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Metropolis - Robotic Angel


"Robotic Angel" ist die Anime-Adaption von Osamu Tezukas 40er-Jahre-Manga "Metropolis", den dieser inspiriert vom Stummfilm Fritz Langs (ohne ihn gesehen zu haben) zeichnete.
Wolkenkratzer, Industrieanlagen und Unterwelten des Stadtstaates Metropolis bilden die Kulisse für einen politischen Umsturz, in den der Privatdetektiv Shunsaku Ban und sein Neffe Kenichi hineingeraten, sowie für einen Machtkampf, in dem die Herstellung der Androidin Tima den Ausschlag geben soll.

Rintaros Metropolis zeigt eine futuristisch nostalgische Klassengesellschaft, in welcher Automaten einen großen Teil der Aufgaben leisten. Das arbeitslos gewordene Proletariat ist gezwungen sich vom Staat versorgen zu lassen und in den unteren Zonen der Stadt zu leben, während die Besitzenden die oberen Stockwerke bevölkern. So kommt es dann auch folgerichtig zum politisch gelenkten Aufstand. Die Masse verlangt einen starken Führer und wendet sich gleichzeitig gegen das schwächste Glied der Gesellschaft, die Roboter. Der mächtige Mann der Stadt hat derweil den Bau seines Turms Ziuggurat (eine Art Turm zu Babel) abgeschlossen und plant das Zwitterwesen Tima als steuerbare Herrscherin zu installieren.

Rintaro variiert, ohne reaktionäres Pathos, in seinem visuell wuchtigen Animationsfilm Motive und Figuren des Klassikers (Metropolis, 1927): das Sujet Großstadt, das Spiel mit dem Kontrast von Licht und Schatten, die künstlich geschaffene Frau, den Herrscher im hohen Turm, den Aufstand der Masse. Daneben behandelt er in "Robotic Angel" auch Fragen der Ethik gegenüber Robotern, Apartheid, Arbeitslosigkeit, globales Hegemoniestreben, Identitätsfindung, künstliche Intelligenz und die Suche nach dem Übermenschen. Das Drehbuch von Katsuhiro Otomo ("Akira") führt diese Themen immer im Kleinen und im Massenhaften vor und gewinnt dadurch sehr an Deutlichkeit.

Die handgezeichneten, manchmal auch teilanimierten, kindlichen Figuren stehen in scharfem Kontrast zu den weitestgehend am Computer generierten Wolkenkratzern, Flugzeugen, Rolltreppen und Industrieflächen. Stilcollagen auch bei den Charakteren; ihre Gesichter entsprechen vielfach dem Manga-Stereotyp, ihre Körperbewegungen könnten aber aus Zeichentrickfilmen der 30er-Jahre stammen. Musikalisch unterlegt wird diese Bilderflut mit Dixieland-Jazz, klassischer Orchestrierung und Klavierpassagen. Wem solcherart gehäufte stilistische Wechsel in Bild und Ton zu rasant, unstimmig oder gar verstörend vorkommen, sollte versuchen, einen Blick auf die großen, ruhenden Augen Timas oder Kenichis zu werfen: Auch auf die Gefahr hin, in kaltes Metall zu starren.

 

Dem viel kritisierten Leitsatz "zwischen Hirn und Händen muß das Herz vermitteln" von Langs "Metropolis" wird in Rintaros Anime - besonders durch die zentrale Stellung der Automaten - mit Poesie und Brutalität begegnet, was den Film sicher zum Genre-Klassiker machen wird.

 

Alexander Novacek

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Unipress, Innsbruck
 

 

Metropolis - Robotic Angel
Anime-SciFi, Japan 2001; Original: Metropolis; Regie: Rintaro; Drehbuch: Katsuhiro Otomo; Spielzeit: 107 min.; Kinostart: 20.12.2002 Cineplexx




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