gar nicht darum bemühen, Verständnis bei Außenstehenden zu wecken.

Hicks Film, ebenso komplex wie klar und einfach, schickt den DDR-Erben auf eine neoklassische Tour: eine sexy Bildungsreise durch die Gründe der Stadt Francisco, auch das eine deutsche Eigentümlichkeit. Die Katharsis muss man suchen.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im November 2000 in: epd film

 

 

Start: 28.9. (D). BRD 2000. R, B, P: Jochen Hick. K: Thomas M. Harting, Michael Maley. Sch: Helga Scharf. M: James Hardway. T: Monroe Cummings. A: Craig Copher, Bernard Homann. Ko: Maria Rivera. Pg: Galeria Alaska/Arte/WDR. V: Pro-Fun. L: 108 Min. DEA: Berlinale 2000. Da: Tom Wlaschiha (Stefan Hein), Irit Levi (Louise Tolliver), |im Thalman (|effrey RUSSO), Richard Conti (Dr. Burroughs), Charles Shaw Robinson (Tom), Kalene Parker (Maureen Finley), Karl Fischer (Pfleger).

ZURÜCK