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Der neunte Tag

 

 

 

Ein Traktat über Gewissensnot im Klerus. 1942. Abbé Kremer hat Urlaub vom KZ. Christliche Nächstenliebe begleitet ihn auf der Fahrt heim nach Luxemburg. In der Eisenbahn teilt ein kleiner Junge das Butterbrot mit ihm. Im Dienstwagen der Gestapo versichert ihm der Fahrer, daß er für ihn beten werde, und schon wäscht ihm die Schwester (Bibiana Beglau) die Füße. Aber dann naht der Versucher in Gestalt des SS-Untersturmführers Gebhardt; der Gestapochef ist jung, schön und schlau (August Diehl) und versucht den KZ-Urlauber (Ulrich Matthes, der Goebbels im "Untergang") zum nationalsozialistischen Glauben zu bekehren. Das Teuflische daran ist, daß er katholisch argumentiert, war unser SS-Mann doch zuvor selbst im Priesterseminar ausgebildet worden. Spannende Frage: wird der Ältere den Verführungskünsten des Judas-Jungmanns widerstehen? Wird der Priester dem Deutschen Reiche Treue schwören? Wie würden Sie entscheiden?

 

Am neunten Tag wissen wir es, nicht ohne bedacht zu haben, daß es Pius XII. auch nicht leicht gehabt habe, zur Judenvernichtung ein Wort zu sagen. Kein Wort, wie wir wissen. Wir lernen, daß es für Katholiken keine verbindliche Antwort gab und gibt. Ein jeder muß selbst in Erfahrung bringen, wie er Lockungen widersteht. Unser Abbé jedenfalls kehrt wieder in den Priesterblock des KZ Dachau ein und schneidet mit einem eigens mitgeführten Messer (!) die Wurst in Scheiben, um die Hungrigen zu speisen.

 

Das fromme Kammerspiel beruft sich auf den wahren Fall des katholischen Würdenträgers Jean Bernard und auf dessen autobiografischen Bericht "Pfarrerblock 25487". - Ehe jemand auf die Idee kommt, daß der Film sich auf Realität beziehe, wollen wir zweierlei festhalten. Erstens war jeder Bischof (und mit ihm jedes Schaf) lt. Reichskonkordat sowieso verpflichtet, dem Deutschen Reich Treue zu schwören. Und zweitens fiel in der Realität, nicht aber im Film, der Probeurlaub des Abbés offensichtlich zur Zufriedenheit der Gestapo aus. Der Häftling wurde nach wenigen Wochen endgültig aus dem KZ ins Klosterleben entlassen. Zwei Jahre später gab er die Tageszeitung Luxemburger Wort heraus, präsidierte ab 1947 dem Katholischen Filmbüro in Belgien und Luxemburg und erfreute sich der Ernennung zum Päpstlichen Geheimkämmerer. Aber was wir im Film sehen, ist ein Märtyrer, der im KZ endet. Ein Heiliger der Bibelstunde des "Neunten Tags". Halt! 97 lange Minuten sind es genau.

 

Nochmals: Halt! Um Gottes Willen!! Ging es Regisseur Volker Schlöndorff evtl. gar nicht um den historischen KZ-Urlauber? Schlöndorff: "Ich bin als Schüler auf einem französischen Jesuiteninternat gewesen, und das prägt mich und meine Arbeit bis heute. Insofern ist dieser Film auch eine Hommage, eine Danksagung an diese alten Patres, ohne die ich nie einen Film gemacht hätte. Diese Köpfe waren meine Vorbilder für den Priester Kremer in 'Der neunte Tag' und in meinem Leben überhaupt". - Ja, dann ...

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: konkret

 

Der neunte Tag

Deutschland / Luxemburg 2004 - Regie: Volker Schlöndorff - Darsteller: Ulrich Matthes, August Diehl, Hilmar Thate, Bibiana Beglau, Germain Wagner, Jean-Paul Raths, Ivan Jirik - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 97 min. - Start: 11.11.2004

 

 

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