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Nòi Albinòi

 

Wie das so ist, in einem netten kleinen isländischen Kaff rebellieren zu wollen, davon erzählt Dagur Kàris Tragikomödie "Nòi Albinòi" berührend und überraschend, wenn ihm erst einmal die Lust aufs Klischee vergangen ist.

 

Der Film hat erst begonnen und es ist Morgen. Die Großmutter versucht, den Jugendlichen Nòi aus dem Bett zu kriegen. Als er auf ihr sanftes Drängen nicht anspricht, geht sie ins Zimmer nebenan und kommt mit einer geladenen Flinte in der Hand zurück - um seelenruhig einen Weckschuss aus dem Fenster abzufeuern.

 

Die Gelassenheit der Figuren schlägt in "Nòi Albinòi" immer wieder in eine überraschende Rabiatheit um. Ein Klavier, das man nicht befriedigend zu spielen imstande ist, wird plötzlich im Zorn mit der Axt bearbeitet, der Kälte im Freien entkommt man, indem man die Glastür des nächsten Gebäudes mit einem Stein einschlägt, und aus dem Träumen vom Ausreißen an einen besseren Ort wird - ohne dass es erschütternder inhaltlicher Wendungen zur Motivation bedürfte - die Konsequenz eines Banküberfalls gezogen. Diese plötzlichen Eruptionen sprengen die Grenzen jener abgegriffenen "liebenswerten" Schrulligkeit, mit der die harmoniebedürftigeren Spielarten eines "charakterorientierten" (auch europäischen) Kinos ihr Personal immer wieder verniedlichend infizieren (ich nenne als Beweismittel einfach einmal "The Full Monty", "The Englishman Who Went Up a Hill But Came Down A Mountain", "Italienisch für Anfänger"), und an der auch "Nòi Albinoi" vor allem im ersten Drittel krankt.

 

Dass der 17-jährige Titelheld Nòi (Tòmas Lemarquis) ein Albino ist, blass, mit Glatze und ohne Augenbrauen, das ist hier einfach so, dient gerade einmal als Markierung des Außenseiters. Und dass seine Mutter nicht da ist, deswegen macht uns der Film auch keine Szene. Ansonsten wird hier aber schnell das ganze abgelegene isländische Kaff, das als Ort der Handlung dient, mit Attributen belegt, die beteuern, dass eh noch alles so ist, wie wirís aus unserem gut abgehangenen, menschelnden Charakter-Kino in Erinnerung haben: Die Oma, bei der Nòi lebt, ist tatterig, aber lieb und auch noch drollig vital, wenn im Radio Gymnastikübungen laufen. Der Vater ist ein Versager und Alkoholiker, aber lieb ist er trotzdem, und schrullig, wenn er sich im Elvis-Nachsingen bemüht. Der Französisch-Lehrer ist ja ebenfalls ein netter Kerl, auch wenn er sich so köstlich ärgert, wenn Nòi sein schulisches Desinteresse provokant zur Schau stellt. Der bebrillte Klassenkollege ist verschreckt und steht unter dem Regime seines strengen Vaters, der Psychologe, mit dem Nòi sich unterhalten muss, ist ein selbstgefälliger, freudianischer Fachtrottel, dem Nòi ganz cool beiläufig seine natürlich außergewöhnlich hohe Intelligenz demonstriert.

 

Wozu, verdammt noch einmal, brauchen wir ein unabhängiges europäisches Kino, wenn es Filme produziert, die sich eh keinen Millimeter von normierten Typen, Situationen und Darstellungsweisen weg trauen, die nicht mehr zu transportieren imstande sind als lauwarme gemütliche Selbstbestätigung? Keine Angst, so schlimm - oder besser: so harmlos - bleibt es nicht. Es wird besser, also schlimmer in Nòis Welt.

 

Ist Nòi erst einmal von der Schule geflogen (auch einer dieser plötzlichen Schocks, die man dem gelassenen Tonfall dieses Films nicht zutraut), hat seine läppische rebel without a cause-Geschichte keine Feindbilder mehr und der Mechanismus des Aufbegehrens kommt auf sehenswerte Weise ins Stottern: Wie will man rebellieren in einer Welt, wo es eh alle gut mit einem meinen und keiner einen daran hindert, seinen Weg zu gehen? Das ist der Stoff, aus dem Regisseur und Drehbuchautor Dagur Kàri hier schöne tragikomische Momente gewinnt. Und auch daraus speist sich der Erzählrhythmus zwischen den eingangs beschriebenen plötzlichen Momenten einer Radikalisierung und einem allgegenwärtigen Stillstand, der eben auch jede Form von Rebellion zu verschlingen droht.

 

Trotz der allgegenwärtigen bremsenden Ruhe, die in den allgegenwärtigen Schneemassen ihre visuelle Entsprechung findet, verweisen die Schockmomente (die von Nòi verantworteten wie die anderen) auf beunruhigende Spuren im Unterholz des Films, die auch das Zurückfallen der Erzählung in Normalität nicht mehr verwischen kann und die immer deutlicher auf eine Katastrophe zusteuern, die sich am Ende ereignen wird. Mag sein, die Großmutter will Nòi mit der Flinte zu Beginn des Films nur wecken. Aber man weiß ja aus dem Theater, dass kein gediegener Dramatiker im ersten Akt eine Schusswaffe auf der Bühne platziert, ohne sie im letzten Akt zu gebrauchen.

 

Solche handlungs-ökonomischen Manöver betreibt der Film im Hinblick auf sein Ende überhaupt mit einer größeren Verschlagenheit, als man es dem vor sich hin schlurfenden Gang der Dinge hier zutrauen würde. Es gibt Filme, die flanieren durch die Welt und zeigen Details um der Details willen, und andere, die verwerten lieber, was sie sehen und hören, indem sie ihm einen eindeutigeren Zweck innerhalb der Erzählung zuordnen. (Um zu streiten, was denn nun besser wäre, müsste man schon so dumm sein, die prächtigen Leerläufe und "sinnlosen" Episoden von Jim Jarmuschs "Ghost Dog" gegen das hinreißend ökonomische narrative Netz von Frank Darabonts "The Shawshank Redemption" auszuspielen.) Der größte ästhetische Reiz von "Nòi Albinòi" besteht darin, beständig wie Ersteres zu wirken, und dann doch auf zweiteres hinauszulaufen.

 

Insofern könnte man diesen Film zu einer originellen Variante jenes seit Mitte der 90er Jahre so aktuellen Subgenres von Thrillern erklären, an deren Enden plot twists montiert sind, die zur Neubewertung, zur inneren Relektüre alles bisher Gesehenen provozieren. (Ich sage nur: "The Usual Suspects", "The Sixth Sense", "Memento", "The Others".) Neben einfach Registriertem, Beobachtetem, wie ihm im unabhängigen modernen europäischen Kino gerne Freiraum geboten wird, finden sich - bei der Erst-Sichtung oft nicht unterscheidbar - Szenen, die sich erst retrospektiv mit Bedeutung aufladen werden.

 

Man wird es die ganze Zeit vor der Nase gehabt haben. Und trotzdem wird man wie gelähmt sein vom Schrecken, der so gleichmütig, sich nicht erklärend über Menschen hereinbricht, dass selbst ein Hitchcock mit seinen Vögeln, selbst ein Haneke mit seinen lustigen Spielchen ein bisschen stolz wäre. Und das trotzdem so systematisch, so symbolträchtig daherkommt, dass man am Ende nicht weiß, ob es nicht doch nur der enttäuschte Narzissmus einer adoleszenten Psyche geträumt hat.

 

Joachim Schätz

 

Diese Kritik ist auch erschienen in:  flourian.ruhezone

 

  Zu diesem Film gibtís im archiv mehrere texte

 

Nòi Albinòi

Island / Deutschland 2003 - Regie: Dagur Kári - Darsteller: Tómas Lemarquis, Thröstur Léo Gunnarsson, Elín Hansdóttir, Anna Fridriksdottir, Hjalti Rögnvaldsson, Petur Einarsson - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 91 min. - Start: 13.11.2003

 

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