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Moulin Rouge

 

 

 

 

Moulin Rouge scheint so etwas zu sein wie die Perfektion der Postmoderne. Wie schon bei Derrida dienen die Zeichen, die Bilder, die Sprache nicht mehr der Übermittlung einer Botschaft, eines Sinns, sondern sind nur mehr unendlich wiederholte, wiederholbare Gesten. Dieser Film besteht ausschließlich aus Zitaten, und wenn er mal keine Ikone der Popkultur zitiert, dann zitiert er sich selbst. Es geht nämlich um ein Theaterstück in Moulin Rouge, und dieses Stück erzählt – natürlich - genau die gleiche Geschichte wie der Film selbst und ist damit ein fortwährendes Zitat desselben, der wiederum beständig jenes zitiert. Diese ungebrochene Zitathaftigkeit führt stellenweise jedoch zu einer gewissen Zerfaserung, und so wird Moulin Rouge teils zu einer Art Nummernrevue, geschnitten und gefilmt in MTV-Geschwindigkeit und -Ästhetik. Der Nummerncharakter des Films wird unterstützt durch das viele, vielleicht zu viele Pulver, das bereits in der ersten Viertelstunde verschossen wird. Alles, was an Geschwindigkeit, an ornamentalen Tanzeinlagen a la Busby Berkeley, an Wortspielereien zu sehen ist, wird bereits in der kurzen Anfangsphase bis zum ersten großen Tanz in dem legendären Nachtclub geboten.

Wenn also, wie es scheint, Moulin Rouge sich Zitat um Zitat mehr in eine konzeptuelle Sackgasse manövriert, wie kommt es dann, dass der Film dennoch so viel Spaß macht? Die Geschichte um den mittellosen Schriftsteller Christian (Ewan McGregor), der sich in die Tänzerin und Prostituierte Satine (Nicole Kidman) des Moulin Rouge verliebt, die in dem Stück, das er schreibt, die Hauptrolle spielt, ist einfach gestrickt. Satine darf Christian nicht lieben, weil sie für den Financier des Stückes vorgesehen ist, als menschliche Entlohnung für seine Investition. Das "Spectacular Spectacular" genannte Stück nun, um auf die erwähnte Zitathaftigkeit zu sprechen zu kommen, handelt von einem mittellosen Sitarspieler, der sich in die Kurtisane verliebt, die eigentlich dem Maharadscha bestimmt und zu eigen ist. Auffällig nun, dass, obwohl jeder der Protagonisten in "Spectacular Spectacular" sein Double hat, lediglich Satine sowohl im Film als auch im Stück-im-Film die gleiche Rolle spielt. Sie wird somit zur absoluten Verkörperung der Zitathaftigkeit, zur lebendigen Wiederholung ihrer selbst. Vielleicht liegt es an dieser doppelten Bestimmtheit, die Satines Geschick steuert, das sie so unselbständig wirkt. Ihre Handlungen sind determiniert von ihrer Umwelt. Kann sie schon in „Spectacular Spectacular“ ihr Schicksal nicht bestimmen, gelenkt durch die Hand des Autors, so folgt auch ihr Film-Leben dieser äußeren Determination. Hinzu kommt diesbezüglich, dass der gesamte Film in einer Rückblende erzählt wird, die Christian an seiner Schreibmaschine sitzend die Geschichte niederschreiben läßt, noch ein weiteres Mal also wird hier das Schicksal aller Figuren und insbesondere der Protagonistin (vor- und fest-) geschrieben durch den Helden des Films. Wer sich um ihr Schicksal streitet, sind die beiden männlichen Gegenspieler, Christian und der Financier - der Duke (Richard Roxburgh). Der eine fordert für Stück und Leben (und damit Film) das Ende, indem die Kurtisane sich für die mittellose Liebe entscheidet. Der Duke hingegen wünscht die Entscheidung der Frau für Sicherheit, für den Maharadscha, für ihn. Letztendlich wird die Inszenierung des Dukes aufgeführt, da jedoch Christian im Theater auftaucht, entscheidet sich Satine im letzten Augenblick auf der Bühne für ein anderes Ende. Wenn sie dies jedoch entscheidet, ist auch das nicht wirklich eine eigene Entscheidung, da ihr Tun ja erneut dem geplanten Drehbuch Christians entspricht. Und selbst diese kleine Freiheit der Entscheidung, die ihr zugesprochen wird, wird im Film sofort mit ihrem tragischen Tod bestraft, den sie nun in den Armen des von ihr erwählten Mannes erleiden darf.

Warum also, um zur Ausgangsfrage zurückzukehren, gelingt es Baz Luhrman dennoch, mit Moulin Rouge prächtig zu unterhalten? Weil man einen schnellen, lauten und bunten Film vor sich hat, der mittels perfektionierter Reizüberflutung einen nicht zu verachtenden Unterhaltungswert herbeiführt, der in seinen überbordenden Zitaten einen nostalgisch an die letzten 40 Jahre der Popgeschichte zurückdenken läßt, der in grandiosen Choreographien und kunstvollem Schnitt eine kaum existente Story in eine schimmernde, leuchtende Oberfläche packt, von der man sich nur allzugern verführen lässt.

 

 

Benjamin Happel

 

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:filmkritiken.org

 

Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Kritiken

 

 

Moulin Rouge

Baz Luhrman

USA, 2001

 

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