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Monolog eines Stars

Aufnahmen der Autobahnausfahrt Hollywood Exit. - Der erfolgreiche Star Milli Molton (Milli Büttner) hält einen ekstatischen Monolog: »Ich gehöre zu ihnen, den Großen dieser Welt, und ich bin glücklich. Mein Publikum feiert mich In einer komplizierten Position läßt sie sich von einem gänzlich unkomplizierten Bodybuilder ficken. Eine Journalistin stellt die Interviewfrage, wie sie sich die Liebe vorstelle. Das gibt Anlaß für einen inneren Monolog, der mit vielen Rosen bebildert wird. Im Stretchpaillettenkleid erscheint eine Kollegin (Evelyn Künneke): »Ein Filmmacher hat mich entdeckt Das Gespräch stockt. Im off hört man Praunheims Regieanweisung: »Sag, daß du sie bewunderst Der Dialogsatz »Ich bewundere dich« ist die Folge, und das Gespräch nimmt seinen Fortgang. »Ich hab die Genugtuung, daß ich ein ganzer Kerl bin«, schließt Evelyn Künneke. Das aber ist der Molton zu viel. Sie greift zu Alkohol und Drogen und wird erfolgreich einer stationären psychiatrischen Behandlung unterzogen. Milli Molton erkennt, daß ihr Starsein »vielmehr die Arbeit einer Nutte« war. Im einfachen schwarzen Hemd erfährt sie, daß sie sich selbst entfremdet war. Da helfen nur Stanislawski, Brecht und Grotowski. Ihr Monolog führt zur Erkenntnis: »Durch Kunst hat der Mensch die Möglichkeit, den göttlichen Funken, der in jedem von uns schlummert, zu erwecken Sie entdeckt die Liebe, und das ist der bildhübsche junge Dean (Rosa von Praunheim), gekleidet in einen weißen Anzug mit schwarzem Hemd. Pat Boone singt von seinen »Star Dust Memories«, aber schon zeigen Außenaufnahmen einen Nahverkehrszug der Deutschen Bundesbahn, und Dean verläßt sie, für immer. Schwarz sind die Lippen geschminkt, die Fingernägel lackiert. Ein Bubikopf gibt ihr harte Konturen, und sie hat Angst, »Angst vor der Liebe, der Welt, der Realität. ... Die vielen Bücher haben mir nicht geholfen, sie machen mich nur noch selbst verwirrt Ihre Vorbilder sind jetzt Marilyn Monroe, Jane Mansfield, Candy Darling. Sie fühlt, daß sie eine ausgebeutete Frau ist, wie alle anderen. Und im Tempo des Seewetterberichts-zum-Mitschreiben verkündet sie den Merksatz »Wir Frauen sollten es lernen, daß die Liebe nicht der einzige Lebensinhalt ist«. Zwischen roten Rosen liegen die Tablettenröhrchen. Sie folgt den Vorbildern in den Tod.

 

Das Starklischee ist ausgespielt. Im Lauf des Films kommt des Regisseurs eigene Biografie hindurch. (Ein Jahr später malte Milli Büttner Praunheim inmitten von Rosen und einem Kranz sich ekstatisch reckender Männerleiber. Das Bild, auf dem Cover des Sex-und-Karriere-Buchs, erfreut sich eines hohen Bekanntheitsgrades.) Der Film treibt die Kleinbürgerphantasie von der Großen Welt ins Extrem - und beschädigt sie (etwa wenn der Regisseur Anweisungen hineinspricht). Das Bühnenhafte der Frau ist für Praunheim das stilistische Mittel, eigene Erfahrungen widerzuspiegeln: »Die totale Fixierung auf den Mann, die Unselbständigkeit, das Desinteresse an sich selbst, die Rituale der Äußerlichkeit, die Lust an der Unterdrückung weisen so viele Parallelen zum Schwulenproblem auf und finden sich überspitzt und parodiert im Transvestiten. Vor allem aber interessiert mich der Aspekt der Vereinzelung, der Vereinsamung der Frau, ihre Unfähigkeit, sich mit anderen Frauen zu solidarisieren

 

Gesehen haben die Mitarbeiter dieses Bandes die Fernsehfassung des Films, die Praunheim um 18 Minuten gekürzt hatte. Es fehlen die Sequenzen mit Hannes Eyber, dem ständigen Mitarbeiter Praunheims - er spielte einen Mörder -, und mit Peggy von Schnottgenberg, welcher den Lehrer spielte, dessen Bücher Millie Molton nicht geholfen hatten. Gedreht wurde der Film, abgesehen von den Außenaufnahmen in Hollywood, in Frankfurt.

 

MONOLOG EINES STARS ist ein Film für Zuschauer, eine therapeutisch gemeinte Hilfestellung, Kunst und Kitsch zur eigenen Sache und damit für sich selbst produktiv zu machen. Der Zuschauer soll »dadurch selbst zum Künstler, zur phantasievollen Produktivkraft« werden. Praunheim sagt den Satz aufrichtig, nimmt ihn aber, so überspitzt, wie er ist, wieder zurück. Dadurch kommt Spiel in den herbeigewünschten Kommunikationsprozeß zwischen Film und Publikum. Daß der MONOLOG EINES STARS zu Dialogen mit den Zuschauern geführt hat, kann man der deutschen Presse freilich nicht entnehmen.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rosa von Praunheim; Band 30 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1984, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags

 

MONOLOG EINES STARS

BRD 1974

Regie, Drehbuch, Kamera: Rosa Von Praunheim. - Schnitt, Ton: Rosa von Praunheim, Hannes Eyber. - Musik: »Stardust«, gesungen von Pat Boone. - Technische Leitung: Eckehard Heinrich. - Darsteller: Milli Büttner (Milli Molton; in den credits wird der Rollenname als Darstellername angegeben), Evelyn Künneke (Schauspielerin), Hannes Eyber (Mörder), Mr. Frankfurt (Liebhaber), Peggy von Schnottgenberg, i. e. Frank Ripploh (Lehrer), Rosa von Praunheim (Dean), Anna Rosenberg. - Produktion: Rosa von Praunheim im Auftrag des WDR. - Redaktion: Joachim von Mengershausen. - Drehzeit: Frühjahr 1974. - Drehort: Frankfurt, Hollywood (Anfangssequenz). - Produktionskosten: 60 000 DM. Format: 16 mm, Farbe (Kodak). Original-Länge: 68 min; TV-Länge: 50 min., von Rosa von Praunheim erstellt. - TV: 22.5. 1975 (WDR III); 19.6. 1975 (HRIII).

In der TV-Fassung fehlen die Szenen mit Hannes Eyber und Peggy von Schnottgenberg.

 

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