zur startseite

zum archiv

Nemesis Game

 

Der Opener ist geradezu ein Aufreißer: Eine etwas blasse, wild mit den Augen funkelnde Frau in einer abgewrackten Verhörzelle wird befragt, warum sie einen jungen Mann getötet hat: „Was wäre, wenn ich jetzt sagen würde, weil ich den Sinn des Lebens erkannt habe?“

 

Wohlverstandener Trash trägt ja in sich immer irgendwo auch das Wissen um seine Billigkeit, und er macht umso mehr Spaß, umso weniger er sich ernst nimmt. Nach dieser Brachialeinleitung von „Nemesis Game“ verortete ich mit Vorfreude den Film schon beinahe auf der Seite dieses lustigen Genres, doch dann wuchs mit jeder weiteren Sekunde mein Erstaunen, dass der Film von Humor gänzlich frei und alles, was da so lustig angefangen hatte, wirklich bitterernst gemeint war.

 

Leider blieb der Film dann nicht so. Leider war er danach auch nicht mal mehr unfreiwillig komisch. Er meinte ernst, dass es Philosophiestudentinnen gibt, die sich nicht erklären können, warum es Autounfälle gibt, warum Mord und Totschlag existieren, warum in China ein Sack Reis umfällt und die so dämlich sind, dass sie nach einem Weltenplan verlangen, der sie vom eigenen Denken entbindet und auf den jedes, aber auch jedes Ereignis auf diesem Planeten zurückzuführen ist. Er meinte ernst, dass eine (wohl größere) Ansammlung esoterischer Jugendlicher in Kanada nichts Schöneres zu tun hat, als sich gegenseitig vertrackte Rätsel aufzugeben („Der Arme hat es. Dem Reichen fehlt es. Gott fürchtet es“ Auflösung: „Nichts“), deren Auflösung sie wieder in den Genuss eines weiteren so sorgfältigen wie nutzlosen Rätsels bringen wird, usw., was – und diese Logik ist schon berauschend – am Ende zur allgemeinen, totalen Erkenntnis führen soll. Statt zur totalen Verwirrung, die den kritischen Zuschauer spätestens nach Rätsel Nr. 20 ergreift und einschläfert.

 

Es gibt Filme, die funktionieren nur dadurch, dass der Zuschauer glaubt, sie handelten von unerhörten Begebenheiten, von raffiniert verborgenen Wahrheiten. Die mit ihrer Verklausuliertheit auf die vor Staunen geöffneten Münder ihrer Ziel-Klientel kalkulieren. Sowas funktioniert immer wieder, manchmal ist es auch optisch schön gemacht. „Cube“, oder „Pi“ sind Filme, die inhaltlich eher hohl und überfrachtet, aber hübsch gedreht sind. „Nemesis Game“ ist aber leider auch noch arg fantasielos und witzlos heruntergekubelt, so dass es in diesem Fall nicht Wunder nimmt, dass er nicht in die Kinos sollte.

 

Meine Empfehlung: Den Kopf anschalten und Nemesis Game am besten gleich auslassen. Dann muss man auf jeden Fall nicht mehr das Ende sehen, das selbst die fanatischsten Mystiker mit seiner plumpen Auflösung verärgert hat. Wie steht’s auf dem DVD-Cover? Die Regeln schreibt der Tod. Na, da hätten wir auch gleich drauf kommen können... 

 

Andreas Thomas

 

 

Nemesis Game

Kanada 2003

Regie: Jesse Warn

 

zur startseite

zum archiv