zur startseite

zum archiv

Mystic River

 

„Mystic River“ ist Hollywood. Nicht Europa, nicht Autorenkino, nicht Kunstkino. „Mystic River“ ist schlechtestenfalls das, was sich von Sergio Leone hinübergerettet hat nach Hollywood: Der Männerfilm, der von Männern handelt, die sich, ihre Ehre oder sonstwas immer für wichtiger erachten als alles vor ihren kleinen, dummen Türen: Frauen, Menschen, Menschenwelt.

 

„Mystic River“ ist Hollywood. Der Film leiht sich alles, woraus er besteht, bei den Genres: das detektivische Genuschel beim modernen Hollywood-Krimi, die Dunkelheit und den Regen bei Lynch oder Fincher, den Männlichkeitswahn bei Clint-Eastwood-Filmen, oh, Verzeihung, dieser Name ist identisch mit dem des Regisseurs. „Mystic River“ beleiht, aber er schafft keine Distanz, nicht zu den Genres und nicht zu seinem Thema, und daher bringt er nichts Neues hervor.

 

Um es noch ein letztes Mal klarzustellen: „Mystic River“ ist Hollywood, also nur ein Unterhaltungs-Film, und er gibt sich keine Mühe, mehr als das zu sein. Auch seine vielgelobten Darsteller kommen nicht über das Darstellen von Darstellungen, über Mimiken, die schon seit den siebziger Jahren Hollywood-Standard sind, hinaus. Ein „Schauspielerfilm“ sei „Mystic River“, natürlich ist er das, weil eine Handvoll von Leuten darin ist, die anderswo schon mal gut geschauspielert haben. In „Mystic River“ klappt das eben auch gerade so weit, wie die Figuren das theatralisieren, was Männer-Klischees der Gegenwart eben so Theatralisches anbieten müssen. Raffinierte Klischees sind sie, perfekte Klischees, weil man ihnen fast glauben möchte, und vor allem, weil das auch einfacher ist, als sie, und mit ihnen ein Weltbild, zu hinterfragen.

 

Falls wir „Mystic River“ schon gesehen haben, erinnern wir uns an diese überschaubare Geschichte:

Also: Drei Jungs haben ein Problem: Einer von ihnen wird in einem Auto von zwei bösen Männern entführt, die in etwa so aussehen, wie man sich laut Eastwood einen Hollywood-Jaques-Dutroux in den Sechzigern vorzustellen hat: Schmierige, brutale Mafiosi, oder dergl. Die Krux von „Mystic River“ ist nicht komplex, sondern simpel: Weil perverse Männer Lust hatten, einen Jungen gegen seinen Willen drei Nächte lang zu missbrauchen, leiden darunter nicht nur der Betroffene, sondern schließlich alle drei Kumpels. Und zwar ihr Leben lang. Und mit ihnen deren Frauen und Kinder. Unglückliche Männer produzieren neues Unglück, könnte man sagen.

 

Dass Misshandlung in der Kindheit das ganze Leben zerstören kann, ist verbürgt. Mich aber stört die Art, wie hier Misshandlung dargestellt und erinnert wird, nämlich als etwas Äußeres, Fremdes, Mystisches eben. Durch die Dämonisierung von Täter und Tat wird sie verschwommen, unreal, und dadurch wieder ungreifbar, nicht zu verarbeiten. Dadurch wird sie einer psychischen Wirklichkeit beraubt und demzufolge einer gesellschaftlichen Relevanz, einer politischen Qualität entzogen. Die meisten Kindesmisshandlungen gehen ja nicht von merwürdigen, finster dreinblickenden Gangstern aus, sondern von durchschnittlich netten, alltäglichen Familienvätern, und sie werden gedeckt von durchschnittlich netten Familienmüttern. Das aber ist wirklich unheimlich, nicht der Märchenwolf, der aussieht wie eine Mischung aus Mafioso und Gangster.

 

Mit eben dieser Verbannung einer allzu realen gesellschaftlichen Problematik ins (wie der Titel bereits verrät) Mystische, Dunkle, Unerklärliche aber betreibt der Film gerade das, wogegen er angeblich angetreten ist: Er verdrängt das Problem, statt es zu beschreiben. Seine Mittel sind die des Krimis, des Melodrams, (und in der Thematisierung von Selbstjustiz) des Westerns, also die amerikanische Art, Märchen zu erzählen. Die Form ist es eigentlich, die interessant ist, weil sie uns zeigt, wie der american way of repression auch in der Identitätskrise der amerikanischen Gegenwart funktioniert. „Mystic River“ ist Psychogramm eines verstörten amerikanischen und männlichen Narzissmus und gleichzeitig die Methode, den internen Defekt (des Mannes, der Gesellschaft) zu verleugnen, indem „Mystic River“ seine Ursache nicht als gesellschaftsintern versteht, denn sie ist - nur – dunkles, mysteriöses Schicksal, sie ist böser Dämon. Der Fehler liegt nicht im System, sondern in einem mystischen Draußen. Deshalb kann man sich auf hollywoodeske Männerart (ein verletzlicher De Niro oder Pacino, Männer, die obwohl sie Gefühle haben, immer noch keinen Schritt von ihrem machistischen Selbstbild abweichen müssen, stehen für diese sensiblen aber ungebrochenen Machos aus „Mystic River“ Pate) im Leiden suhlen und ausruhen. Selbstkritik ist nicht nötig, und das Prinzip „Mann“ bleibt als Prinzip unhinterfragt. Auch in ihrem Versagen bleiben die Männer des Männerfilms „Mystic River“ Helden, eben weil sie „Männer“ bleiben.

 

Der große Fehler des Films liegt darin, dass er sich nicht von dem Klischee des Mannsbildes, das uns das amerikanische Kino in seinen Western, oder Eastwood über „Dirty Harry“, „Erbarmungslos“, bis zu „Die Brücken am Fluss“ immer wieder offeriert, lösen will, und so, weil er einen falschen Männlichkeitsmythos affirmiert, der wirklichen Auseinandersetzung mit männlicher Gewalt von vornherein im Weg steht, denn das konventionelle Kommunikationsmittel Gewalt steckt ja schon in der (hier propagierten!) männlichen Struktur selbst. In Eastwood-Filmen steht Männlickeit im Mittelpunkt und diese Männlichkeit ist immer noch die des Patriarchats. Frauen haben bei Eastwood keine Kraft und keine Ideen, die zur Lösung von Konflikten dienlich wären. So bleibt ihnen nur, sich vor den Männern zu fürchten, sie zu bemitleiden oder sie zu bewundern. Für Eastwood ist die Frau immer noch nur aus einer Rippe des Mannes geschaffen. Eastwood schafft es auch in „Mystic River“ nicht, Abstand zum patriarchischen Männer-Klischee Hollywoods zu gewinnen; er subtilisiert es nur. So ist „Mystic River“ seinem ideologischen Gehalt nach nicht anders als ein Western. So wenig wie der Mythos wird das Genre als etwas Künstliches erkannt und überwunden. So wenig wie mit den Fremden, die aus dem Nichts kommen, drei Tage lang einen Jungen vergewaltigen und wieder im Nichts verschwinden, so wenig setzt sich "Mystic River" ernsthaft mit den destruktiven Seiten des Mannes auseinander. Wenn die drei Protagonisten im Film Böses tun, dann nur deshalb, weil sie Opfer sind, nicht etwa, weil sie auch Männer sind. Das Männerbild ist in "Mystic River" ein schizophrenes. Weil zur Rettung des Selbstbildes der Ursprung der Gewalt als etwas Systemimmanentes (also Männerspezifisches) isoliert und eliminiert werden muss, werden die Täter-Männer dämönisiert und die Opfer-Männer melodramatisiert. Deshalb ist „Mystic River“ unkritisch seinem Thema männliche Gewalt gegenüber, bestenfalls Unterhaltungskino, aber in keinem Moment von aktueller sozialer oder kultureller Brisanz. Der Film versucht, im Gegenteil, ein rückschrittliches männliches Selbstverständnis in einer Zeit zu reinstallieren, die unter anderem gerade durch es selbst beschädigt wurde. Dabei heraus kommt männliches Selbstmitleid, mehr nicht. Ein Männerfilm mit zerquälten Männern halt.

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmzentrale.com

Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Kritiken

 

Mystic River

Regie: Clint Eastwood

Darsteller: Sean Penn, Tim Robbins, Kevin Bacon, Laurence Fishburne, Marcia Gay Harden, Laura Linney

Land, Jahr: USA 2003

Laufzeit: 137 Minuten  

 

 

zur startseite

zum archiv