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Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch

 

 

 

Der Ölsucher Robert Harper befindet sich mit seinem Partner Ralph, der jungen Swan und dem Piloten Charlie auf dem Weg zu einem kleinen, im Urwald aufgeschlagenen Basiscamp. Bei der Landung gibt es einen kleinen Zwischenfall, bei dem das Flugzeug ein Rad verliert, wodurch dieses erst einmal flugunfähig ist. Robert und Ralph suchen sofort nach den übrigen Mitgliedern der Expedition, die eigentlich hätten anwesend sein sollen. Das aufgeschlagene Camp ist allerdings verlassen. Vorort finden sie eine mit Blut beschmierte, geschnitzte Waffe, die von Eingeborenen zu stammen scheint. Während der Suche im Urwald finden Robert und Ralph ein massakriertes Mitglied der Expedition und entschließen sich, so schnell wie möglich das Flugzeug wieder aufzusuchen. Mittlerweile bricht allerdings schon der Abend herein und es ist zu spät zum Fliegen. Also müssen sie die Nacht wohl oder übel im Flugzeug verbringen. Während der Nacht tritt die Gefährtin Swan kurz aus und wird auch sogleich überfallen und entführt. Die drei Männer entschließen sich, bis zum Morgen zu warten, bevor sie nach Swan suchen. Auf der morgendlichen Suche wird der Pilot Charlie von einer Falle mit Bambusspitzen aufgespießt und Robert und Ralph verlaufen sich im Urwald. Während ihres hilflosen Marsches durch das Dickicht des Dschungels, stoßen sie auf eine Gruppe von Kannibalen, die gerade dabei sind, ihre Reisegefährtin Swan genüsslich zu verspeisen. Die beiden entkommen unentdeckt und gelangen an einen Fluss. Sie entschließen sich, ein Floß zu bauen, um durch die Strömung wieder zu ihrem Flugzeug getrieben zu werden. Leider treiben sie ab und ihre Wege trennen sich, als das Floß mitsamt Ralph einen Wasserfall hinunterfällt. Robert wird wenig später von den Kannibalen aufgegriffen und gefangengenommen. Im Unterschlupf der Kannibalen wird er nach einem Martyrium in einen überdimensionalen Vogelkäfig gesperrt, denn die Kannibalen sahen ihn mit dem Flugzeug landen und glauben, er sei ein Vogelmensch und könne fliegen.

 

"Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch" ist Ruggero Deodatos erster Genrebeitrag von insgesamt dreien - diesem Film folgten der legendäre "Cannibal Holocaust" ("Nackt und Zerfleischt") [Italien, 1979] und "Cut and Run" (Originaltitel: "Inferno in dirtta") [Italien/USA, 1984] - und zweiter Beitrag in diesem Subgenre überhaupt, mit dem er das Genre weiterführte, das Umberto Lenzi zuvor mit seinem Erstling "Mondo Cannibale" [Italien, 1973] als Weiterführung der Mondo-Filme Gualtiero Jacopettis einläutete. Dieses Genre als "Kannibalenfilme" zu bezeichnen, wäre wohl richtig, würde aber nicht differenzierend genug sein, um die italienische Variante zu titulieren. Begründet darin, dass diese Filme in den 70er Jahren auf den Mythos von noch existierenden Kannibalenstämmen in den entlegenen Regenwaldgebieten der Welt aufbauten und sie sich demnach um die Eingeborenen drehen, wäre die Bezeichnung "italienische Dritte-Welt-Kannibalenfilme" nicht nur weitaus treffender, sondern grenzt die ganze Art auch noch von den übrigen Kannibalenfilmvertretern ab. Denn diese Filme sind nicht nur äußerst kontrovers, sondern auch Zeitzeugen über den Glauben des westlichen Menschen an unentdeckte, kannibalistische Stämme in den Regenwaldgebieten der "Dritte Welt"-Länder und die Faszination des Westens für diese fremden Kulturen, abgefilmt in einem unverhohlen rassistischem Bild der "barbarischen und primitiven Kulturen", welches in den 70er Jahren ausgeprägt in den Köpfen der "zivilisierten" Menschen umhergeisterte.

 

Was die italienischen Genrevertreter darüber hinaus noch gegenüber allen anderen auszeichnet, sind die unzähligen Tötungsszenen von Tieren, wie sie zuerst von den Indios oder den Abenteurern erlegt und danach in Großaufnahme aufgeschnitten und ausgeweidet oder einfach nur ausgeblutet werden lassen, um sie anschließend zu verspeisen. So kontrovers diese Szenen vom Publikum auch empfunden und so sehr sie auch abgelehnt werden, so sehr pochen die Regisseure auch darauf, dass alle getöteten Tiere auch wirklich gegessen wurden, alle Szenen natürliche Jagdriten der Eingeborenen widerspiegeln und keines der geschlachteten Lebewesen lediglich für den Film hingerichtet wurde. Im Endeffekt bleibt trotz allem ein fader Beigeschmack, der insbesondere die Tierfreunde unter den Filmfans befällt, wenn sich der zum Abspannen eingelegte Film als Dokumentation über das Töten von Tieren in freier Wildbahn entpuppt. Trotz ihrer offensichtlichen Kontroversität ("Mondo Cannibale" war der erste Film, der solche Szenen nicht im Kontext der Dokumentation, sondern im Kontext der Unterhaltung zeigte) geben diese Szenen einen besseren Eindruck vom Leben in freier Wildbahn und machen das Gezeigte dadurch authentischer, den Dschungel wilder und das Leben im selbigen natürlicher, was insbesondere dann eine Rolle spielt, wenn die erzählte Geschichte angeblich auf einer wahren Begebenheit beruhen soll oder man das Leben im Urwald als brutal und grausam darstellen möchte. Das sogenannte Recht des Stärkeren wird hier nicht nur in den Plot des Filmes integriert (Kannibalenstamm frisst hilflosen Europäer oder bewaffneter Europäer erschießt "primitiven" Eingeborenen), sondern wird in die gesamte Umgebung, in das Verhalten jeden Bewohners des Urwaldes mit eingebunden. Das Zusammentreffen des zivilisierten Europäers mit dem wilden Eingeborenen geht Hand in Hand mit der Gefahr des Lebens in der Wildnis und vereint sich zu einer erfundenen Darstellung über den primitiven Eingeborenen, was die typische rassistische Darstellung für dieses Subgenre ausmacht.

 

Ob man diese Authentizität nicht vielleicht auch anders hätte erreichen können, sei einmal dahingestellt. Nach eigenen Aussagen war Deodato sogar gegen diese Szenen, akzeptierte aber, dass sie vom Produzenten für den ostasiatischen Markt eingefügt wurden, für den solche Schockszenen etwas Selbstverständliches waren. Die Krokodilszene, in der das Reptil sich auf die Pirsch nach dem festgebundenen Aasvogel begibt, ist ein schönes Beispiel für die nachträglich eingefügten Szenen, ist hier der Qualitätsunterschied des Filmmaterials doch offensichtlich. Neben diesen Aufnahmen versuchen Lenzi und Deodato die Authentizität ihrer Filme mit Echtheitsbezeugungen zu erhöhen. So wird zu Anfang von Lenzis "Mondo Cannibale" eine Texttafel eingeblendet, die besagt, dass alle gezeigten Szenen, seien sie auch grausam und abstoßend, den Tatsachen entsprechen und dass lediglich die Geschichte, in die sie eingebettet wurden, erdacht ist. Deodato geht dahingehend einen Schritt weiter und bekundet, dass die gesamte Geschichte mit all ihren Greueltaten auf einer wahren Begebenheit beruht. Diese Art der Darstellung war allerdings nicht ganz neu, denn auch Tobe Hooper bediente sich bereits im Jahre 1974 bei seinem Meisterwerk "The Texas Chainsaw Massacre" mit Erfolg dieses Stils. Wobei man sagen muss, dass auch Deodatos Einblendung zu Anfang des Films, wie auch die bei "The Texas Chainsaw Massacre" nicht ganz der Wahrheit entspricht. Laut Deodato wurde diese sogenannte wahre Begebenheit zum Einen aus dem im Dschungel verschwundenen Rockefeller und einem Artikel über Eingeborene, die in Höhlen leben aus einer Zeitschrift von National Geographics zusammengesetzt. Die restliche Story ist frei erfunden.

 

Eigentlich war Umberto Lenzis Auftakt mehr ein Abenteuerfilm, als ein Kannibalenfilm. Der Film enthielt lediglich eine Szene - die später eine der legendärsten Szenen des italienischen Kannibalenfilmes werden und von Lenzi selbst in seinem Nachfolgefilm "Lebendig gefressen" (Originaltitel: "Mangiati vivi") [Italien, 1980] kopiert werden würde -, die sich mit Kannibalismus befasst und zugleich die erste grafische Szene mit kannibalistischem Kontext im Film überhaupt ist. Während eines Überfalls auf das thailändisch-burmesische Dorf, in dem der Fotograf Lee Bradley gestrandet ist und gegen seinen Willen festgehalten wird, verspeisen die angreifenden Wilden das abgetrennte Bein und den abgetrennten Unterarm einer zuvor getöteten Frau.

 

Lenzi setzte mit seinem Einstieg in das Subgenre gleich zwei Standards auf unbestimmte Zeit fest. Zum Einen zeigte er die erste grafische Darstellung von Kannibalismus überhaupt und zum Anderen verschmolz er die Vorstellung des Lebens der Eingeborenen im Urwald mit den kontroversen Tiertötungsszenen, denn davon gibt es in seinem Debut mehr als genug (ein Arenakampf Cobra gegen Mungo, bei dem der Mungo, an der Leine gehalten, die Cobra nach mehreren Bissattacken tötet; ein Affe wird in einen Tisch mit Loch gespannt und ihm der Schädel geköpft, um das noch warme Gehirn zu verspeisen; ein Hahnenkampf; einem Alligator wird bei lebendigem Leibe der Kopf ab- und der Bauch aufgeschnitten; einer Ziege wird die Kehle durchgeschnitten). Lenzi manifestiert auch das rassistische Bild der primitiven Wilden, wenn auch nur ansatzweise. Die Eingeborenen des Dorfes repräsentieren eine funktionierende Kultur mit teilweise recht harten Riten, aber dennoch werden sie als grundsätzlich friedliebende und intelligente "Wilde" dargestellt, wohingegen die später auftauchenden Kannibalen weit mehr unzivilisiert, mit Dreck und Schlamm bedeckt und eben Menschenfleisch essend daherkommen. Die folgende Welle italienischer Kannibalenfilme ließ die Darstellung zivilisierter Kulturen im Urwald weitestgehend außer Acht und konzentrierte sich überwiegend auf die Darstellung der Eingeborenen als primitive Wilde mit einem großen Gelüst nach menschlichem Fleisch.

 

Standen für Lenzi augenscheinlich die Landschaftsaufnahmen (davon gibt es in "Mondo Cannibale" Wunderschöne und Zahlreiche zu bestaunen) und Geschichte im Vordergrund, so setzte Deodato den Akzent mehr auf die Effekte, wobei auch in "Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch" zahlreiche sehr schön anzuschauende Umgebungsaufnahmen zu finden sind. In Deodatos Werk geht es aber nun fast schon vordergründig um Kannibalen und den Kannibalismus, was auch durch das Ende des Films bestärkt wird, in dem Harper den Eingeborenen nur dadurch entkommen kann, dass er selber zum Kannibalen wird und die Innereien des kurz zuvor getöteten Widersachers verspeist. Natürlich beschränkt sich Deodato nicht nur darauf, möglichst blutige Bilder zu zeigen, sondern präsentiert auch eine Geschichte, die im Gegensatz zu der vieler anderer Genrevertreter ein erstaunlich hohes Niveau bietet. Die Geschichte soll auf einer wahren Begebenheit beruhen und die gezeigten Zeremonien und Rituale alle von dem Charakter Robert Harper - gespielt von Massimo Foschi - miterlebt oder zumindest gesehen worden sein.

 

Gleich zu Beginn des Filmes zeigt Deodato, worum es in seinem Film geht: Um blutige Effekte und einen wilden Stamm primitiver Kannibalen. Am verlassenen Basislager finden Robert und Ralph - gespielt von Ivan Rassimov, der übrigens auch den John Bradley in Umberto Lenzis "Mondo Cannibale"t - eine anscheinend von einem Eingeborenen stammende Waffe (ein angespitzter Knochen oder ein angespitztes Stück Holz), wobei sofort die Bemerkung fällt, dass diese Waffe anscheinend von Eingeborenen stamme, die wohl noch immer in der Steinzeit leben würden und der Pilot Charlie - gespielt von dem Inder Sheik Razak Shikur - wird wenig später durch eine mit angespitzten Bambusstäben versehenen, einer Abrissbirne gleichenden Falle aufgespießt und an den nächsten Baum genagelt. Die Inspiration zu dieser Falle kam Deodato aus dem Vietnamkonflikt, während dessen der Vietcong solche Fallen einsetzte, um die amerikanischen Soldaten zu töten. Wenig später folgt eine der intensivsten Szenen des Films, in der Robert Harper, an einem Felsen gefesselt, von den Kannibalen ausgezogen und gepeinigt wird. Die Akustik der Schreie innerhalb der Höhlen, während die Eingeborenen Harper die Kleidung in Fetzen vom Körper reißen tun ihr Übriges, um die Bedrohlichkeit dieser Szene zu steigern.

 

Wenig später wird einem Jungen der Arm angeritzt, der danach von schwarzen Ameisen allmählich abgefressen wird. Gegen Ende des Films wird der Eingeborenen, die Harper mehr unfreiwillig zur Flucht verhilft - gespielt von der hübsch anzuschauenden Me Me Lai, die auch schon in Lenzis Erstlingswerk die zweite Hauptrolle besetzen durfte - von den männlichen Angehörigen des Stammes geköpft. Ihr Körper wird aufgeschnitten und ausgeweidet. Danach legen die Eingeborenen heiße Steine in ihren aufgeschnittenen Bauch (übrigens eine reale Verhaltensweise, nur wird diese normalerweise von den Eingeborenen bei geschlachteten Tieren und nicht bei Menschen angewandt), um ihr Fleisch zu garen. Diese Szenen - unter ständiger Einspielung der berüchtigten Tiertötungen - sind der Kern Deodatos Werk und verdeutlichen die Härte des Dschungels, der sich Harper ausgesetzt fühlt. Dass die gesamte Crew die komplette Drehzeit wirklich im malaysischen Dschungel verbrachte, wo der Film auch gedreht wurde, spiegelt sich in den schauspielerischen Leistungen der Protagonisten durchaus wieder. Man erkennt die Strapazen in ihren Gesichtern und jeder Tropfen Schweiß ist echt.

 

Die Atmosphäre des Films verbreitet sich ganz hervorragend. Zu Beginn ist es der Dschungel, der übermächtig scheint. Diesen Eindruck verstärkt Deodato schon in der Eingangssequenz, als die Darsteller im Flugzeug über den Dschungel hinwegfliegen und Charlie, der Pilot anmerkt, wie ungastlich und rau der grüne Fleck doch sei. Die Gruppe wird nun im Laufe des Filmes immer mehr ausgedünnt (Swan wird entführt und später gefressen, Charlie fällt einer grausamen Falle zum Opfer und Ralph stürzt mit dem selbstgebauten Floß einen tosenden Wasserfall hinunter), bis Harper irgendwann (nach der Wasserfallszene) ganz alleine vor dem grünen Dickicht steht. Die Vogelschreie werden immer lauter eingespielt und man merkt: Harper ist nun auf sich alleine gestellt. Es gibt niemanden mehr, der ihm jetzt noch hilft und vermutlich sind sogar alle seine Weggefährten bereits tot. Später ist es dann die Gefangenschaft in dem überdimensionalen Vogelkäfig, die die Situation nun noch aussichtsloser erscheinen lässt. Umgeben von den grausamen Wilden ist der Käfig sogar noch ein Schutz, in dem er am dunklen Boden mit einem Aasvogel zwischen heruntergeschmissenen Eingeweiden und dem Urin der Eingeborenen kauert. Erst als ihm Pulan, eine weibliche Eingeborene des Stammes ein wenig Beistand zukommen lässt, gelingt ihm die Flucht und der Film nimmt seine zweite drastische atmosphärische Wendung, die fast bis gegen Ende permanent anhält. Das Verhältnis zwischen Harper und Pulan wird trotz der erzwungenen Beihilfe zur Flucht stetig besser. Sie zeigt ihm sogar, wie man Wasser trinkt und welche Früchte des Urwalds essbar sind. Trotzdem versucht Pulan zu fliehen, da sie immer noch gegen ihren freien Willen und von ihrem Stamm losgerissen, gezwungen wird, Harper zu begleiten. Als Harper sie wieder einfängt, ergibt sich, als er ihr mehr versehentlich als absichtlich, den Lendenschurz herunterreißt eine Vergewaltigung Harpers an Pulan. Doch sogar diese Vergewaltigung schweißt sie enger zusammen, ist sie in den Augen der Eingeborenen wohl ein eindeutiges Zeichen von Dominanz und ein Symbol ihrer Unterwürfigkeit, denn nach dem vollzogenen Akt unternimmt sie keinerlei Fluchtversuche mehr, sondern dient förmlich ihrem Mann. Auch dies ist wieder ein zeitgeschichtliches Beispiel, mit welch rassistischem Bild der Europäer sich den Eingeborenen, den primitiven Wilden wohl vorgestellt haben muss. Durch reine körperliche Dominanz, wird die Frau dem Mann untergeordnet.

 

Auch den verschollen geglaubten Ralph treffen die beiden wieder und lassen sich mit Hilfe von Pulan in Richtung ihres Flugzeugs führen. Erst gegen Ende des Films nimmt der Film eine erneute drastische atmosphärische Wendung, als erst Pulan brutal von ihrem Stamm massakriert wird und danach Ralph tödlich verletzt wird. Am Ende kehrt Harper zwar in die zivilisierte Welt zurück, ist aber trotzdem wieder allein.

 

Die Darsteller sind hervorragend ausgewählt. Zum Einen gibt es den zu dieser Zeit relativ neuen Massimo Foschi in der Rolle des Robert Harpers, der vorher lediglich durch Theaterrollen aufgefallen war. Dass er fast den gesamten Film alleine spielt, kann man ihm nur zu Gute halten und auch, dass er während dieser Zeit eine durchweg gute Figur macht. Auch Deodato war von seiner darstellerischen Leistung begeistert, verlor allerdings nach diesem Film den Kontakt. Ivan Rassimov in der Rolle des Gefährten Ralph ist leider nur sehr kurz im Film zu sehen und kam mit der schönen Me Me Lai in der Rolle der Eingeborenendame Pulan auf Empfehlung Lenzis persönlich aus dessen Genredebut.

 

Mit Rassimov drehte Deodato später noch "Atlantis Inferno" [Italien, 1983] und "Body Count - Die Mathematik des Schreckens" [Italien, 1987]. Lenzi spannte Rassimov auch noch ein zweites Mal in seine kannibalistischen Phantasien ein und ließ ihn in seinem "Lebendig gefressen" [Italien, 1980] auftreten. Die schöne Me Me Lai (übrigens halb thailändisch und halb britisch) trat ebenfalls auch nocheinmal in "Lebendig gefressen" vor die Kamera. Leider war es ihr letzter Auftritt im italienischen Exploitationfilm.

 

Die Darsteller können - insbesondere Massimo Foschi - durchweg überzeugen und liefern eine äußerst realistische Darstellung der Figuren in der Geschichte ab. Gerade Foschi schafft es, die Glaubwürdigkeit der Entwicklung Harpers vom zivilisierten Stadtmenschen zum primitiven Kannibalen in Stein zu meißeln. Gegen Ende des Films hat er sogar eine offensichtliche Ähnlichkeit mit George Eastmans Darstellung des Menschenfressers Niko Karamanlis in Joe D'Amatoes "Man-Eater" [Italien, 1980]. Ob sich George Eastman in der Rolle des Niko Karamanlis wohl von der Szene gegen Ende von "Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch" hat inspirieren lassen?

 

Gerade die Entwicklung ist sehr realistisch und glaubwürdig geworden. Während der Gefangenschaft und auf der Flucht passt sich Harper immer mehr den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen an und vergewaltigt sogar Pulan, um sie sich zu unterwerfen. Am Ende wird er zwar durch die Umstände, aber dennoch aus eigenem Willen selber zum Kannibalen, in dem er die noch warmen Innereien seines Widersachers vor den Augen der Angehörigen des übrigen Stammes verspeist, die ihn daraufhin auch von dannen ziehen lassen. Dass Harper sich trotzdem noch nicht ganz hat konvertieren lassen, erkennt man dann doch immer noch an zwei markanten Punkten innerhalb des Filmes. Zum Einen wäre da die Vergewaltigung Pulans, die er zwar durchführt, diese aber sichtlich mit anfänglichem Widerwillen und anfänglicher Abscheu tätigt. Zum Anderen ist es das Essen der Eingeweide des getöteten Widersacher, die er nur sichtbar für die Wilden in den Mund nimmt, sie aber nicht wirklich hinunterschluckt. Harper bewahrt sich also, trotz dass er sich den Riten und Sitten angepasst hat, sein Fünkchen Zivilisation.

 

Viele der im Film zu sehenden Eingeborenen waren real und spielten ihre Rollen in natürlicher Umgebung und bei laufender Kamera. Allerdings mussten sie Perücken tragen, da sie - außergewöhnlich für Angehörige eines südostasiatischen Eingeborenenstammes - relativ kurze Haare hatten und einfach nicht in das Bild passten, wie Deodato sich seine Wilden vorstellte. Die Szenen mit den Naturmenschen sind ebenfalls sehr real geworden. Viele Szenen sind sogar Abfilmungen der stammestypischen Rituale und wirken wohl deshalb umso authentischer.

 

Die Musik wurde von Ubaldo Continiello beigesteuert, der sich von Milos Formans "Einer flog über das Kuckucksnest" [USA, 1975] beeinflussen und inspirieren ließ. Die Musik lässt den Zuschauer schon zu Beginn des Films ein Verwirrspiel mitmachen, als Harper und Ralph sich das Floß zusammengebaut haben und auf dem Fluss hoffnungsvoll in Richtung Flugzeug zu treiben scheinen. Die Musik gibt der ganzen Szenerie einen zuversichtlichen Unterton, um dann aber ganz abrupt in einem Wasserfall zu enden. Später dann gibt es eine Musikuntermalung, während die Eingeborenen Pulan Köpfen, aufschneiden und ihren Bauch zum Garen mit heißen Steinen füllen. Die Musikkulisse wirkt hoffnungsvoll und friedlich, als ob der Tod Pulans einzige Erlösung aus der grünen Hölle wäre.

 

"Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch" ist auch heute noch einer der besten italienischen Kannibalenfilme. Ruggero Deodato führte unter Vorlage Lenzis zum ersten Mal ausgiebige Fressorgien ein, die später seine eigenen Werke und auch die anderer Regisseure prägen sollten. Obwohl Deodatos Film der zweite Film des Subgenres und der erste Film mit ausgiebiger Kannibalenexploitation ist, zählt seine Trilogie noch immer zu den besten. Viele Regisseure (u.a. Marino Girolami, Antonio Margheriti, Joe D'Amato oder auch Umberto Lenzi) versuchten, das Subgenre weiterzuführen und schufen viele unteschiedliche Filme, in denen sie teilweise sogar Subgenres verschmolzen (z.B. Zombie- und Kannibalenexploitation in Marino Girolamis "Zombies unter Kannibalen" [Italien, 1979]) oder den Sexploitation-Aspekt in den Vordergrund stellten und viel nackte Haut präsentierten (z.B. Jess Francos "Mondo Cannibale 4 - Nackt unter Wilden" [Spanien, 1983] mit einer herrlich anzuschauenden Katja Bienert), um das Publikum zu begeistern. Der Einstieg Jess Francos ("Jungfrau unter Kannibalen" [Deutschland/Italien/Spanien, 1980]) war es auch, der dann allmählich den Untergang des Subgenres herbeiführte. Die Filme wurden immer mehr Massenware und verschwanden mit ihren Kontexten irgendwann in der Senke der Bedeutungslosigkeit.

 

Markus Buttstädt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  Wicked-Vision

 

Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch

(Ultimo mondo cannibale, Italien 1976)

aka. Cannibal

aka. Carnivorous

aka. Jungle Holocaust

aka. Laatste kannibalen, De

aka. Last Cannibal World, The

aka. Last Cannibals, The

aka. Last Survivor, The

 

Regie: Ruggero Deodato

Drehbuch: Tito Carpi, Gianfranco Clerici, Renzo Genta, Giorgio Carlo Rossi

Spezialeffekte: Paolo Ricci

Freigabe: ab 18 Jahre

Genre: Kannibalenfilm

Kamera: Giovanni Ciarlo

Musik: Ubaldo Continiello

Produzent: Giorgio Carlo Rossi

Länge: 89 Minuten (PAL)

Dt. Start: 24.03.1977

Darsteller: Massimo Foschi (Robert Harper), Me Me Lai (Pulan), Ralph (Ivan Rassimov), Sheik Razak Shikur (Charlie), Judy Rosly (Swan)

 

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