zur startseite

zum archiv

 

Nicotina

 

 

 

Color statt Kolorit

 

Wie wir alle unheilbaren Raucher wissen, ist einer der unverzichtbarsten Gegenstände dieser Welt die Zigarette. Aus ihr erwachsen Lebensintensität, chronischer Husten und Krebs (und weitere ziemlich unappetitliche Sachen, von denen wir vor einer großen Kampagne der Bundesregierung noch nicht einmal zu träumen wagten). Doch davor, daran glauben wir standhaft, wird das Raucherleben mehr Spaß gemacht haben als das ohne Nikotin.

 

Unsere typische Raucher-Argumentation benutzt auch der junge Kleinkriminelle Nene aus dem Film „Nicotina“, wenn er seine Sucht vor dem älteren, nichtrauchenden Kollegen Tomson rechtfertigen will. Nur seinen Zusatz hätten wir nicht so direkt geäußert: Es kann dich jederzeit treffen, also solltest du dir gleich eine anstecken!

 

Warum an jeder Ecke der Tod wartet, beantwortet „Nicotina“ uns recht bald: Denn die Luft im Film ist weit mehr blei- als nikotinhaltig, und um am Blei zu sterben, brauchst du nur wenig: Ein paar Deppen im Kleinkriminellenteam oder eine zänkische Ehesituation – und natürlich ein paar Kanonen. Aber die liegen im Mexico City von „Nicotina“ mindestens so benutzerfreundlich rum, wie im LA von Tarantinos „Pulp Fiction“, und hier wie da ist die etablierteste Konfliktlösung das Kleinkaliber.

 

Was ist das Problem? Nun, der milchbärtige Lolo hat zwei spannende Hobbys, die ihn vom Rauchen abhalten: Eines ist das Hacken, aber das aufregendere ist die Observation seiner Nachbarin Andrea, auf die er nicht ein, sondern drei Augen geworfen hat, zwei davon sind aus Glas und hängen je an der Wohn- und der Schlafzimmerdecke der lebenslustigen Geigerin. Andrea übrigens ist so blind, dass sie die überhaupt nicht versteckten Kameralinsen übersieht. Überhaupt geht es im Film ständig darum, dass einer irgendwas Offensichtliches übersieht – merkwürdig genug; doch ziemlich persönlich wird dieser running gag, wenn auch uns Blindheit unterstellt wird und die Computerbildaufbereitung uns zirpende Kleinquadrate hervorhebt, in denen Sachen, meist sind’s Leute am Bildrand, eine angeblich irre bedeutende Rolle spielen - obwohl sie eigentlich nur verpeilt in der Gegend rumlungern.

 

Womit wir wieder bei Lolo wären. Obwohl dessen erster größerer krimineller Karriereschub (incl. Diamanten-Werten in 100.000er Höhe) kurz bevor steht, ist er so sehr Spanner, dass er es nicht mal fertig bringt, die CD-ROM mit den gehackten Zugangsdaten der „Schweizzer Nazionalbank“ (sorgfältigster Requisitenrecherche sei Dank: der humoristische Höhepunkt im Film) mit Edding zu beschriften, und weil er es nicht tut, man ahnte es schon längst, muss es zu einer folgenschweren Verwechslung kommen. Da ist es letztlich überflüssig, dass die hübsche Andrea ihm am Ende der viel zu langen Exposition auf die multimediale Schliche kommt und seine CD-ROM-Sammlung ankokelt. Klein-Lolo hätte die Daten-CD auch so mit einer seiner tausend Andrea-CDs verwechselt.

 

Dass der Deal zwischen Russenmafia und Mexikanerkriminellen unter einem schwarzen Stern steht, wenn statt monetärer Zugänge nur nachbarliche Privatsphären im Software-Angebot sind, kann keinen verwundern. Selbstverständlich ballert sofort jeder wie wild drauflos - denn offenbar ist alles, was eine zeitgenössische „schwarze Komödie“ braucht, Beschränktheit und Bewaffnung. Der dezimierte Ganovenrest schleppt sich, getreu dem Motto „Mit einer Kugel im Bauch gehe ich noch lange nicht nach Hause“, durch die Studiobauten eines Plastik-Mexico-City, das aus jeder seiner Ecken in einem anderen Farbton schimmert, dabei aber leider jeden Ansatz einer bewussten Stilisierung vermissen lässt. Bunt ist der Film ganz offenbar, weil er visuelle Farbtupfer setzen möchte, wenn die Story eher blass bleibt, kurz: Atmosphärisch stelle man sich das Ganze in etwa so vor wie die „Lindenstraße“ an Weihnachten.

 

„Nicotina“ lehrt uns, dass unbescholtene Bürger - geraten sie in Waffenbesitz - ganz verrückte Sachen tun: Sie sperren ihre notgeilen und unfreundlichen Gatten ein, sie zielen mit Riesenpistolen auf sie und sie wühlen mit bloßen Händen in den Gedärmen dicker, toter, backenbärtiger Russen herum. Zum Schieflachen. Eines haben alle Figuren gemeinsam, ihre Belanglosigkeit. Nichts gegen Belanglosigkeit, solange sie Charme besitzt. Nur kann es den peinlichen Spanner Lolo kaum interessanter machen, wenn er uns auch noch als lustiges Identifikationsangebot aufgedrückt wird, und die sich gegenseitig auf die Nerven fallenden Frauen und Männer in ihren kleinbürgerlichen Ehen, Apotheken und Friseursalons, die nicht einmal den Tiefgang des hamburger „Ohnsorgtheaters“ erreichen, erwecken (selbst bei Kettenrauchern) noch keine Empathie, bloß weil sie dauernd Lungenschmacht haben.

 

Weil „Nicotina“ kein Herz für seine Figuren hat (aber auch keine Lust darauf, sie auf die Spitze irgendeines einschlägigen Klischees zu treiben), treten sie ungeliebt auf der Stelle; und wenn deren Psychologie hinkt - was nicht selten passiert -, wird schnell zurückgeschossen, damit das nicht so auffällt. Das Ergebnis: Mehr als das halbe Personal muss dran glauben. Spaß macht das eigentlich nicht. John Travolta, der Berufskiller in „Pulp Fiction“, war definitiv mehr Heidi Kabel als der Kleingangster Nene in „Nicotina“ John Travolta ist, eben weil Travolta ein Herz besaß, ein sehr banales, sehr amerikanisches, aber ein klopfendes. Die Figuren von „Nicotina“ haben wenig Originalität, wenig Genre-Typisches, aber sie erzählen auch wenig über ein zeitgenössisches Mexiko, anders als das Personal seines offenbar stilistischen und kommerziellen zweiten Vorbildes „Amores Perros“.

 

Die Neue Zürcher Zeitung schrieb: „Wenn Quentin Tarantino 'Amores Perros' realisiert hätte, wäre möglicherweise „Nicotina“ dabei herausgekommen“. Davon abgesehen, dass schon „Amores Perros“ stets als die mexikanische Version von „Pulp Fiction“ gehandelt wurde, sollte es richtig heißen: Wenn Tarantino „Nicotina“ gedreht hätte, dann nur nach einer Elektroschockbehandlung, die sein Hirn von fundamentalen filmhistorischen Kenntnissen und vor allem von seinem bösen Hintersinn bereinigt hat. 

 

Eines hat der Film aber doch mit Tarantino gemeinsam: Der Zweier-Disput über die Vor- und Nachteile des Rauchens ist geklaut. Er ist dramaturgisch genau so aufgebaut wie die berühmte „Pulp Fiction“-Diskussion über das Thema Fußmassage. Nur was bei Tarantino intelligenter Witz war, ist in „Nicotina“ abgekaute Binsenweisheit.

 

Fassen wir’s zusammen: „Nicotina“ ermüdet, wo „Pulp Fiction“ seinerzeit ganze Kinosäle aus den Angeln hob. „Nicotina“ ist bestenfalls Telenovela, dabei ohne Ironie, also Mutter Beimer an Weihnachten mit Bauchschuss und blutiger Kippe im Mund. Der Film versucht auf den Zug aufzuspringen, von dem schon unzählige andere vorher („Bube, Dame, König, Gras“, „Lammbock“ etc. pp) runtergepurzelt sind, dazu noch, obwohl der, laut Fahrplan, schon seit über 10 Jahren abgefahren ist.

 

Was nun aus unserem Lolo geworden ist? He gets up in smoke, wie es sich für einen anständigen Raucher gehört. Das hätte er aber auch netterweise 80 Minuten eher tun können.

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist ausschnittsweise auch erschienen in: Jungle World

 

 

Nicotina

Mexiko 2003 - Regie: Hugo Rodríguez - Darsteller: Diego Luna, Daniel Giménez Cacho, Lucas Crespi, Jesús Ochoa, Carmen Madrid, Marta Beláustegui, Rosa María Bianchi, Rafael Inclán, Norman Sotolongo, Eugenio Montessoro - Länge: 93 min. - Start: 14.7.2005

 

zur startseite

zum archiv