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No Country for Old Men

Als sich doch noch so etwas wie ein Gewissen regt, haben die Menschen in “No Country for Old Men”, dem Oscar-gekrönten Geniestreich der Coen-Brüder, bereits jede Chance auf Läuterung verspielt. Von hier an geht es nur noch bergab. Bezeichnenderweise ist die einzig gute Tat des Films auch die dümmste. “Wenn ich nicht wiederkommen sollte, sag meiner Mutter, dass ich sie liebe,” sagt Llewelyn Moss seiner Frau zum Abschied. „Aber Llewelyn,“ antwortet sie verwirrt, „deine Mutter ist tot“ – „Dann sag ich es ihr eben selbst.“ Llewelyn kehrt zurück in die Nacht, in die Wüste, um dem einzigen Überlebenden eines gescheiterten Drogendeals einen Schluck Wasser zu bringen. Als er am Ort des Geschehens ankommt, ist der Fahrer tot - dafür erwartet ihn eine Bande bewaffneter Mexikaner, um die Drogen und einen Koffer mit zwei Millionen Dollar, den Llewelyn längst in Besitz genommen hat, sicherzustellen. Leicht verletzt schleppt er sich nach der Konfrontation in die Wüste; plötzlich sind die Rollen vertauscht. Wenige Stunden zuvor hatte ein angeschossenes Wild den Vietnam-Veteranen zur Fundstelle geführt; nun ist Llewelyn selbst der Gejagte. Doch die Mexikaner bleiben nicht sein einziges Problem.

 

Die texanische Wüste ist eine archetypische Kinolandschaft. Kaum ein großer Hollywood-Regisseur, der sich nicht hier verewigt hat. Dieses Land wurde erst der Natur abgerungen, und später heldenhaft gegen die Mexikaner verteidigt. Mit dem Ölboom rückte die Zivilisationsgrenze näher. Doch die städtischen Ballungszentren Dallas und Houston sind nicht, was das amerikanische heartland ausmacht. Das Herz, das in Amerika schlägt, liegt weit draußen, wo der Mensch noch nicht seine Spuren hinterlassen hat. Wo die Welt nur Gestein, Staub und Himmel ist, an dem sich Wolkenungetüme unter bedrohlichem Grummeln zusammenschieben. Diese archaische Schönheit erweckt beim Betrachter unweigerlich eine Art Urvertrauen, das tröstliche Gefühl von Beständigkeit, dem man sich auch als Nicht-Amerikaner kaum entziehen kann. Es ist also kein Zufall, wenn sich in „No Country for Old Men“ der erste Blick in die Ferne durch ein Zielfernrohr richtet. Bei den Coens hat sich das Verhältnis von Betrachter und Land grundlegend gewandelt.

 

Deputy Sheriff Ed Bell, gespielt von einem grandios verwitterten Tommy Lee Jones, ist es, der im Film diese Veränderungen mit zunehmender Besorgnis beobachtet. Jeden Tag geht er hinaus in dieses Land, zu Pferd oder motorisiert, um für Recht und Ordnung zu sorgen, so wie es schon sein Vater und sein Großvater vor ihm getan haben. Doch was ihn dort erwartet, versteht er längst nicht mehr. Die Alten, erzählt er am Anfang aus dem Off, hätten sich noch damit gebrüstet, ihren Dienst ohne Waffe zu verrichten. Die Verbrechen heute dagegen lassen sich an denen von früher kaum noch messen. Ein Mann, der sich dem entgegenstelle, müsse freiwillig Teil dieser Welt werden. Eine Welt, die bevölkert ist von Gestalten wie Anton Chigurh, der als schwarz gekleideter Todesengel mit Prinz Eisenherz-Frisur aus dem Nichts auftaucht und mit mitleidloser Stoik seine eigene Rechtsordnung durchsetzt.

 

Chigurhs exzentrische Erscheinung wird unterstrichen durch die Wahl der Waffe. Seine Opfer, über die er schon mal durch einen Münzwurf richtet, tötet er mit einer Druckluftpistole, wie sie in Schlachthäusern Verwendung findet. Ursprünglich entwickelt, um den Tieren unnötiges Leiden zu ersparen, stellt sie in den Händen eines Psychopathen die ultimativ unmenschliche Waffe dar. Wie Schlachtvieh blicken Chigurhs Opfer im Augenblick ihres Todes in den Lauf seines Bolzenschussgeräts. Man braucht gar nicht zu spekulieren, was diese Figur für die Academy-Jury gerade so interessant macht, dass sie Javier Bardem mit einem Oscar für die beste männliche Nebenrolle bedachte. Für Chigurh besitzen die Werte des ‚Old West’ keinerlei Verbindlichkeit mehr. Außerhalb der gesellschaftlichen Normen handelnd ist er sozusagen die Verkörperung des amerikanischen Albtraums.

 

Ethan und Joel Coen interessieren sich natürlich nur am Rande für die Kino-Mythologie des texanischen Hinterlandes und noch viel weniger für einen Koffer voller Geld. Was „No Country for Old Men“ strukturiert, sind die Handlungen von ein paar Männern mit ganz unterschiedlichen Einstellungen zu dem Land, auf dem sie sich bewegen. Llewelyn hat im Krieg für dieses Land sein Leben riskiert; gedankt hat es ihm niemand. Nun betrachtet er es buchstäblich als sein Jagdrevier. Der Außenseiter Chigurh wiederum wechselt mit derselben Leichtigkeit zwischen der mexikanischen und amerikanischen Seite der Grenze, wie auch seine Prinzipien Geld und Drogen transzendieren, wie es im Film einmal sarkastisch heisst. Trotzdem bleibt er in Texas ein Fremder; das Signal seines Transponders, der ihm den Weg zu den gestohlenen zwei Millionen Dollar weist, dient ihm lange als einzige Orientierungshilfe. Das Gefühl der Befremdung, das er mit sich in die Landschaft trägt, wird dabei zum Leitmotiv der Coen-Brüder. Man meint, die Bilder schon hundertmal gesehen zu haben: die billigen Motels, eine staubige Tankstelle am Rande des Highways, den einsamen Grenzposten. Doch die Vertrautheit, die diese Landschaft im Kino traditionell suggeriert hat, ist in „No Country for Old Men“ einem fundamentalen Unbehagen gewichen. Das Land scheint genauso unberechenbar wie die Figuren selbst.

 

In Tommy Lee Jones’ erschöpftem Gesetzesmann Ed Bell finden die grassierenden Zustände einen lakonischen Kommentator, der mit seiner Überforderung nicht hinterm Berg hält. Ahnungslos stolpert er von einem Blutbad ins nächste, immer knapp zu spät, ohne überhaupt zu wissen, wem er da eigentlich auf den Fersen ist. „Ich glaube gar nicht mal, dass er ein Psychopath ist,“ sagt Ed einmal über seinen unbekannten Gegner. „Für mich ist er eher wie ein Geist.“ Aus seinen Worten spricht möglicherweise noch die archaische Vorstellung, dass da etwas in dem Land steckt, das einfach nur exorziert werden muss, um alles in einen Urzustand zurückzuversetzen. Doch die bösen Geister sind ganz real - wie auch die Löcher, die sie in den Körpern ihrer Opfer hinterlassen. Und je heftiger sich Llewelyn und Chigurh (dabei stets im Hintergrund: die Mexikaner) bekämpfen, desto weiter stößt „No Country for Old Men“ zum Kern von Cormac McCarthys Roman vor, auf dem der Film der Coen-Brüder basiert. Denn die Figur des Sheriffs ist das eigentliche Kraftfeld, das die Geschichte umkreist, obwohl der alte Ed lange Zeit selbst nur wie ein Spielball unkontrollierbarer Kräfte wirkt.

 

Tommy Lee Jones war in ähnlichen Rollen in letzter Zeit häufiger zu sehen. Männer, die sich im wörtlichen Sinne über ihr Land definieren; moderne Westerner im Grunde. In „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ spielte er einen Outlaw, der seinen Platz in der Wildnis sucht, weil die Gesellschaft für ihn nichts bereithält. Nun stellt er einen Gesetzeshüter dar, der den Bezug zu dem Land, für das er sich verantwortlich zeichnet, verloren hat. (Jones’ Vaterfigur in „Im Tal von Elah“, der nächste Woche in den Kinos anläuft, erinnert auf frappierende Weise wieder an Ed Bell) Beide Filme spielen im amerikanisch-mexikanischen Grenzland, jenem Fleckchen Erde, das Cormac McCarthy in seiner „Border“-Trilogie so eindringlich topografiert hat. Dass die Coens nun aus einem eher minderen Roman, der bestenfalls als bitterer Nachgeschmack von McCarthys Hauptwerk zu verstehen ist, ihren bislang dichtesten, weil formal schnörkellosesten Film gemacht haben (selbst auf Musik haben sie verzichtet), ist eine dieser Idiosynkrasien, die die wechselhafte Karriere der Coen-Brüder seit jeher auszeichnet. „No Country for Old Men“ wird in der Filmgeschichte eingehen als strahlendes Beispiel eines NeoNoir-Westerns, der bei aller Wertfestigkeit keine moralischen Gewissheiten aufbietet. Tommy Lee Jones’ Figuren verkörpern diese Form eines positiven Konservatismus mittlerweile in ähnlich autoritärer Weise wie der späte Eastwood. Sie alle entstammen einer anderen Zeit. Die Erinnerung an vergangene Werte ist das einzige, was den alten Männern noch geblieben ist.

 

Andreas Busche

 

Dieser Text ist, in ähnlicher Form, zuerst erschienen in der taz

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

No Country for Old Men

USA 2007 - Regie: Joel Coen, Ethan Coen - Darsteller: Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly MacDonald, Garret Dillahunt, Tess Harper, Barry Corbin - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16 - Länge: 122 min. - Start: 28.2.2008  

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