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Münchhausen

 

Geliebter Lügner

 

Im ausführlichen Booklet zur neuen DVD-Ausgabe wird „Münchhausen“ als „unpolitischer Märchenfilm“ bezeichnet. Für das Publikum der Nazizeit und der Fünfzigerjahre trifft diese Sichtweise wohl zu: Josef von Bakys Abenteuerfilm ist frei von Propaganda, von Blut-und-Boden-Stimmungen. Und doch, beim Ansehen dieses UFA-Prestigefilms kriegt der heutige Zuschauer das NS-Geschehen und den „totalen Krieg“ nicht aus dem Hinterkopf. Vor allem nicht, wenn er die Bonusdisc vor dem Hauptfilm studiert hat – Gert und Nina Koshofers „Münchhausen – ein Mythos in Agfacolor“ ist Würdigung des Films und detaillierte Schilderung seiner Produktionsgeschichte zugleich. Und so betrachtet man etwa die preußisch-russische Liaison zwischen Hans Albers und Brigitte Horney (als Katharina die Große) mit gemischten Gefühlen. Schließlich hatte die Wehrmacht schon vor dem Dreh der Zarenhofszenen die Sowjetunion überfallen. Auch feiern und schlemmen der Lügenbaron und seine Gespielinnen – in Braunschweig, Sankt Petersburg, einem türkischen Palast, in Venedig, auf dem Mond – wie es bei strengster Lebensmittelrationierung im Deutschen Reich kaum noch möglich war.

 

Natürlich gilt auch für das „18. Jahrhundert“ im 6,6 Millionen Reichsmark teuren Film: „Münchhausen“ lügt. Und spricht hier und da doch die Wahrheit. Dafür hat klammheimlich Erich Kästner gesorgt. Mit Duldung der Nazis verfasste er in Brigitte Horneys Babelsberger Villa das Drehbuch, trotz des über ihn verhängten Schreibverbots. „Die Zeit ist kaputt“, legt Kästner Hans Albers einmal in den Mund. Und der finstere Magier Cagliostro (Ferdinand Marian) rühmt sich „in ganz Europa von Steckbriefen so populär“ zu sein, wie man mit Fug und Recht auch von Hitler behaupten konnte. „Wenn wir erst Kurland haben, schlucken wir Polen“, flüstert Cagliostro. Münchhausen entgegnet: „Sie wollen herrschen. Ich will leben. Abenteuer, Krieg, fremde Länder, schöne Frauen – ich brauche das alles. Sie aber missbrauchen es.“ Erstaunlich, dass derart regimekritische Zeilen durch die Zensur gingen.

 

Vielleicht waren selbst Goebbels´ Beamte von den Bildern geblendet. Als Jubiläumsfilm (25 Jahre UFA) und Fantasy-Spektakel schrie der Stoff nach revolutionären Special Effects und Farbe. In der Tricktechnik griff man auf Technologien zurück, die bereits in Propagandastreifen erprobt war. „’Münchhausen’ steckt vom Special-Effects-Geschehen voll in der Kriegstechnologie der damaligen Zeit“, betont Rolf Giesen in der Dokumentation. Auch wartet der Filmhistoriker mit Einblicken speziell in die Entstehung des berühmten Ritts auf der Kanonenkugel auf. Ist Hans Albers beim Dreh vor der Rückpro-Leinwand wirklich in die Sandsäcke abgestürzt? Die Augenzeugen widersprechen sich.

 

Farbtechnisch hatte das Agfa-Material nach zwei zuvor produzierten Farbspielfilmen einen verbesserten Standard erreicht. Auch hier spielten Kriegsgeschehen, propagandistische Erwägungen, Konkurrenzdruck gegenüber dem feindlichen Ausland eine Rolle. In einem Punkt ist Agfacolor, dessen Entwicklung auf der Bonusdisc en detail beschrieben wird, dem amerikanischen Technicolor-Dreistreifenprozess unterlegen: die Filme bleichen derart aus, dass an eine Restaurierung ohne Digitalverfahren heute nicht mehr zu denken ist. Die Ingelheimer Firma Omnimago hat bei „Münchhausen“ ganze Arbeit geleistet, in der Stabilisierung springender Bilder, im Ausgleich von Farbschwankungen und der Retusche von Kratzspuren. Hinsichtlich des groben Korns – offenbar nur teilweise wurde auf das Originalnegativ zurückgegriffen – konnten die Techiker nicht zaubern. Wunder gibt´s dafür im Film zuhauf. Und zusätzlich noch zwei witzige Münchhausen-Trickfilme.

 

Jens Hinrichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst

Münchhausen

Deutschland - 1942/43 - 110 (Orig. 134) min. - Verleih: offen - Ufa (Video) - Erstaufführung:

5.3.1943/28.12.1959 DFF 1/5.2.1966 ZDF/16.6.1978 (WA) - Produktionsfirma: UFA - Produktion: Eberhard Schmidt

Regie: Josef von Baky

Buch: Berthold Bürger (Erich Kästner)

Kamera: Werner Krien

Musik: Georg Haentzschel

Schnitt: Milo Harbich, Walter Wischniewsky

Darsteller:

Hans Albers (Baron Münchhausen)

Brigitte Horney (Zarin Katharina II.)

Gustav Waldau (Giacomo Casanova)

Ilse Werner (Prinzessin Isabella)

Marianne Simson (Frau im Mond)

Käthe Haack (Baronin Münchhausen)

Ferdinand Marian (Graf Cagliostro)

Hubert von Meyerinck (Prinz Anton Ulrich)

Hermann Speelmans (Christian Kuchenreutter)

Wilhelm Bendow (Mondmann)

Michael Bohnen (Herzog Karl von Braunschweig)

Hans Brausewetter (Freiherr von Hartenfeld)

Marina von Ditmar (Sophie von Riedesel)

Andrews Engelmann (Fürst Potemkin)

Waldemar Leitgeb (Fürst Grigorij Orlow)

Walter Lieck (der Läufer)

Jasper von Oertzen (Graf Lanskoi)

Werner Scharf (Prinz Francesco d'Este)

Armin Schweizer (Johann)

Leo Slezak (Sultan Abd ul Hamid)

Hilde von Stolz (Louise La Tour)

Franz Weber (Fürst von Ligne)

Eduard von Winterstein (Vater Münchhausen)

 

DVD:

Transit Classics – Deluxe Edition

Restaurierte Fassung mit digitaler Ton- und Bildbearbeitung,

Mono

Laufzeit ca. 112 Minuten

Bildformat: 4:3, PAL

Bonusfilme: „Ein Mythos in Agfacolor“ von Gert und Nina Koshofer unter Mitwirkung von Dr. Rolf Giesen.

Dokumentationen „Zum Werdegang des deutschen Farbfilms“ (Teil 1), „Ein Film und seine Geschichte“ (Teil 2) und „Die Tricks“ (Teil 3). Gesamt ca. 98 Minuten

Trickfilme, Fotogalerie und Biografien zu 19 Stab- und Besetzungsmitgliedern

Vertrieb: www.transitfilm.de

 

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