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The Method

 

 

„Cuantos desencuentros ..., cuantas soledades habría en aquel solo rascacielos!“

 

Ernesto Sabato: Sobre héroes y tumbas[i]

 

 

Der Großkonzern DEIKA lädt zwei Frauen und fünf Männer, die alle bereits Karriere gemacht haben, in einen sterilen Konferenzraum in den oberen Etagen eines Wolkenkratzer in Madrid, um an ihnen ein neuartiges Auswahlverfahren für einen hoch dotierten Managerposten zu proben: Die Grönholm-Methode. Alle Kandidaten haben unterschrieben, dass sie die Methode akzeptieren, ohne zu wissen, worin sie besteht. Die ständig lächelnde Sekretärin macht sie darauf aufmerksam, dass jeder gehen kann, wenn er mit etwas nicht einverstanden ist. Jederzeit. Während unten auf der Strasse Globalisierungsgegner gegen einen IWF-Gipfel demonstrieren, müssen die „Spieler“ oben Allianzen schließen und, an Hand von Aufgaben und Informationen, die ihnen per Computer übermittelt werden, per Mehrheitsentscheid einen der Kandidaten nach dem anderen aus dem Saal wählen, oder zur Aufgabe zwingen. Nur eine/r darf am Ende übrig bleiben und die Stelle erhalten.

 

Dem minimalistischen Setting sieht man an, dass der Film auf einem Theaterstück basiert, ebenso wie seine Nähe zu bestimmten TV-Serienformaten. Abgesehen vom Vorspann, der teilweise im Split Screen die Morgentoilette und die Anfahrt der Kandidaten mit Fernsehberichten über die Vorbereitungen auf IWF-Gipfel und Gegendemo parallel montiert, und vom Ende spielt der gesamte Film im Konferenzsaal und dem dazugehörigen Bad. Wer den Saal verlässt, verlässt den Film.

 

Das Spannungsfeld, in dem sich die Protagonisten bewegen, liegt zwischen Gruppendynamik („Teamfähigkeit“) und Egoismus. Opportunismus ist keine geduldete, sondern eine notwendige Konsequenz der Grönholm-Methode. Wer eben noch Freund war, muss im nächsten Moment Feind sein und umgekehrt. Wo das Subjekt systematisch dazu erzogen wird, sein Gegenüber nur als Gegner, als Konkurrenten zu begreifen, wird doch stets von ihm gefordert, sich wieder in den Dienst eines Kollektivs zu stellen: Seiner Firma, der er bedingungslose Loyalität zu schwören hat. Das El Método trotz all seiner formelhaften Vereinfachung ein großartiger Film ist, liegt nicht nur an hervorragenden Darstellern und rabenschwarzem Humor, sondern vor allem an der Konsequenz mit der diese Logik zu Ende gedacht wird.

 

In einer Aufgabe sollen die Kandidaten sich vorstellen, dass sie als einzige Überlebende eines Atomkrieges in einem Bunker sitzen und eine Person auswählen müssten, die den Bunker verlässt. An Hand seines Lebenslaufes muss nun jeder von ihnen sein „Existenzrecht“ verteidigen, muss aufzeigen, welchen Wert er in dieser Situation für die Gruppe hätte: Als Arzt, als militärischer Anführer, als Elektriker. Derjenige, der den anderen am ehesten verzichtbar scheint, ist raus, aus dem Bunker und dem Konferenzsaal. Und während von der Demonstration unten die berühmte Parole: „El pueblo unido jamás será vencido!“ heraufschallt, wird oben etwas nachgeholfen bei der „natürlichen“ Auslese: Die ältere der beiden Frauen muss gehen, weil sie zwar – angeblich – kochen kann, aber mit über vierzig zu alt ist für die Funktion der Gebärmaschine, die den Fortbestand der Menschheit sichern könnte.

 

El Método beschreibt einen Kampf um die Seelen, der nicht körperlich zu gewinnen ist, sondern durch psychologische Kriegsführung. Sex ist eine Ware, deren Preis genau berechnet sein will. Der „macho iberico“, der seine Sexualität in den Dienst seines (narzisstischen) Genießens stellt und zur Manifestierung von Herrschaftsverhältnissen zu nutzen versucht, hat keine Chance. Er ist ein Auslaufmodell wie der American Psycho, dessen Gewalt ein verzweifelter Versuch ist, aus einer Welt die nur Oberfläche kennt auszubrechen, eine Botschaft, die ihren Empfänger nie erreicht. Hier geht es darum, drin zu bleiben und wer seiner Wut über die Niedertracht seiner Kontrahenten Luft macht, in Wort oder Tat, hat schon verloren. Totale Selbstkontrolle ist gefragt. Jede Vertraulichkeit darf nur ein taktisches Manöver sein, jede Unbedachtheit ein geschickter Bluff.

 

Das „Volk“ auf der Demo bleibt bewusst gesichtslose Masse, ein Rauschen, das gelegentlich ganz leise durch die schallisolierten Scheiben des Konferenzsaals dringt. Ob eine andere Welt wirklich möglich ist, wie es die Plakate unten verkünden, oder die „Globalisierungsgegner“ nur krawallgeile Jugendliche sind, die gegen genau die Konzerne protestieren, bei denen sie ihre Turnschuhe kaufen, wie es am Anfang in einem Fernsehinterview heißt, bleibt offen. Ob die Gewalt, die die Straße in der letzten Einstellung des Films in einen wahrhaft apokalyptischen Ort verwandelt hat, einen Ausweg bietet, wird nicht weiter thematisiert.

 

El Método geht es nur darum, die Menschen zu zeigen, die schon oben sind, für die es um nichts mehr geht (keinem der Kandidaten droht Arbeitslosigkeit, jeder kann in seinem bisherigen, gut bezahlten Job bleiben), deren einzige Ideologie der Aufstieg ist und für die Stagnation bereits Abstieg bedeutet. Menschlich betrachtet, so das nüchterne Resümee, bringt die Ideologie des Gewinnenmüssens nur Verlierer hervor. In diesem Wolkenkratzer, in dieser Welt sind die Unstimmigkeiten und die Einsamkeit grenzenlos.

 

Nicolai Bühnemann

 

The Method

El Método

Argentinien / Spanien / Italien 2005, ca. 115 Min; Drehbuch: Mateo Gil, Marcelo Piñeyro; Regie: Marcelo Piñeyro; Produzenten: Francisco Ramos, Gerardo Herrero; Darsteller: Eduardo Noriega, Majwa Nimri, Eduard Fernández, Pablo Echarri, Adriana Ozores, Erenesto Alterio, Carmelo Gómez, Natalia Verbeke.

 


[i]Zu Deutsch: „Wie viele Unstimmigkeiten…, wie viele Einsamkeiten gibt es in diesem einen Wolkenkratzer!“ Der Romantitel lautet übersetzt: „Über Helden und Gräber“

 

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