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Nichts als Gespenster 

„Wouldn’t it be nice / If we could live here / Make this the kind of place / Where we belong.“ Das Zitat aus einem Song der Beach Boys, das die kalifornischen Sunnyboys als wahre Blochianer erscheinen lässt, steht Judith Hermanns Erzählungensammlung „Nichts als Gespenster“ (2003) voran. Dass man diesen Song im Geiste auch in Martin Gypkens kongenialer Verfilmung einiger Prosatexte von Judith Hermann zu hören meint, spricht entschieden für den Film. Ansonsten gilt: Wenn ein Hellmuth Karasek in den Texten Judith Hermanns doppeldeutig den „Sound einer neuen Generation“ entdeckt haben will, dann ist Vorsicht geboten, nicht Dargestelltes und Darstellung gleichzusetzen. Es geht hier nicht um das „Fräuleinwunder“ in der jungen deutschen Literatur und was der Kritik sonst so zu der leicht schwebenden Prosa Judith Hermanns eingefallen ist, in der es an entscheidender Stelle einmal heißt: „Es ist nicht ungewöhnlich. Viele Leute leben so. Sie reisen und sehen sich die Welt an, und dann kommen sie zurück und arbeiten, und wenn sie genug verdient haben, fahren sie wieder los, woanders hin. Die meisten Leute leben so.“

 

Eine kühne, reizvolle These, die in Zeiten der digitalen Bohème und der prekären Arbeitsverhältnisse einmal soziologisch-empirisch untersucht werden sollte, die Martin Gypkens („Wir“, fd 36 348) als Steilvorlage für seinen Episodenfilm nutzt. Es geht um nicht mehr ganz junge Menschen, die reisen, getrieben von einer unbestimmten Sehnsucht, von Ausbruchs- und Fluchtfantasien, wobei die Fluchtbewegung wichtiger scheint als das, woraus man flieht. Gypkens skizziert fünf Geschichten, die in den USA, in der Karibik, in Venedig, auf Island und in der deutschen Provinz spielen. Mit durchweg großartigen, sehr präzise besetzten Darstellern – vor allem ist es ist eine besondere Freude, August Diehl, der zuletzt zu einer Art Schmerzensmann des deutschen Films wurde, in seiner Rolle als Amerika überdrüssigen, angewiderten Touristen zu erleben – wird von der Sehnsucht erzählt, dass es „da draußen“ noch etwas geben mag, das sich zu erleben lohnt, das vielleicht zu längst überfälligen Entscheidungen fürs eigene Leben führt.

 

In Judith Hermanns „Sommerhaus, später“ kann man lesen: „Es war so möglich, das Leben. (...) Alles konnte sein. Ja, warum nicht? Fahren wir hinaus. Kann sein, uns passiert eine Geschichte. Oder es passiert uns nichts. Wir sind bereit. Wir haben Zeit.“ In „Nichts als Gespenster“ spüren die älter gewordenen Figuren das beklemmende Gefühl, dass diese Zeit knapp wird, dass Entscheidungen anstehen, die Zeit für Festlegungen kommt. Das Reisen steht so bereits im Zeichen einer nervösen Angespanntheit, die Freundschaften und Beziehungen sind eben nur eine „Art von Familie“, wie Hermann schreibt. Man erlebt Ellen und Felix auf einer Autofahrt durch die USA: Obwohl sie ein Paar sind, stehen sie sich plötzlich und extrem schmerzhaft als Fremde gegenüber. Man sieht die Freundinnen Christine und Nora in der Karibik, die Noras Ex-Freund besuchen. Ein Hurrikan ist angekündigt. Vielleicht wird das Unwetter etwas Bewegung in die Unentschiedenheit der Gefühle bringen. Am interessantesten ist die Geschichte, die in der deutschen Provinz spielt: Ruth und Caro sind Freundinnen. Ruth verliebt sich in den Schauspieler Raoul, doch als sich Caro die Chance bietet, auch etwas mit Raoul anzufangen, nutzt sie sie.

 

Die Freundschaften und Beziehungen, die vorgeführt werden, sind widersprüchlich, brüchig und eingefahren zugleich. Kunstvoll hat Gypkens die Episoden miteinander verflochten, sodass sie einander wechselseitig subtil kommentieren. Während Marion in Venedig merkt, dass ihre agilen Eltern viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um die Einsamkeit ihrer Tochter zu bemerken, müssen Ellen und Felix unvermittelt einem neugierigen Fremden Auskunft über sich geben. Es ist der Amerikaner Buddy, der so insistierend und interessiert fragt, dass Ellen die oben angeführte Passage spricht. Der so staunend vor dem Lebensentwurf der beiden jungen Deutschen steht, dass die „Gefährlichkeit“ seiner Fragen in deren Leben etwas bewegt: „Ich habe darüber noch nicht nachgedacht.“ Die Schlusspointe der Titelgeschichte hat sich Gypkens gespart; sie hätte der eigenwilligen Atmosphäre des empathischen Schwebens seines Films wohl zuviel Entschiedenheit und auch einen latent konservativen Zug verliehen. In seiner überlegten Verfilmung der als unverfilmbar geltenden Vorlage bleibt am Ende alles offen, melancholisch und wohlgeordnet nebeneinander stehen.

 

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst

 

Nichts als Gespenster

Deutschland 2007 - Regie: Martin Gypkens - Darsteller: August Diehl, Maria Simon, Fritzi Haberlandt, Brigitte Hobmeier, Jessica Schwarz, Jeanette Hain, Stipe Erceg, Wotan Wilke Möhring - Prädikat: wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 119 min. - Start: 29.11.2007

 

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