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Nicht alle waren Mörder

 

Des Schauspielers Michael Degen Erinnerungen an die Kriegsjahre in Berlin, schlecht geschrieben  (Literatur-Konkret 2003), ein Bestseller, jetzt verfilmt und ins Fernsehformat gebracht. Der kleine Junge und seine Mutter entziehen sich der Judenverfolgung und tauchen unter. Eine Reihe von Berlinern gewähren ihnen Obdach. Mit viel Glück überstehen die beiden Protagonisten die Gefahr, entdeckt zu werden. Schließlich machen die Stalinorgeln die Musik. "Endlich wieder normale Menschen", begrüßen Mutter und Sohn die Befreier von der Roten Armee.

 

Prof. Dr. Steinbach vom Institut für Geschichte der Universität Karlsruhe, historischer Berater des Films, hat den Film zum Exempel gemacht für "doppelten Widerstand: den der Helfer und den der Untergetauchten". So soll es funktionieren: der "Rettungswiderstand" einerseits, die Selbstbehauptung von Juden andererseits, sich nicht "wie die Schafe zur Schlachtbank" führen zu lassen.

 

Der "Widerstand von unten" dient im Film den verschiedensten Interessen. Die Elsner holt sich den elfjährigen Juden ins Bett, kuscheln. Die Thalbach will Geld. Kommunist Prahl will es sühnen, daß er als Lokführer Juden "nach Polen" transportiert hatte. Das gibt im Film ein zwiespältiges, buntes Bild. Eine Riege von Darstellern, die jedem TV-Freund bestens vertraut sind, vermitteln die Gewißheit, daß es im Krieg mit den jüdischen Helden gut ausgeht. Denn alle, die wir sehen, leben noch, 2006. Dem TV-Format ist auch geschuldet, daß die alliierten Terrorangriffe auf die Reichshauptstadt sehr ausführlich und immer dekorativ ins Bild gesetzt werden. Was mit den Juden in Polen geschieht, wird nicht bebildert, wie denn auch, wenn Berlin doch Berlin bleibt. Wir sehen saubere Bilder, auch wenn sie Trümmer zeigen. Dank der nachhaltigen Ausleuchtung, wie sie TV-Spielen eigen ist, werden nostalgisch-schicke Kostüme wie von Models vorgeführt. Und immer wieder setzt man sich zu Tisch, das Zwiebelmuster klirrt, die Bestecke auch, dem widerständlerischen Gastgeber gelten dankbare Blicke. Es schmeckt. Und die Dialoge? "Dies ist euer neues Zuhause mit Klo und Wasserspülung".

 

Sind die Einwände vom Tisch, wenn es um Mainstreamtauglichkeit geht, prime time im Ersten? Jetzt werden doch alle wissen, was "Widerstehen im Alltag" ist, "beispielhaft" (Steinbach), und das gleich doppelt. Mein Gott, hätten doch damals alle Juden wie Nadja Uhl gehandelt und wie ihr tapferer Sohn, aber nein, sie ließen sich ja wie Schafe zur Schlachtbank führen. Nehmen wir uns ein Beispiel und machen es das nächste Mal besser.

 

Dietrich Kuhlbrodt        

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret

 

Nicht alle waren Mörder

BRD 2006

Regie: Jo Baier

mit Nadja Uhl, Hannelore Elsner, Katharina Thalbach, Richy Müller, Axel Prahl

ARD 1.11.2006, 20.15 Uhr

 

 

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