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Mondo Trasho

 

Nach einigen kürzeren Projekten nahm sich John Waters des Langfilms an. Und obwohl sein erstes Feature "Mondo Trasho" weniger Handlung als frühere Werke enthält, wurde aus ihm kurioserweise Waters' längster Spielfilm. Und, um dies gleich vorweg zu nehmen: Sein größter Misserfolg. Die Legende besagt, dass Waters' "Mondo Trasho" weitestgehend von ihm und seinen Darstellern improvisiert wurde. Szenen, die für lustig empfunden wurden, wurden demnach spontan nachgestellt. Und so kommt es, dass die Highlights des kreativen Outputs der Crew auch in einer unnötigen Länge zelebriert werden, so, dass es weh tut. Die Differenz zwischen genutztem Filmmaterial und wirklich effektvoll verfilmten Material ist erschreckend.

 

Vermutlich hätte es eine Montage, die weniger auf eine abendfüllende Lauflänge, denn auf eine kompaktere Präsentation geschielt hätte, Wunder gewirkt, denn im Ansatz ist Waters' Film ein schönes Beispiel für intentionalen Trash: In der Pre-Title-Sequenz werden vier Hühnern die Köpfe abgehackt und danach geht's fröhlich mit Fußfetischisten, mörderischen Arztpraxen, exhibitionistischen Anhaltern, exhibitionistischen Autofahrern und exhibitionistischen Irrenanstaltinsassen weiter. Gehalten wird diese Tour-de-Trash nur durch eine recht vage Quasi-Rahmenhandlung, in der eine junge Dame von einem 130-Kilo-Transvestiten (Divine) angefahren wird. Die Mannfrau in bedenklichem Bauchfrei-Look kümmert sich um ihr bewusstloses Opfer und gerät danach von einer Jungfrau-Maria-Erscheinung zur nächsten. Wohin das im Einzelnen führt, wusste wohl selber John Waters nicht, bis er die nächstfolgende Szene filmte. Dialoge gibt's dabei kaum, sondern größtenteils Rock- und Popsongs aus den Fünfzigern und Sechzigern, deren Benutzungsrechte natürlich allesamt nicht erworben wurden.

 

Das Hauptproblem von "Mondo Trasho" ist nicht, dass John Waters ein Regisseur mit derbem Fäkalhumor ist, sondern, dass er seine Lieblingsszenen ins Unermessliche expandieren lässt, ohne sie mit entsprechendem Material aufzufüllen. Die Szene, in der sich die Hauptdarstellerin, eingebettet im Herbstlaub des Wyman Parks von Baltimore, von dem Fußfetischisten die Zehen lutschen lässt und dabei in orgastische Verzückung gerät, streckt sich über zehn geschlagene Minuten hin. Ein ähnlich ausgeweitetes Zeitfenster nimmt ein unerotischer Stripteasetanz von Mink Stole ein. Szenen, die durchaus einen gewissen Camp-Charme besitzen, aber leider in diesem konkreten Fall definitiv nur langweilen. Langweilen im absolut pejorativen Sinne.

 

Man kann einem Film so ziemlich alles verzeihen: "Mondo Trasho" kann man ruhigen Gewissens die amateurhaft eingesetzte Technik, den extrem holprigen Schnitt und die überforderten Darsteller verzeihen. Denn John Waters' Filme hatten zumeist den Charme eines geschmacklosen Schulstreichs: Die meisten werden ihn die Stirn runzelnd verurteilen, während sie sich simultan ins geistige Fäustchen lachen. Doch wenn der eigens gewollte Trashfaktor, wie hier, punktuell und wiederholt derart ausgetreten wird, dass Trash in gähnende Leere mutiert, haben wir es leider mit der einen Eigenschaft des Trashs zu tun, die man diesem Genre nicht verzeihen kann. Wenn selbst Trash nicht unterhält, sondern Distanz aufbaut, dann darf man den Film guten Gewissens als gescheitert betrachten.

 

Björn Last

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  Mitternachtskino

 

 

 

Mondo Trasho. USA, 1969. Regie: John Waters. Drehbuch: John Waters. Produktion: John Waters. Kamera: John Waters. Schnitt: John Waters. Darsteller: Mary Vivian Pearce (Modische Frau), Divine (Divine), David Lochary (Dr. Coathanger), Mink Stole (Irrenanstalt-Exhibitionistin), Mark Isherwood (Anhalter), John Leisenring (Fußfetischist). Schwarzweiß. 90 Min.

 

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