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Mystics in Bali

 

Horrorfilme leben vor allem von ihrer Liebe zum Obskuren. Nicht nur ihr Gegenstand - Halbwesen, Untote, Okkultismus und dergleichen -, auch produktionsästhetisch wie diegetisch sind die Filme oft absurd bis wahnwitzig. Wie kaum ein anderes Genre kultivierte der Horrorfilm den Trash-Appeal, sammelte eine Schar glühender Anhänger um sich, die sich am allzu offensichtlich Schlechten laben und im Obskuren nach filmischem Ausdruck jenseits bieder-braver Konventionen suchen: Nicht erst Schlingensief begriff das Scheitern ambivalent als Chance. "Psychotronisch" - unter diesem Begriff fasst man in der "Szene" all jene Filme zusammen, die durch ihre Unzulänglichkeiten, ihre Naivität verwirren und entfremden, sich, kurzum, für keine Peinlichkeit zu schade sind. Der Archäologie des psychotronischen Films sind somit keine Grenzen gesetzt: In den USA befassen sich ganze DVD-Firmen einzig und allein mit der Hebung solcher dem Pantheon der hehren Filmgeschichte auf ewig entrissener Machwerke, kaum ein Land mit nennenswerter Kinematografie, das nicht zu irgendeiner Epoche ein mehr oder weniger florierendes Exploitation-Kino gehabt hätte, die meisten - leider! - wohl unwiederbringlich verloren.

 

Einen ganz besonderen Reiz stellen aus dieser Perspektive natürlich Horror-B-Movies aus sowieso schon exotischen Ländern dar. Die Aneignung klassischer Horrormythen verspricht mit einer Vermischung eigener Gruselgeschichten einen ganz besonderen Reiz, aus unserer Perspektive exotische Kulte uns Legenden stellen, im Exploitation-Kontext, einen exquisiten Mehrwert dar. Einen ganz besonderen Leckerbissen dieser Machart hob man vor einigen Jahren mit der Filmografie des Regisseurs José Mojica Marins, dessen bizarren "Coffin Joe"-Filme (bras. "Ze de Caixao") mittlerweile weltweit Kultstatus genießen. Ob H. Tjut Djalil, Regisseur zahlreicher indonesischer Horrorfilme mit geringem Budget, ein ähnlicher Ruf anheim fallen wird, bleibt zu sehen. Sein Film "Léak" (Mystics in Bali, Indonesien 1981), unlängst von der auf exotische Genrefilme kaprizierten, britischen DVD-Firma Mondo Macabro veröffentlicht, stellt es zumindest in Aussicht.

 

Die Spielhandlung ist wie so oft wirr bis kaum nachvollziehbar: Auf der Suche nach Stoff für ihr Buch über schwarze Magie und okkulte Geheimlehren verschlägt es die junge - je nach Synchroversion us-amerikanische oder australische - Autorin Catherine Kean (Ilona Agathe Bastian, es sollte ihr einziger Film bleiben; mit Recht, sei angemerkt) auf die kleine Insel Bali. Dort, so munkelt man, vor allem der ihr angetraute Reisebegleiter und soon-to-be-Lover Mahendra (Yos Santo, auch hier kein weiterer Film bekannt), dass der hiesig betriebene "Léak"-Kult den afrikanischen Voodookult an erschließender Macht und potentieller Gefahr noch weit übertreffe. So verwundert es, dass Mahendra die selbstredend nie auch nur für eine Minute an einer Schreibmaschine sitzende oder sich gar Notizen machende, eigentlich ja doch recht naive Catherine mit einer im örtlichen Hain praktizierenden Hexe dieser Glaubensrichtung bekannt macht. Diese wittert die große Chance: Der Vorschlag, Catherine in die Lehre zu nehmen, um sie in die dunklen Geheimnisse des Kultes einzuweihen, entpuppt sich schnell als Finte mit dem Zweck, alte Macht, vor allem aber ihren Körper (unnötig zu erwähnen, dass sie eigentlich doch auch schon so mit recht physischer Präsenz brilliert) wiederzuerlangen. So trägt es sich zu, dass Catherine desnächtens auf wundersame Weise zu einem, nunja, gewissermaßen, vampirähnlichen Wesen mausert, um, warum auch immer, für die Hexe allerlei Menschenfleisch zu naschen, auch vor noch nicht geborenen Embryonen wird nicht halt gemacht. Tagsüber sind die Erinnerungen an die nächtlichen Eskapaden indes verschwunden, allein eine flaue Übelkeit und Verschiebungen im Spektrum der Persönlichkeit sind zu verbuchen. Mahendra, nicht auf den Kopf gefallen, wittert den Braten, sucht Rat bei den Dorfältesten, die natürlich alles über den Kult, seine Ziele und Vorgehensweisen wissen ("Warum hat man denn dann nicht gleich...?", möchte man verwirrt fragen, aber dann wäre der Film ja auch gleich aus gewesen), und sich zum Showdown rüsten ...

 

Was für ein Film. "Mystics in Bali" ist psychotronisch im besten Sinne und weiß mit allerlei wilden Ideen und noch mehr Schwächen zu begeistern. Zum einen die Mimen selbst: Eine Klobürste ist allein in ihrem Sein schon oskarreif dagegen! Erwähnenswert vor allem Yos Santo, der seine Performance mit einem unglaublichen Repertoire an debilen, lediglich vom persönlichen Nicht-Spielen-Können erzählenden Gesichtsausdrücken unterstreicht. In seiner Partnerin Ilona Agathe Bastian findet er einen den eigenen Leistungen angemessenen Gegenpol. Die sich in der Regel recht motivationslos in die Dramaturgie einschiebenden Momente der romantischen Annäherung zwischen den Beiden, komplett mit urplötzlich einsetzender süßlich-kleisternder Musik, gerinnen zu Momenten reinster Transzendenz, wie man sie sonst nur im Brecht'schen Theater erfährt.

 

Famos natürlich auch die Sequenzen, wenn das garstige Grauen die Oberhand über den Bildkader gewinnt: In das Budget nur wenig belastenden Videotricks löst sich das Haupt der Catherine, um fortan, durch die Lüfte fliegend und mit einem leger als Wurmfortsatz zweckentfremdeten, drunter baumelnden Rückgrat, Angst und Schrecken zu verbreiten. Man muß das wohl wirklich gesehen haben, um es glauben zu können - der Godzilla-Komplex aus Japan gelangt im Vergleich retrospektiv zu neuen Ehren in Sachen Special Effects. Selbstredend verfehlt auch die weidlich in Szene gesetzte Léak-Hexe nicht ihren Zweck: Für gewöhnlich hysterisch lachend und wild gestikulierend, zählt sie in der langen Traditionslinie der Leinwandbösewichte eher zu den unfreiwillig komischen Vertretern. Das Finale selbst - man kredenzt dem das Geschehen nur noch ungläubig folgenden Zuschauer doch tatsächlich noch eine Art auf Erden darnieder gekommenen Gott als Counterpart zur alten Vettel - übertrifft die während des Verlaufs dargebotenen, visuellen Spektakel schließlich bei weitem und verliert sich in vollkommen jenseitigen Dimensionen filmischen Erzählens.

 

Für ein kurze Zeit herrschte Hochbetrieb im indonesischen Kino. Legislative Verschärfungen für die indonesischen Filmverleiher - eine bestimmte Anzahl importierter Filme hatte die Produktion mindestens eines hiesigen Films zur verordneten Folge, entsprechend billige, spekulativ inszenierte Schnellschüße waren die Folge - sorgten für einen nationalen Boom an Splatter- und Horrorfilmen. Mit "Mystics in Bali" lieferte H. Tjut Djalil einen für Freunde des höchst obskuren Films ein kleines Fest und setzte dieser Ära grenzwertiger Filmkunst ein kleines Denkmal. Salzletten, kaltes Bier, dieser Film - und der Abend ist gerettet. Wenn man sich drauf einlassen kann, zumindest.

 

Thomas Groh, 2003

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: ciao.de

 

Mystics in Bali

Léak, Indonesien 1981

Regie: H. Tjut Djalil

Drehbuch: Jimmy Atmaya nach dem Roman von Putra Mada

Kamera: Kasdulla

Schnitt: Djuki Paimin

Darsteller: Yos Santo, Ilona Agathe Bastian, Sofia W.D., W.D. Mochtar, u.a.

DVD-Anbieter: Mondo Macabro, http://www.mondomacabro.co.uk

 

Internet Moviedatabase:

http://us.imdb.com/title/tt0097942/combined

 

 

 

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