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Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel

 

 

Himmel und Erde

 

"Weil wir viel weniger Macht haben

als die andere Seite, aber die

menschlicheren Ideen, deswegen

dürfen wir auch zu den

verzweifelteren Mitteln greifen."

(Knab zu Mutter Küsters beim

Sitzstreik in der Redaktion)

(Schluss der US-Fassung des

Films)

 

Wie ein roter Faden durchzieht die Geschichte der marxistisch-leninistischen Linken die Auffassung, die am Schluss der US-Fassung des Films der Anarchist Knab (Matthias Fuchs) gegenüber Mutter Küsters (Brigitte Mira) darlegt, als beide mit einer weiteren Anarchistin (Y Sa Lo) in der Redaktion einer Boulevard-Zeitung einen Sitzstreik mit dem Ziel veranstalten, die Zeitung solle einen verleumderischen Artikel über Mutter Küsters’ Mann dementieren. Kein Wunder, dass sowohl die moskauhörige DKP wie die maoistische und anarchistische Linke Fassbinders Film aus dem Jahr 1975 als Angriff auf ihr "reines" Selbstverständnis ablehnten.

 

Dass der geheiligte Zweck, der von den Protagonisten dieser Linken selbst zum edleren Zweck erklärt worden war - demokratische Zustimmung meinte man dafür nicht zu benötigen -, jedes Mittel rechtfertige, um ihn durchzusetzen, war allein nicht nur ein Merkmal dieser ML-Phase und ihrer Gruppen und Grüppchen zwischen 1968 und Ende der 70er Jahre. Wie Fassbinder in "Mutter Küsters’ Fahrt zum Himmel" (der Titel ist eine Anspielung auf einen sog. "Arbeiterfilm" aus dem Jahr 1929 "Mutter Krausens Fahrt ins Glück") zeigt, ist auch anderen in die Geschichte der Mutter Küsters verstrickten Personen jedes Mittel recht, um egoistische Bedürfnisse zu befriedigen.

 

Mutter Küsters - wie in "Angst essen Seele auf" von der einzigartigen Brigitte Mira verkörpert - ist das, was man als "einfache" Frau bezeichnet. Mutter Küsters und ihr Mann, Ende 50 / Anfang 60, gehören der Kriegsgeneration an, haben ihr Leben lang geschuftet, keine Ansprüche gestellt, nie aufbegehrt und doch immer einen Weg gefunden, um in ihrem Leben auch Zufriedenheit zu erreichen. Eine Schreckensnachricht greift eines Tages tief in Emma Küsters’ Leben ein. Ein Kollege ihres Mannes läutet an der Tür und teilt Emma mit, ihr Mann habe in der chemischen Fabrik, in der er schon lange gearbeitet hat, einen Vorgesetzten ermordet und dann sich selbst umgebracht - wahrscheinlich wegen von der Firmenleitung beabsichtigter Massenentlassungen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich diese Nachricht durch alle Medien. Im Radio ist von einem Verrückten die Rede, Fotografen und Reporter drängen sich in die Wohnung von Emma, um mehr zu erfahren, besser gesagt: um einen scoop, einen Knüller zu landen.

 

Zu ihnen gehört auch Niemeyer (Gottfried John), der Emma verspricht, einen wahrheitsgemäßen Artikel über ihren Mann zu publizieren. In Wirklichkeit will auch er nichts weiter als eine reißerische Story. Aber Emma glaubt dem sympathisch auftretenden Mann (zunächst). Ihr Sohn Ernst (Armin Meier) und vor allem dessen schwangere Frau Helene (Irm Hermann) hingegen fürchten um ihr eigenes Ansehen durch den Wirbel, den die Tat Küsters’ ausgelöst hat. Sie verlassen Emmas Wohnung, wollen nach ihrem Urlaub in eine neue Wohnung ziehen. Emmas Tochter Corinna (Ingrid Caven), eine abgehalfterte Barsängerin, wittert dagegen eine Chance für ihre Karriere. Ein Nachtclubbesitzer (Peter Kern) lässt sie als Tochter des "Fabrikmörders" auftreten, Corinna schart die Pressemeute um sich und hofft auf Ruhm und Geld. Ausgerechnet mit Niemeyer, der mehr über sie und ihren Vater erfahren will, fängt sie ein Techtelmechtel an.

 

Emma, die von den Presseberichten entsetzt ist, weil ihr Mann als brutaler Vater und Verrückter dargestellt wird, fühlt sich nicht nur allein gelassen. Sie IST allein - von ihren Kindern im Stich gelassen. Da scheint unerwartet Hilfe aufzutauchen. Das Ehepaar Thälmann (Karlheinz Böhm und Margit Carstensen) nehmen sich Frau Küsters’ an, sprechen mit ihr, laden sie zu Kaffee und Kuchen ein und erklären ihr ihre Unterstützung. Die Thälmanns, im gutbürgerlichen Milieu lebend, sind Mitglieder der DKP. Und Thälmann "erklärt" Mutter Küsters, dass ihr Mann kein "Fabrikmörder" sei, sondern aus berechtigtem Protest gegen den Kapitalismus gehandelt habe - auch wenn das Mittel des Mordes, zu dem er gegriffen habe, falsch sei. Thälmann schreibt einen Artikel in der "uz" ("Unsere Zeitung"), der Zeitung der DKP, in dem er Vater Küsters als Opfer des Kapitalismus darstellt und gleichzeitig - in Kritik an dem falschen Mittel des Mordes - für die DKP und ihren parlamentarischen, "ordentlichen" Weg wirbt. Die Thälmanns schaffen es sogar, dass Mutter Küsters in die Partei eintritt, weil sie glaubt, nur hier Menschen gefunden zu haben, die ihr wirklich helfen und ihrem Mann Gerechtigkeit verschaffen wollen. Sie spricht vor den versammelten Anhängern der DKP, erhält viel Beifall - und doch: mehr als dies kommt nicht zustande, und Mutter Küsters ist enttäuscht, macht den Thälmanns Vorwürfe, die sich dadurch rechtfertigen, jetzt müsse die Partei erst einmal den Wahlkampf organisieren, bevor sie sich weiter um Mutter Küsters’ Sorgen kümmern könne.

 

Enttäuscht lässt sich Emma Küsters von dem Anarchisten Knab dazu überreden, eine "Aktion" durchzuführen, die endlich die Öffentlichkeit wach rütteln und die Verantwortlichen in der Redaktion Niemeyers zwingen soll, den Inhalt des bösartigen Berichts zu dementieren. Was sie nicht weiß: Es geht nicht um eine friedliche Aktion. Knab und seine Gesinnungsgenossen dringen mit Mutter Küsters in die Redaktionsräume ein - und ziehen die Waffen. Sie wollen Geiseln nehmen, die Redaktion zum Dementi zwingen und fordern gleichzeitig die Freilassung sämtlicher politischer Gefangener.

 

Hier endet der Film. Fassbinder lässt den Schluss der deutschen Fassung vor dem Bild der völlig überraschten Mutter Küsters in Schriftzügen am Zuschauer "vorbeiziehen". Inzwischen belagert die Polizei das Haus, in dem sich die Redaktionsräume befinden:

 

"Das Fluchtauto ist vorgefahren. Nach einiger Zeit kommen Mutter Küsters und die anderen mit den Geiseln heraus. Das Mädchen hat ihre Waffe auf den Kopf von Niemeyer gerichtet. Knab bewacht Linke" (den Chefredakteur). "Mutter Küsters geht offensichtlich willenlos mit. [...] (Sie) geht wie schlafwandlerisch auf Ernst zu", der den Polizeikordon durchbrochen hat. "Ein Schuss peitscht durch die Nacht. Mutter Küsters bricht zusammen. Knab erschießt Linke. Dann wird auch er getroffen. Corinna kommt, kniet sich nieder, nimmt ihre tote Mutter in den Arm und lässt sich photographieren."

 

Fassbinder zeigt also weder den Mord und Selbstmord von Mutter Küsters’ Mann noch die dramatisierte Schlussszene des Films. Natürlich ist die Schlussszene in gewisser Weise "übertrieben", theatralisiert, wenn man so will. Auch der ursprünglich vorgesehene Schluss, der dann nur in der amerikanischen Fassung des Films gezeigt wurde, ist von dieser "Überzeichnung" geprägt: Knab und Mutter Küsters versuchen durch einen Sitzstreik, die Redaktion zu zwingen, den Artikel über ihren Mann zu dementieren. Knab wird es zu langweilig, als alle Mitarbeiter der Zeitung die Redaktion abends verlassen, und er geht mit der Bemerkung, man hätte lieber mit Waffen auftauchen sollen (s. Zitat am Anfang dieses Beitrags). Allein sitzt Emma Küsters in der Redaktion, und auch Corinna kann sie nicht zum Gehen bewegen. Dann erscheint der Hausmeister und will abschließen. Sie könne ja morgen wiederkommen, meint er, und lädt Emma Küsters zum Essen ein. Der ältere, allein stehende Mann, will mit Emma darüber reden, wie sie doch noch Gerechtigkeit für ihren Mann erreichen kann. Emma ist erfreut. Beide gehen, um "Himmel und Erde" zu essen.

 

Trotz dieser beiden grotesken Schlusskapitel steckt in beiden doch gleichzeitig einiges an Tragik der bundesrepublikanischen Gesellschaft der 70er Jahre. Der freundliche Hausmeister ist dabei eine Art "Katalysator", um der Geschichte einerseits am Schluss die Schärfe zu nehmen - geradezu eine Märchengestalt, die an dieser Stelle kaum zu erwarten gewesen wäre -, andererseits weist er Mutter Küsters sozusagen einen Weg, der nicht unbedingt Erfolg verspricht, aber eben der einzige ist, den Emma Küsters gehen kann, um selbst nicht in irgendeiner Weise Schaden zu nehmen: Nachdenken, wie man Gerechtigkeit erreichen kann, ohne sie erzwingen zu wollen. Gerade hier, in diesem Schluss, tritt die ganze Menschlichkeit eines Regisseurs wie Fassbinder offen zutage.

 

Der andere Schluss ist vor allem deshalb grotesk, weil in ihm die Widersinnigkeit, Absurdität und (allerdings potentiell gefährliche) Lächerlichkeit einer politischen Linken zum Ausdruck kommt, die nach dem Motto "Der selbst erklärte hehre Zweck heiligt alle Mittel" handelt und dabei in kaum zu überbietender Weise demonstriert, wie man sich über die Bedürfnisse einer Frau wie Mutter Küsters ohne Skrupel hinwegsetzen kann - einer Frau aus der Arbeiterklasse, die man doch vorgibt, vertreten zu wollen. Aber dieses Vertreten ist eben doch mehr ein Treten.

 

Fassbinder zeigt allerdings auch alle anderen Personen als Protagonisten ihres eigenen Egozentrismus: die karrieregeile Tochter, den feigen Sohn, die biedere Schwiegertochter, den skrupellosen Journalisten, das ebenso biedere DKP-Pärchen. In solcher Umgebung ist eine Frau wie Mutter Küsters verloren. Der Himmel tut sich auf - in der ursprünglichen Fassung als Essen "Himmel und Erde" (ein Blutwurstgericht mit Äpfeln, Kartoffeln und Speck), das für eine Art Versöhnung steht, wobei gleichzeitig aber Emmas Gefühle nicht weiter mit Füßen getreten werden; in der anderen Fassung als Tod Mutter Küsters’, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in den Himmel kommt.

 

Auch in diesem Film "fasst" Fassbinder seine Figuren in rahmenähnliche Bilder, sei es in Spiegel, Türrahmen, Fenster usw. Sie sind Gefangene ihrer selbst und einer Gesellschaft, die durch funktionale Elemente und instrumentalistische Strukturen "geordnet" ist. Weder die DKPisten, noch Niemeyer, Corinna oder Helene und Ernst, aber auch Mutter Küsters können den ihnen "zugewiesenen Rahmen" entkommen. Im Nachhinein betrachtet spult sich die Geschichte ab, wie vorgegeben, geradezu determiniert durch die Mechanismen einer Gesellschaft, in der sich die immer wieder propagierte Freiheit als unmittelbarer wie mittelbarer Zwang, ja als Gefangenschaft offenbart.

 

Fassbinder zieht gerade in dieser Hinsicht auch durch die Wahl einiger Schauspieler Verbindungen zu anderen seiner Filme, vor allem zu "Martha", in dem Margit Carstensen und Karlheinz Böhm ein Paar spielten, das sich durch Sadismus (Helmut Salomon) und Masochismus (Martha) auszeichnete. In "Mutter Küsters’ Fahrt zum Himmel" spielen beide ebenfalls ein Paar, in dem der Sadomasochismus in ein ideologisches Korsett gepfercht scheint. Die Ideologie scheint die Lösung für Leid und Hinzufügen von Leid geworden zu sein. Nur in der leicht überwiegenden Wortführerschaft Thälmanns (er schreibt Artikel in der "uz", er sagt Mutter Küsters, was zu tun ist) gegenüber seiner "nachgeordneten" Frau spürt man noch wie einen Hauch den Wind des Sadomasochismus in der Beziehung zwischen Martha und Salomon.

 

Brigitte Mira spielt, wie schon gezeigt, eine "einfache" Frau - aber dieses "einfach" täuscht, ist eine von der Gesellschaft oktroyierte Sprachregelung, formuliert eine vor allem von den "Intellektuellen" der Geschichte und den Nutznießern der Vorkommnisse geprägte Distanzierung von Menschen wie Emma Küsters. Auch in dieser Hinsicht erweist sich Fassbinder als wirklicher und wirkender "Sozialkritiker", ein in gewisser Weise falsches Wort, weil abgegriffen und abgenutzt, aber dennoch treffend, weil er den Finger tief in die Wunden legt, die eine instrumentalisierende Gesellschaft aufreißt. Emma Küsters gehört zu jener Generation, die es nicht gelernt hat und der verwehrt wurde zu lernen, ihre Umgebung zu durchschauen, die an das Gute im Menschen glaubt und das Böse nicht wahr haben will. Emma ist eine Frau, die ihren Mann verteidigt, der immer nur gearbeitet, nie gemuckt, nie rebelliert hat. Ihr und ihrer Generation stellt Fassbinder eine zur Mode gekommene und verkommene Generation gegenüber, die nur noch von sich selbst eingenommen ist. Und doch enthüllt er damit zugleich ein Stück des sozialen Mechanismus, der bis heute fortwirkt.

 

 

• D V D •

 

Sprache: Deutsch (Dolby Digital 1.0)

Bildformat: 4:3

Dolby, HiFi Sound, PAL

Laufzeit: 113 Minuten

DVD Erscheinungstermin: 7. Juni 2005

 

Auch dieser Film erschien vor kurzem bei arthaus (wie schon "Faustrecht der Freiheit" und "In einem Jahr mit 13 Monden") anlässlich des 60. Geburtstages von Fassbinder in einer ausgezeichnet digital überarbeiteten Bild- und Tonqualität und zu einem annehmbaren Preis von € 16,99 (amazon und jpc). Neben einer Biografie des Regisseurs, einer Fotogalerie und dem Trailer enthält die DVD den Kurzfilm "Das kleine Chaos" (1966, 9 Minuten) über drei Menschen, die, weil sie mit Zeitschriftenverkauf an Haustüren kaum etwas verdienen, sich entschließen, Leute auszurauben.

 

Soweit ich weiß, bietet die DVD zum ersten Mal das alternative Ende an, das damals nur in der US-Fassung gezeigt wurde, sowohl direkt im Anschluss an den Hauptfilm, als auch als gesondert abrufbares Extra. Leider wurde darauf verzichtet, den damaligen Streit um den Film, in dessen Verlauf Fassbinder als "Verräter", "nützlicher Idiot", "unpolitischer Filmemacher" und "Reaktionär" beschimpft wurde, in einem Beitrag aufzuarbeiten, was sicherlich sehr interessant gewesen wäre.

 

Wertung Film: 10 von 10 Punkten.

Prädikat: Besonders wertvoll.

Wertung DVD: 8,5 von 10 Punkten.

 

Ulrich Behrens

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: follow me now

 

Mutter Küsters’ Fahrt zum Himmel

Deutschland 1975, 120 Minuten (DVD: 113 Minuten)

Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Kurt Raab

Musik: Peer Raben

Kamera: Michael Ballhaus

Schnitt: Thea Eymèsz

Szenenbild: Kurt Raab

Darsteller: Brigitte Mira (Emma Küsters), Ingrid Caven (Corinna), Margit Carstensen (Frau Thälmann), Karlheinz Böhm (Thälmann), Irm Hermann (Helene), Gottfried John (Niemeyer), Peter Kern (Nachtclubbesitzer), Kurt Raab (Barbesitzer Gustav), Gustav Holzapfel (Herr Holzapfel), Armin Meier (Ernst), Matthias Fuchs (Knab), Rainer Werner Fassbinder (Pfarrer)

Internet Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0073424

© Ulrich Behrens 2005

 

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