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Meshes of the Afternoon

 

 

 

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die Filmemacherin Maya Deren, die die künstlerische Qualität des europäischen Surrealismus in die USA importierte, einen Film drehte, und damit zur Pionierin der Avantgarde-Bewegung wurde. "Meshes of the Afternoon" ist filmhistorisch bedeutsam, und künstlerisch ein Muss.

 

Alles beginnt mit dem Platzieren einer Blume auf einem beschaulichen, von Palmen am Rand verzierten Weg, durch eine Hand einer Mannequinpuppe. Nachdem die Blume dort liegt, wo sie liegen soll, verschwindet die Hand wie durch einen Zauber. Schon allein diese ersten Szenen des Films zeigen, dass dies kein plausibles Universum ist, in dem wir uns in "Meshes of the Afternoon" bewegen. Die Hand, die von oben ins Bild herein greift, wirkt künstlich, könnte sogar als Gottes Hand interpretiert werden. Der Film folgt dann der Frau, die die Blüte vom Straßenrand aufhebt.

 

Diese Frau wird von Maya Deren selbst gespielt und ist Dreh- und Angelpunkt von "Meshes of the Afternoon". Zunächst sehen wir die Frau nur als Schatten. Wir sehen zwar, wie sie ihre Hände einsetzt, um die Blume aufzuheben, um an der Tür ihres Zuhauses zu klopfen und diese Tür mit einem Schlüssel aufzuschließen, nachdem sie ihn versehentlich auf den Boden fallen lässt; und wir sehen, wie ihre Füße über den Boden gehen. Alles andere jenseits dieser menschlichen Funktionen wird nur durch den Schatten an der Wand dargestellt. Im Inneren ihrer Wohnung gibt es dann eine schwindelerregende POV-Handkamerafahrt Treppauf und Treppab. Und schließlich findet die Frau in einem Sessel vor einem Fenster Schlaf.

 

Ihr Entschwinden in die Traumwelt sehen wir aus ihrer Perspektive: Während sie beim Entschlummern aus dem Fenster sieht, legt sich ein schwarzer Schimmer über das Bild, bis es schließlich komplett dunkel ist. Deren nimmt uns mit in eine verfremdete Traumwelt: Hier geht eine eigentümliche Person umher. In schwarzer Kutte umhüllt wandert die Figur schnellen Schrittes auf dem Weg, den die Frau wenige Minuten zuvor gegangen ist. Die mysteriöse Person trägt eine Kapuze, jedoch statt eines Gesichts trägt der Schemen einen Spiegel. Die Frau rennt dem menschlichen Mysterium nach, holt es aber nicht ein, und kehrt auf halber Strecke zur Wohnung zurück.

 

Von nun an befinden wir uns in einem halluzinatorischen Strudel voller Duplizitäten. Die Strukturen der Zeit werden weggewischt, alles wiederholt sich unaufhörlich, und endet schließlich an dem Punkt, an dem es begann. Jegliche Logik innerhalb der Räumlichkeiten wird dank der irrsinnig verwinkelten Kameraperspektiven ad absurdum geführt. Die Frage, was Wirklichkeit und was Traum ist, kann nicht beantwortet werden - beziehungsweise wird gar nicht erst gestellt, da Realität und Einbildung zu einem surrealen Ganzen verschwimmen. Innerhalb dieses verzerrten Universums läuft die Zeit vorwärts, rückwärts und dabei streckenweise noch beschleunigt.

 

Worum es in diesem gespenstischem Angsttraum dann letzten Endes geht, ist dem Zuschauer selbst überlassen. Aus Schlüsseln werden Messer, und in einer Szene sitzen sich drei identische Frauencharaktere gegenüber. Im Finale kommt es dann zu einem Selbstmord. Dabei gibt es im Laufe der 13 Minuten keine wirkliche Narration. Die Geschichte, wenn man sie so nennen kann, wird durch die Montage eher zu einer abstrakten Struktur, als dass man eine traditionelle Erzählweise wieder findet. Der feministische Avantgarde-Film möchte keine fixe Interpretation hervorrufen, sondern lässt es aufgrund seiner weit ausladenden Phantastik zu, dass ein jeder selbst etwas in die traumhaften Bilder hineinlesen kann.

 

Nach 13 Minuten hat man den Triumph des Films als Kunst hinter sich. Maya Derens Film ist ein enigmatisches Meisterwerk durch und durch. Die innovativ gestalteten Bilder, düster und irritierend, und die fantastische Montage, die sämtliche Grenzen der Logik und des Verstandes einrennt, fügen sich zu einem brillant funktionierenden Film zusammen, der meditativ und hochgradig lyrisch wirkt. "Meshes of the Afternoon" ist mit Sicherheit eines der schönsten, herausfordernsten Stücke Film aller Zeiten, ein surreales, verstandbeugendes Gedicht.

 

Björn Last

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  Mitternachtskino

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Meshes of the Afternoon

USA, 1944. Regie: Maya Deren, Alexander Hammid. Drehbuch: Maya Deren. Kamera: Alexander Hammid. Musik: Teiji Ito. Darsteller: Maya Deren, Alexander Hammid. Schwarzweiß. 18 Min.

 

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