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Nieder mit den Deutschen

Dietrich Schuberts Spielfilm zur Erinnerung an die „Edelweißpiraten"

 

„A bas les Boches" schrieb vor mehr als vierzig Jahren ein französischer Häftling an die Wand des Gestapogefängnisses in Köln. Nieder mit den Deutschen. Eine unzeitgemäße Parole, damals wie heute. Aber wann wäre Widerstand in unserem Land je zeitgemäß gewesen? Meist schrieb er mit den Kampfparolen zugleich sich selbst das Epitaph. Oft erst nach Jahrzehnten, und wiederum zur Unzeit, werden solche Inschriften freigelegt, und halbherzig wandelt man dann das, was einmal Folterhölle war, in eine Gedenkstätte um: dem Widerstand ein Mahnmal - und der neudeutschen Vergeßlichkeit ein Alibi.

 

Ein Mann Mitte fünfzig, in nordrheinwestfälischer Provinz lebend, liest in der Zeitung, daß der ehemalige Gestapokeller zu Köln als Gedenkstätte eingeweiht worden sei. Er beschließt eine Reise in seine und Deutschlands furchtbare Vergangenheit. So beginnt Dietrich Schuberts zweiter Spielfilm „Nieder mit den Deutschen".

 

Schubert ist vor allem als Dokumentarist bekannt. Um 1968 setzte er mit Filmen wie „Wir sind stärker geworden" und „Demonstrantenselbstschutz" seine Hoffnungen darauf, daß die Kamera, von einem festen archimedischen Standpunkt aus betätigt, ein hilfreiches Instrument sein könne, um die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Nicht wenige, die damals solche Hoffnungen teilten, machen heute schöne, nichtssagende Filme, schreiben über sie oder verteilen die Mittel, die erforderlich sind, damit weiterhin schöne, nichtssagende Filme gemacht werden und andere über sie schreiben können.

 

Schubert ist diesen Weg nicht gegangen. Als Dokumentarist des Ruhrgebiets und der Eifel hat er versucht, Grundeinsichten über unser deutsches Gemeinwesen am Alltagsspektrum einer Region zu überprüfen; er wandte sich dem Detail zu, aber er hat die sozialen Zusammenhänge, auch die Horizonte mit ihren besseren Möglichkeiten stets im Blick behalten.

 

Um 1975, bei Recherchen zu seinem Film „Widerstand und Verfolgung in Köln 1933-1945", stieß Schubert auf Spuren der Edelweißpiraten, einer Gruppe jugendlicher Rebellen, die unter der Nazidiktatur organisierten, zum Teil bewaffneten Widerstand geleistet hatten. Die Verfolgung Kölner Jugendlicher und ihre öffentliche Hinrichtung durch den Strang im Stadtteil Ehrenfeld gehören der halb unterdrückten, halb in der bundesrepublikanischen Amnesie versunkenen Geschichte des „anderen Deutschlands" an: Unsere Wiedergutmachungsbehörden (so heißen sie wirklich) stufen, in Befolgung der Gestapo-Direktiven, die Edelweißpiraten bis heute als Kriminelle ein; moralische Anerkennung oder Entschädigung für erlittene Qualen ist den wenigen Überlebenden versagt geblieben.

 

Schuberts Filme melden gegen solche Infamie, die den Gedächtnisschwund des Volkes noch mit dem Amtssiegel staatlicher Komplicenschaft belohnt, beharrlich Einspruch an. 1979/80 entstand sein Dokumentarfilm „Nachforschungen über die Edelweißpiraten", und mit einem 150 000 DM-Etat der NRW-Filmförderung drehte er nun über das Thema einen Spielfilm, nachdem die Bundesfilmförderung, das Bundesinnenministerium und das Fernsehen eine Beteiligung abgelehnt hatten. Einem Stück überfälliger deutscher Erinnerungsarbeit wurde gerade noch die lowbudget-Ecke zugestanden.

 

Fritz, die Hauptfigur (Hans Künster), ist ein Überlebender der von der Gestapo vernichteten Edelweißpiraten aus Ehrenfeld. Von Rheydt reist er nach Köln, um den Keiler wiederzusehen, in dem er gefoltert wurde. In einer Besuchergruppe entdeckt er einen alten Mann (Will Courth), den er erkennt: den „Kellermeister" der Gestapo, der ihn bei den Verhören halbtot geprügelt hat. Der Versuch, diesen Mann, der heute als harmloser Greis mit seinem Hund durch die Straßen spaziert, aufzuspüren, ihn zu stellen und ihm heimzuzahlen, was nicht heimgezahlt werden kann - diese Suche und die Wiederbegegnung mit einer Stadt, die sichtbar an der forschen Verdrängung des Vergangenen wie an der Verwüstung durch eine rabiate Gegenwart laboriert, bestimmen den Rhythmus des Schwarzweißfilms und den dunklen Fluß seiner Bilder.

 

Köln-Ehrenfeld ist hier eine ramponierte, gleichermaßen von außen beschädigte wie von innen zerfressene Szenerie. Ein lumpenproletarisches Revier jenseits der neudeutschen Glitzerfassaden; ein Vorstadtdschungel mit stillgelegten Fabriken, verrottenden Ruinen, Müllhalden, tristen Imbißstuben und entlaubten Bäumen, die sich in den Pfützen spiegeln. Der Hinterhof der City, bewohnt von Clochards, Spinnern und aggressiven jugendlichen Aussteigern - und die Abfallgrube einer Gesellschaft, die auch ihre Erfahrungen als Schrott behandelt, ihre Geschichte weggeworfen hat.

 

Es ist dieser Blick auf eine sinistre Großstadtperipherie (Kamera: Michael Giefer), der Schuberts Film eine von dokumentarischen Qualitäten inspirierte, eigenartig depressive Faszination verleiht. Die schwerblütige Musik (Wolfgang Hamm) fühlt sich in diese Stimmung ein; „hörbar" wird sie eigentlich nur, wenn sie einige allzu pädagogische Signale setzt. Hier und da ersterben alle Geräusche in Tonlöchern, und Stummheit legt sich über die Bilder: Zäsuren des Erschreckens, des Innewerdens namenloser, nie verwundener Erschütterungen.

 

„Nieder mit den Deutschen" ist ersichtlich ein Film der „Wende" und der von ihr erzeugten Psychosen. Fast penibel sucht Schubert diese Abbruchwelt nach Graffiti ab, die das Gefahrvolle der Lage und den latenten Tumult unter der Decke des Alltags signalisieren: „Nie wieder Krieg!" - „Weg mit Kohl, Erdbeeren für alle!" Die Spraydosen-Parolen sollen „wie zufällig" ins Bild kommen, von der Kamera angeschnitten, nur halb lesbar, beiläufig wie die Einstellung auf einen „Spiegel"-Titel mit dem Konterfei Zimmermanns oder der Blick in ein Schaufenster, das „Panzerwesten-Spezialanfertigung" anpreist. Doch gerade die kunstvolle Zufälligkeit dieser Bilder verrät das Kalkül, das ihnen zugrundeliegt: die Angestrengtheit linken Bewußtseins, Zeitgeschichte und politische Transparenz durch den Buchstaben, die Parole, die Bild-Legende einzuholen.

 

Die Wandinschriften im Gestapokeller damals - die gesprühten No future-Zeichen heute: Sie bezeugen eher die Diskontinuität des Widerstands, mithin die Kontinuität der Ohnmacht. Während in den suggestiven Bildern - oder auch in den genial-wirren Monologen eines spleenigen Außenseiters (Klaus-Ulrich Gries) - deutsche Geschichte und Gegenwart komplex und sinnlich-vielfältig erscheinen, werden sie in den politischen Signaturen und einigen politisierenden Dialagen auf Sentenzen reduziert. So, wenn der überlebende Edelweißpirat Rio (Heinz Opfinger) heute gegen die Ausländer wettert - und so am Ende, wenn Fritz und seine alte Kombattantin Brigitte (Ruth Brück) mit Blick auf Kohl und Geißler den Schlußstrich ziehen: „Die Regierung heute haben die gewählt, für die wir den Kopf hingehalten haben."

 

Ist die Militanz - der Linken von damals wie der von heute - der Trauer über die Niederlagen gewichen, oder ist sie in dieser Trauer „aufgehoben": als eine Energie, die sich geschichtlich erneuern wird, um in der Geschichte auch bestehen zu können? Schuberts Film wirft diese Frage auf. Daß er keine Antwort weiß, bedingt seine Stärke wie seine Unfertigkeit, die Schwäche zu nennen sich verbietet in Anbetracht des Schwachsinns, der sich heute vielfacher Subvention erfreut.

 

Klaus Kreimeier

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Frankfurter Rundschau am 9.10.1984

 

 

Nieder mit den Deutschen

BR Deutschland - 1984 - 91 min. – schwarzweiß - Verleih: Dietrich Schubert - Erstaufführung: 31.8.1984 - Produktionsfirma: Dietrich Schubert

Regie: Dietrich Schubert

Buch: Dietrich Schubert

Kamera: Michael Giefer

Musik: Wolfgang Hamm

Schnitt: Hanne Huxoll

Darsteller:

Hans Künster

Ruth Brück

Heinz Opfinger

Will Courth

Andreas Würfel

 

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