zur startseite

zum archiv

zu den essays

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt

 

Die sowohl exemplarische als auch fragwürdige Geschichte vom schwulen Daniel (Bernd Feuerhelm). Seine Stationen sind Sentimentalität, Luxus, Strandbad, Park, Klappe - und die rettende Kommune. - Daniel, frisch in Berlin, trinkt mit Clemens (Berryt Bohlen) Kaffee, sie kopieren die bürgerliche Ehe. »Schwule wollen nicht schwul sein, sondern so spießig und kitschig leben wie der Durchschnittsbürger. Schwule fordern vom Schwulen, ein Ästhet zu sein. Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie, noch spießiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden. Ihre politische Passivität und ihr konservatives Verhalten sind der Dank dafür, daß sie nicht totgeschlagen werden. Nicht die Homosexuellen sind pervers, sondern die Situation, in der sie zu leben haben (Filmkommentar) - Vier Monate später. Daniel zieht zu einem reichen, älteren Mann (Ernst Kuchling) in die Grunewaldvilla und lauscht dem Hauskonzert: »Kennst du das Land«, die Arie der Mignon aus der Oper von Ambroise Thomas. Der Filmkommentar erinnert an den Klavierspieler Heydrich. »Solange Bildung und Kunst ein Mittel der Reichen und Mächtigen ist, über die menschlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf der Welt hinwegzutäuschen, sind sie radikal abzulehnen. Gerade den reichen Schwulen ist die Hilflosigkeit der Unterdrückten gerade recht, um sie besser ins Bett zu bekommen. Sie sind faschistisch, wie Träume es immer sind. - Daniel entflieht dem Luxusbett, um die Freuden der Konsumwelt zu genießen. Seine Arbeit als Kellner im Schwulencafe (man erkennt das ehemalige Moby Dick in der Grolmannstraße) verschafft ihm »interessante Gespräche über Film, Mode und Körperpflege« mit den dort verkehrenden Freizeitschwulen (man erkennt Dietmar Kracht). Auf der Wannseeterrasse Deck 4 läßt Daniel sich eincremen. »Trotzdem haßt ein Schwuler den anderen, denn er sieht in ihm sein eigenes Unglück. Statt gegen eine Gesellschaft zu kämpfen, der sie ihr Unglück verdanken, geben sie sich lieber selber die Schuld - Zwei Jahre später findet Daniel schnellen Sex auf der Straße und in Nachtlokalen. »An jeder Ecke bieten Schwule sich wie Nutten an Mit einer Rose im Eingang einer Kneipe steht ein Partner (Manfred Salzgeber). »2000 wechselnde Sexualpartner im Leben eines Schwulen sind oft der Ersatz für den einen«: der Kommentar zur Fassade des Kleist-Casinos. Die Kleist-Quelle und die Haci-Bar am Savignyplatz kommen ins Bild, während der off-Sprecher für die Tunten plädiert: »Sie sind nicht so verlogen wie der spießige Schwule Die Musik stimmt sich ein: »Was ist das Ziel in diesem Spiel, das der Natur gefiel - Das Schwulsein wird zur Sucht. Daniel trifft im Park (es ist der Volkspark beim RIAS) mit exotischen Lederleuten von der Sadomasoszene zusammen, einer ist als Steven Adamczewski zu erkennen. »Ähnlich wie bei den Nazis, in Cowboyfilmen und beim Militär sehnen sich die Ledermänner in eine Welt der Gewalt Es herrscht konzentrierte Stille. Die he-Schwulen befingern Ketten, Ringe, Reißverschlüsse: »Sexuelle Hilfsmittel«. - Daniel sinkt zum Pißbudenschwulen hinab. In den Klappen erfährt er, daß Stricher und Rocker die Schwulen hassen. Auf der Straße möchten die Passanten Schwule vergasen und kastrieren. Daniel sucht Trost in der Transvestitenkneipe (Ellis Bierbar): »Ja, ich bin die tolle Frau von der Tingeltangelschau«. Paul nimmt ihn in die schwule Wohngemeinschaft mit. Nackt läßt sich Daniel von den emanzipierten Schwulen ein Manifest vortragen (es ist von Martin Dannecker theoretisch abgesichert). Dieses will »den Pißbudenschwulen und Parkfickern helfen, aus ihrer beschissenen Situation herauszukommen«. Disziplin und Moral sind erforderlich, bewußt »schwuler zu werden« und »mit den Negern der Black Panther und der Frauenbewegung gegen die Unterdrückung von Minderheiten zu kämpfen«.

 

Mit dem Aufruf »Werdet stolz auf eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen! FREIHEIT FÜR DIE SCHWULEN hätte der Film sein happy end, wenn nicht zu den starken Worten die abgebildeten jungen Männer ein allzu hilfloses Bild böten. Mit bürgerlichen Tunten ist keine Revolution zu machen. Hatte dies der Film nicht zuvor ausgiebig zu beweisen versucht?

 

Darf man nun lachen oder nicht? Der analytische Filmkommentar ist offensichtlich parodistisch und ernstgemeint in einem. Ernsthaft vorbereitet hat Praunheim Film und Text bereits im Jahr 1969, zusammen mit dem ambitionierten Taxenfahrer Sigurd Wurl. Das war das Jahr, in welchem der § 175 des Strafgesetzbuches fiel und damit die Kriminalisierung der widernatürlichen Unzucht unter Männern. Mit den ersten Aufführungen des Films, 1971, begann die Schwulenbewegung in der Bundesrepublik. Praunheims Schwulenfilm und seine Ausstrahlung im Fernsehen (1972 im 3. Programm des WDR, 1973 im 1. Programm - außer Bayern -) ist als Ereignis mit dem 26. Juni 1969 zu vergleichen - dem Tag, als sich in der new yorker Stonewall Bar zum erstenmal Schwule (gegen die Polizei) zur Wehr setzten - auf der Christopher Street, deren Namen zum Inbegriff der schwulen Freiheitsbewegung wurde.

 

Der Vergleich führt jedoch nicht weiter. Denn erstens hat Praunheim während der Produktion von NICHT DER HOMOSEXUELLE nicht von den Vorgängen im fernen Amerika, wie er beteuert", gewußt. Und zweitens richten sich seine vehementen Attacken nicht gegen fremde Unterdrücker - wie gegen die Heterobullen in der Stonewall Bar -, sondern gegen das eigene Lager. Die Situation, in der der Homosexuelle lebt, ist hausgemacht: das ist die These des Films. Praunheim trat als Nestbeschmutzer auf. Verwirrung, Empörung, Bestürzung im Schwulenlager war die Folge, aber auch Bewegung, Aktion, coming out und Solidarität. Rückblickend zeigt sich, daß der Schwulenfilm etwas bewirkt, ja Epoche gemacht hat. Er ist »mittlerweile legendär«.

 

Die kämpferisch-pathetischen Manifestsätze des Films verlieren angesichts der professionell-kühlen Bilder Robert van Ackerens ihre Verbindlichkeit und werden selbst eins der Phänomene, die der Film beschreibt: der analytische Berufsschwule ist eine der vielen Facetten, die den Reichtum des Films ausmachen. Der Film unternimmt Unvereinbares (Wirkliches/Fiktives, Beschriebenes/Analysiertes, Dokumentiertes/Inszeniertes) und gewinnt doch Balance und Authentizität in der vorsätzlichen »diffusen Künstlereinstellung« (Praunheim) des Filmmachers. Indem dieser Material organisiert, das er quasi als Feldforscher gefunden hat, macht er sich gleichzeitig zum Gegenstand der Beschreibung selbst. Der Film funktioniert, da Praunheim die Vielfalt der Daniel-Identitäten ist: der Film, den Gesetzen des Zeitablaufs gehorchend, führt sie nacheinander vor. Der Lederfreund, der Antiquitätenhändler-Freund: das privat Vorgefundene wird im Film öffentlich gemacht. Praunheim selbst wird öffentlich. NICHT DER HOMOSEXUELLE ist sein coming out. Seine Eltern, so berichtet er, erfuhren erst durch den Film, daß ihr Sohn homosexuell ist. Gerade weil die Modelle des Schwulenfilms auch Travestie sind - das politische Pathos in rosa Licht getaucht wird -, die schlimmsten Heteroklischees über die Welt der Perversen bestätigt und gleichzeitig zerstört werden - Bild und Ton einander zum Zeugen aufrufen und dementieren -: gerade in dieser überreichen Widersprüchlichkeit stellt sich etwas her, was - in der Person des Filmmachers - wirklich ist, authentisch, lebendig und menschlich. Mit anderen Worten: der Film sprach, nachhaltig, an.

 

Denn Praunheim reagierte als Betroffener, der persönlich erfahren hat, was im Schwulenlager Selbstunterdrückung bedeutet, Selbsthaß und Schuldgefühle. Der Film tut grad nicht, was in dieser Situation sonst als wohlfeiler Ausweg dient, nämlich den Schwulen als Opfer der (Hetero-)Gesellschaft hinzustellen und über die Diskriminierung von außen zu klagen. Statt dessen soll Praunheims aggressive und provozierende Selbstkritik aus der schwulen Subkultur hinaushelfen. Gegenstand der Kritik ist damit der schwule, verlogene, anpassungswillige Kleinbürger, der sich vom kommerziellen Sexgetto bereitwillig aufs Sexuelle reduzieren läßt, gesprächsunfähig wird, Gefühl und Kommunikation verliert und mit Lust sich selbst gegenüber repressiv verhält, obwohl die alte Unterdrückung durch die Gesellschaft längst ihre Wirksamkeit verloren hat. »Die Situation, die die Schwulen in Clubs und Saunen treibt, das eben ist die schizophrene Subkultur« (Praunheim).

 

Praunheim reibt sich mit seinem Film als Minderheit in der Minderheit an der schweigenden Mehrheit konservativer und reaktionärer Schwulengesinnung. Er will das (schwule) System verändern, dessen Teil er bleibt. Das gewährleistet in der Tat intensive Lernprozesse. Zu lernen ist etwas aus der schwulen Wende, die Praunheim schon im Jahr 1970 konstatiert. Das ist für ihn die Änderung des schwulen Rollenverhaltens:

vom femininen zum maskulinen Ideal, nämlich von der Tunte, deren Gebaren Protest gegen die Rollenerwartung war, zum Lederschwulen, dessen Gebaren Anpassung (Überanpassung) an die Repressionsmechanismen der Gesellschaft sind. Glaubt man dem Film, haben die Schwulen damit selbst ihre Situation ins politisch Perverse verkehrt, ins Reaktionär-Faschistische. Der Film setzt gegenüber dieser Wende heilsam Aggressionen und Selbst-Haß frei. Schluß mit der Augenwischerei des »Schwul ist gut und fick, bist du die Hepatitis kriegst« (Praunheim). Statt dessen verraten im Film die Karikaturen und Stereotypen, werden sie nur genug freigelegt, ihren Mechanismus. Vergessen wir nicht, daß zu den Stereotypen auch der Kommentar selbst gehört; die hohe Stimme Volker Eschkes sagt neunzigmal »schwul«, und das war vor vierzehn Jahren ein Wort, das Emotionen freisetzte, böse vor allem. Auch die schwule Subkultur fühlte sich getroffen. Was eben der Film bezwecken wollte.

 

Da Praunheim mit diesem Film auch sich selbst treffen wollte, oder doch eine seiner Identitäten, ist der Film gleichzeitig eine einverständliche Beschreibung der berliner schwulen Subkultur. Dieser Aspekt macht das Entertainment aus, das den Film der Eindimensionalität dogmatischer Indoktrination enthebt. Wahrscheinlich ist es der Unterhaltungswert, der den Film schließlich doch in die Fernsehprogramme hievte. Hofnarr von Praunheim - ein bis zwei Narren hielten die höfisch-rechtlichen Anstalten damals aus - stellte sich und seine Szene dort mit deutlicher Resonanz aus, wobei er durchaus auf die Ausgewogenheit zwischen Botschaft und Parodie achtete. Die ersten Sequenzen des Films hatte er sowohl mit Bernd Feuerhelm als auch mit Dietmar Kracht gedreht, noch unentschieden, wer die Rolle des Daniel spielen sollte. Schließlich nahm er Bernd Feuerhelm, um das parodistische Element zu mäßigen. Es ging ihm darum, den Freiraum politisch zweckmäßig zu nutzen, den ihm die Aufbruchsstimmung jener Jahre verschafft hatte, konkreter: der Dramaturg der Produktionsfirma Bavaria in München, Werner Kließ. Dieser, zuvor Redakteur der Zeitschrift film und Praunheim-Rezensent, hatte die Möglichkeit der Produktion »eines HomosexuellenFilms« erkannt (Etat: 250 000 Mark).

 

Das Unschickliche und Ungeschickte des Schwulenfilms war es, das Realität aufdeckte. Der vorsätzliche Dilettantismus machte Provokation - und aus Ästhetik Politik. Die Abwesenheit von Professionalität und Kommerzialität brachte das Unikum eines Kampffilms zuwege, der sich jederzeit genießen ließ. Er sprach, damals durchaus ungewohnt, Kopf und Bauch an und vermittelte die real existierenden Widersprüche. Nicht als ästhetisches Werk besteht der Film, sondern als Waffe, als Provokation im Einsatz. Der Einsatz des Films (die Aufführung) erfolgte überall, auch in den USA und in Kanada, zum Zwecke nachfolgender Diskussion. »Die Diskussionen, die dieser Film sowohl bei Hetero- als bei Homosexuellen ausgelöst hat, sind möglicherweise wichtiger als der Film selbst Die Diskussion, meist die wenig kontrollierte Freisetzung von Emotion, war ihrerseits Mittel: für eine Therapie, in der Praunheim in der Doppelrolle von Therapeut und Patient auftrat. Sie verfolgte das Ziel, das Selbstbewußtsein der Minderheit zu entwickeln (schwul bleibt schwul) und eine Solidarität der Minderheiten zu schaffen (Schwule, Frauen, Neger, Juden). Ersteres war im Film angelegt, letzteres war ihm aufgesetzt - als verbales Postulat.

 

Das erste pädagogische Ziel wurde durch den Film erreicht. Die Kommunikation unter den deutschen Schwulen setzte ein. Die Schwulenbewegung Anfang der 70er Jahre war die Folge; Höhepunkt war 1973 der Demonstrationszug beim Pfingsttreffen schwuler Aktionsgruppen auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Das zweite Ziel, mit Hilfe der diversen Minderheiten das bürgerliche System zu verändern, erreichte, wie man heute weiß, weder Praunheim noch ein anderer.

 

Die Aufführung des Films im deutschen Fernsehen wurde zum Skandal. Der WDR, der den Film bei der Bavaria (München) in Auftrag gegeben hatte, zeigte ihn am 31.Januar 1972 in seinem Programm allein. Die für dasselbe Datum vorgesehene gemeinsame Ausstrahlung im ARD-Programm scheiterte im letzten Moment. Mit einer Mehrheit von sechs gegen vier Stimmen hatte die Ständige Programmkonferenz der ARD in München auf Vorschlag des Südwestfunk-Programmdirektors Hans Joachim Lange die Absetzung des Films beschlossen - aus Gründen der Fürsorge für die homosexuelle Minderheit. Befürchtung: »Der Film könnte geeignet sein, Vorurteile gegen Homosexuelle zu bestätigen oder zu verstärken Der Fernsehdirektor des Bayerischen Fernsehens, Helmut Oeller, gab für den Mehrheitsbeschluß jedoch das Argument preis: »Wir stehen als öffentliche Anstalt im Dienste der Mehrheit Als ein Jahr später, am 15.Januar 1973, doch eine Aufführung im ARD-Programm zustandekam, schaltete sich Bayern, da es sich nun einmal in den Dienst der Heteros gestellt hatte, aus dem Programm aus. Es erntete dafür Lob und Tadel. Karlheinz Böhm, Kolumnist einer populären TV-Zeitschrift, verurteilte in seiner Kolumne (»Mein Programm«) die Absetzung. »Aus Protest bleibt heute die Röhre kalt Der Schwulenfilm fand seine ersten Engagierten.

 

Das Fernsehen hatte im unmittelbaren Anschluß an den Film für die Ausstrahlung modellhafter Diskussionen gesorgt. Deren Zweck illustrierte im ARD-Programm Moderator Reinhard Münchenhagen. Er verließ seinen Platz, sagte: »Es war einmal einer, der sagte, er sei ein Berliner, obwohl er keiner war. Ich sage nichts, sondern handele« - und setzte sich unter die Schwulen. Im übrigen wurde zum Schluß der Sendung eine Organisationsadresse für alle Schwulen bekanntgegeben. In Münster. Dort fand die erste Demonstration der deutschen Schwulenbewegung statt.

 

Die Fernsehdiskussion gab Volkes Stimme nicht wieder. »Fernsehen propagiert Sittenzersetzung«, notierte die Presse. »Ist es pervers, nicht homosexuell zu sein Zur »öffentlichen Zusammenrottung schwuler Intellektuellenhaufen zum Kampf gegen die vom Grundgesetz geschützte Familie« gibt eine Zeitung unter dem Titel »Aufstand der Perversen« das Urteil eines Taxifahrers wieder: »Jetzt weiß ich, warum Hitler die schwulen Säue ins KZ gesteckt hat Diese Meinung »wundert uns in der Tat nicht« nach dem »Auftritt des Anarchokommunisten Rosa von Praunheim in der Runde intellektueller Gesäßsexualisten«. »Menschen unterster Kulturstufe« »dürfen im Fernsehen straffrei junge Menschen fürs schwule Heerlager rekrutieren«: diese Pressesätze stellen ein Bürgerkriegsinszenarium auf: der Kampf gegen die Untermenschen im eigenen Land. Praunheim hatte die Emotionen erfolgreich aufgeheizt. Das ging auch der intellektuellen Presse zu weit. Wolf Donner bemängelte, daß der Film so »unpolitisch« ist: »Daß Homosexualität eine Klassenfrage ist - das mußte man in Praunheims Film eher erraten

 

In den Diskussionen, die den Filmaufführungen folgten, bekam Praunheim gerade von seiner Zielgruppe, den Schwulen, böse Worte zu hören. Diese bezogen sich freilich nicht auf das Versäumnis, die Klassenfrage zu erörtern. Sie war statt dessen Gefühlsausbruch. Schon die Erstaufführung des Films, auf dem Forum des Jungen Films während der Berliner Filmfestspiele 1971, platzte unter dem betroffenen Publikum wie eine Bombe. »Es gab eine wütende, nahezu brutale Diskussion, voller Anschuldigungen, Ausfälle, Gehässigkeiten und widersprüchlichen Analysen der homosexuellen Lage«, schrieb die Süddeutsche Zeitung und kommentierte diese »immense Provokation« als »richtig, nützlich, notwendig«. Praunheim gelang es, die schwule Entrüstung, deren Ausmaß ihn allerdings überraschte, strategiegemäß zu kanalisieren. 1971 gründete sich im Anschluß an die Aufführung des Films im berliner Arsenal-Kino die erste deutsche politische Schwulengruppe, 39 weitere folgten in den nächsten Jahren.

 

Große Resonanz hatte Praunheim in den USA und in Kanada. Da dort die Schwulen bereits organisiert waren, stieß die Inauguration der Schwulenbewegung freilich ins Leere. Gegenstand der Diskussionen war das Kampfmittel selbst: der Nutzen von Provokation und Entrüstung. 1972 lief der Film in New York im Museum of Modern Art. Die anschließende kontroverse Diskussion wurde auf einem halbstündigen Film festgehalten. Er dokumentiert die Entrüstung eines Publikums, das sich im Schwulenfilm nicht wiedererkannt hatte und den Film als schwulenfeindlich einzustufen bereit war. Das Diskussionsdokument wurde in Amerika im Anschluß an die Filmaufführung in den folgenden Jahren gezeigt. So auch 1977 in der Veranstaltung des Film Forums in New York, das den Film zwei Wochen lang im ausverkauften Vandam Street Theatre wiederaufführte. Dort erfuhr Praunheim überraschenderweise Zustimmung. Der Schwulenfilm wurde als Insiderkritik akzeptiert. Die Aufführungen im new yorker Firehouse der Gay Activists Alliance und im Glines Gay Art Center zeitigten zweierlei Reaktion. Spontan zollte »eine militante Gemeinde von radikalen Tunten, Lederleuten, Päderasten, alten und jungen Schwulen ungeheuren Applaus«; in der Diskussion gab es eine aggressive und wilde Wortschlacht, Wutgeheul und Beschimpfungen, deren Ausmaß und Erfindungsreichtum »die Sex Pistols übertreffen«. Ein Filmdokument dieser Diskussion, gefilmt von Wieland Schultz-Keil, ist im Besitz Praunheims, ein Videoband, in den USA eingesetzt, dokumentiert die schwulenpolitische Brisanz des Films. Die Reaktionsfilme zwangen das amerikanische Publikum, sich nicht nur mit Praunheims Schwulenfilm, sondern auch mit den eigenen - aufgezeichneten - Reaktionen zu befassen, so während der Aufführung von NICHT DER HOMOSEXUELLE 1978 auf dem Gay Cultural Festival der Christian Association at the University of Pennsylvania und der Gays at Penn in Philadelphia.

 

Die Publikumsreaktionen anläßlich der Aufführung 1979 in Montreal veranlaßten Praunheim, sich mit Anita Bryant zu vergleichen, der publikumswirksamen Schwulenjägerin jener Jahre - jedoch als Kritiker des eigenen Lagers und des therapeutischen Effekts halber. Von Le Berdache, dem Verbandsorgan der Vereinigung für die Rechte der schwulen Gemeinde in Quebec, wurde ihm vorgeworfen, nur das Negative zu zeigen. Der Artikel erschien sogleich in englischer Übersetzung in Boston. Die Empörung erledigte sich nicht mit der jeweiligen Veranstaltung. Sie hievte Praunheim auf die Titelseiten der schwulen Zeitungen. Ebenfalls im Jahr 1979 wurde er als »Trouble-Shooter« auf dem Titel der Zweiwochen-Zeitung Gay News vorgestellt - neben Anita Bryant. Riesenversalien zielen auf sein Konterfei: IS THIS HOMOSEXUAL GIVING US A BAD NAME? Innerhalb der Schwulenbewegung und ihrer Presse war Praunheims Rolle als »Gay Cinema's Enfant Terrible« - so die Überschrift in The Advocate im Januar 1980 - fixiert."' Nicht seine Argumentation, sondern seine Bilder zählten und ihr Vermögen, die alleräußersten Effekte: Hysterie im schwulen Publikum zu erzeugen, es aus der beharrlichen Anpassung wenigstens an diesem Punkt herauszulösen. Doch Ende der 70er Jahre wollte das Publikum eine Bestätigung für die Erfolge der Schwulenbewegung haben, und Praunheims Film von 1970 bot keine schwule Love Story, sondern erinnerte an das, was immer noch nicht erledigt war.

 

Der Heteropresse in den Staaten verschloß sich die Dimension des Films. Vincent Canbys Statement in der New York Times zufolge ging es dem Film lediglich ums verbale Manifest: »ein militant marxistischer Aufruf für ein Ende der Schwulenunterdrückung«.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rosa von Praunheim; Band 30 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1984, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags

 

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt

Regie, Buch, Ton: Rosa von Praunheim. - Kamera: Robert van Ackeren, Rosa von Praunheim (nicht aufgeführt). - Kamera-Assistenz: Dieter Milster. - Schnitt: Jean-Claude Piroue. - Musik: Archivaufnahmen. - Maske: Hans-Peter Knöpfle. - Regie-Assistenz: Pia Richter-Haaser, Johannes Flütsch. - Theoretische Mitarbeit: Martin Dannekker, Sigurd Wurl. - Darsteller: Bernd Feuerhelm (Daniel), Berryt Bohlen (Clemens), Ernst Kuchling (Der Reiche), Dietmar Kracht, Steven Adamczewski, Manfred Salzgeber (alle uncredited), u.v.a. - Sprecher: Volker Eschke, Michael Bolze, Rosa von Praunheim. - P: Bavaria Atelier GmbH im Auftrag des WDR. - Produzent: Werner Kließ. - Herstellungsleitung: Lutz Hengst. - Produktionsleitung: Dieter Minx. - Aufnahmeleitung: Peter Skwara. - Drehort: Berlin. - Produktions-Kosten: ca. 250 000 DM. - Format: 16 mm, Farbe (Kodak). Ė Original-Länge: 67 min. - Uraufführung: 4.7. 1971, Internationales Forum des jungen Films, Berlin; 2.9. 1971, Hamburger Filmschau. - TV: 31.1. 1972 (WDR III); 15.1. 1973 (ARD, außer Bayern). - Verleih: Freunde der Deutschen Kinemathek (16 mm).

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays