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Miami Vice

Wie CNN vor Bagdad – Michael Manns “Miami Vice” 2006:

 

Ab 1984 verantwortete Michael Mann, in seiner Position als ausführender Produzent, im wesentlichen Aussehen und Inhalt der TV-Serie „Miami Vice“. Diese Produktion war ein visueller und produktionstechnischer Meilenstein und modernisierte den Typus Fernsehserie von Grund auf, man könnte geradezu von einem Paradigmenwechsel  dieses Genres sprechen. Denn: Mit „Miami Vice“ wurde eine Produktionsqualität für das Medium Fernsehen erreicht, wie sie vorher lediglich in Hollywoodfilmen zu sehen war. Es ist nicht abwegig, zu behaupten, dass “Miami Vice” ein Wegbereiter für den Erfolg und das visuelle Konzept heutiger Serien wie “CSI” oder “ER” war.

 

Und: Die Serie definierte wie keine andere Ästehtik und Hybris eines seltsamen Jahrzehnts. „Miami Vice“ war Avantgarde und Mainstream in einem, war ein sensibles Echo der stilistischen Tendenzen ihrer Entstehungsepoche als auch innovativer Neuerer und Trendsetter dieser Ära. Erstmalig erschien der Look einer Fernsehserie glamourös und modern und seiner Zeit voraus, und wichtiger als der narrative Inhalt. Michael Mann verstärkte diesen Eindruck, indem er der Musik einen wesentlichen Bedeutungsgehalt gab: Sie diente als emotionale Ebene, die oftmals Dialoge ersetzte, gar vollkommen überflüssig machte. Die Musik und die Bilder bildeten so ein Übergewicht zur Narration, welche zunehmend, von Staffel zu Staffel, an Bedeutung einbüßte. Irgendwann war klar, dass die Handlung der einzelnen Folgen keinerlei Gewicht mehr hatte, die Inszenierung der Protagonisten, der Action, der Musik, der Gefahr, der Nacht war wichtiger als jegliche dramaturgische Struktur. Letzlich blieb die Story ein Alibi, ein Vorwand für in sich “narrativ inhaltlose” Action. „Miami Vice“, mit dieser Gewichtung von Form über Inhalt, kann eindeutig als ein Teil der Postmoderne bezeichnet werden, wenn nicht, was das Fernsehen angeht, sogar als einer ihrer  Wegbereiter.

 

Zusätzlich sind in der Serie für Michael Mann typische Erzählmuster auszumachen, welche sich variiieren, wiederholen, permanent präsent sind, und in allen seinen Filmen ebenfalls zu finden sind. Hauptthema der ganz spezifischen Welt Manns ist das Muster des Protagonisten, welcher Part zweier sehr widersprüchlicher Welten ist. Manns Helden befinden sich in einem permanenten Drahtseilakt zwischen diesen widerstreitenden Welten.  Der Preis für diesen Konflikt zwischen Schein und tatsächlicher Verortung ist Einsamkeit, sind Gewaltexzesse und oftmals der Tod. Manns Helden sind Professionals, welche diesen Preis kennen und akzeptieren. Sie orientieren sich an einem stringenten, selbst auferlegten, ungeschriebenem Moralkodex, welcher ihnen als ethischer Kompass dient und ihnen hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Manns Figuren scheinen aus Filmen Howard Hawks` entsprungen zu sein, jedenfalls haben sie in Attitüde und Format sehr viel mit den Charakteren dieses Hollywoodmeisters gemein. Zuhause in zwei sich auschliessenden Welten: Die Undercoverpolizisten Crockett und Tubbs agieren wie Drogendealer und sehen auch so aus. Sie sind ständig in Gefahr, nicht nur entlarvt zu werden, sondern auch die Kontrolle über ihren Drahtseilakt auf der Trennlinie zwischen diesen Welten zu verlieren. Zu dem von Mann einstmals auf die kurze Formel gebrachte Duktus der Serie (“MTV-Cops”) kam also ein höchst interessanter, existenzieller Konflikt hinzu, der “Miami Vice” vom belanglosen und ästhetisch desaströsen Einerlei des Jahrzehnts deutlich abhob.

 

Mann hat nicht vergessen, was den Erfolg der Serie ausmachte, nämlich einerseits die zeitgenössischen Strömungen aus  Mode, Musik, Fotografie, Architektur, Design aufzufangen, andererseits aber auch ein Stück weit Avantgarde zu sein – dem Zeitgeist voraus. Dieses grundsätzliche Prinzip wendet er nun gleichermaßen auf seine neueste Filmproduktion an, die heisst wie die Serie: „Miami Vice“.

 

Pinke Flamingos, cremefarbene Art-Decobauten vor hellblauem Himmel, weiße Anzüge und elektronische Musik gibt es im Miami des Jahres 2006 nicht mehr. Die narrative Grundkonstellation mit Crocket (Colin Farrell) und Tubbs (Jamie Foxx) wurde beibehalten: Die beiden arbeiten als verdeckte Ermittler, geben sich als Drogenhändler aus, und versuchen ein kolumbianisches, global agierendes Kartell zu infiltrieren. Crocket kommt eine Liebesgeschichte mit der Frau (Gong Li) des Drogenbarons dazwischen. Nach wie vor ist die Story zweitrangig und irgendwie verworren und dient nur als vordergründige Ausflucht, Schiessereien, exotische Handlungsorte und Ausfahrten im Powerboot zum Mojitotrinken in Havanna zu bebildern. Die Musik ist ebenfalls 2006 – harte Crossover-Gitarren und synthetische Beats und Samples dominieren. Nie schien der elektronische Pop der 1980er ferner als auf diesem sehr empfehlenswerten Soundtrack.

 

Interessant und ebenfalls hart am Zeitgeist ist das visuelle Konzept des Films, welches sich konsequent dem allgemeinen Trend zur Digitalisierung verschreibt. Mann entschied sich ganz bewusst dafür, den Film komplett auf Videomaterial zu drehen. Dies verleiht den insbesondere bei Nacht und in dunklen Innenräumen spielenden Szenen ein ganz eigenes, in Hollywoodfilmen bisher kaum zu sehendes pixeliges Fluidum, einen grünlichen Schimmer, ein grizzeliges, graues Dunkel: wie CNN vor Bagdad, der Nachthimmel phosphoreszierend erleuchtet von den Markierungsbomben. Konsequenterweise spielt der Film zu 80 Prozent bei Dunkelheit, wahrscheinlich dies die einzige Reminiszenz an die alte Serie. Kameramann und Academy Award Preisträger Dion Bebe hat aus der technisch-visuellen Limitierung des Videomaterials einen Stil kreiert, der durchaus gefangen nimmt. So bleiben die grünlich flimmernden Nachtsequenzen in Erinnerung, mit ihrem nachrichtenhaften, dokumentarischen Duktus. Dazu trägt auch das Kamerakonzept bei: Ständig in Bewegung, befreit von den physischen Einschränkungen durch Stativ und Schiene, immer nah an den Protagonisten, immer auf Augenhöhe. Wenn die Videokamera nicht mittels einem Flugzeug, Powerboot, Ferrari in atemberaubender Geschwindigkeit einen Dialog der Protagonisten in Parallellauf festhält.

 

In der Schnitt- und Erzähltechnik dieses Films findet die Globalisierung der Weltwirtschaft ihr Echo: Miami ist nur noch Ausgangsort einer Handlung, die sich wenig Mühe gibt, ihre Unwichtigkeit zu kaschieren – ganze Suberzählstränge werden schlichtweg weggelassen, ohne dass man als Zuschauer etwas vermisst. “Miami Vice” im Jahr 2006 zeigt den Drogenhandel als ein globales Geschäft, als konsequenten Turbokapitalismus – es geht um Vertriebswege und den Zugang zu Märkten. Der Gangster als Geschäftsmann handelt mit dem, was Marge bringt – Drogen, Waffen, egal. Ähnlich konsequent wie diese Branche im Handeln schneidet Mann seinen Film: In Zeiten, in denen die Kartelle schon lange vor allen anderen globalisiert ihrem Profit nachgingen, ist es nur ein Filmschnitt zwischen Haiti, Urugay und Kuba.

 

“Miami Vice” 2006 ist Autorenkino State-of-the-Art, äußerst aufwändig in 107 Drehtagen mit einem Budget von ca. 120 Millionen Dollar gedreht. Auch dieser Film ist Zeichen seiner Zeit, lotet Entwicklungen aus, und reflektiert deren subliminales Echo: Vergangen ist der Glamour und der Glitter der 80er, hinweggefegt vom schmutzig-pixeligen, nachrichtenhaften Look unserer Zeit. Es ist offenbar, dass die tägliche Bilderflut aus Fernsehen und Internet die Dominanz des Kinofilms über unsere Sehgewohnheiten abgelöst hat. In gewissem Sinne untermauert “Miami Vice” den Niedergang unserer Sehkultur und bereichert und kanalisiert unsere Sehgewohnheiten andererseits – so aufregend könnten Fernsehnachrichten ausschauen.

 

Dirk C. Loew

 

Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte

 

Miami Vice

USA 2006 - Regie: Michael Mann - Darsteller: Jamie Foxx, Colin Farrell, Gong Li, Naomie Harris, Ciaran Hinds, Justin Theroux, Luis Tosar, John Ortiz, Ilan Krigsfeld, Tom Towles - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 16 - Länge: 132 min. - Start: 24.8.2006

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