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Mein Leben als Terrorist: Hans-Joachim Klein

 

Rechtzeitig zum 50. Geburtstag kommt die DVD heraus, aber Hans-Joachim Klein fühlt sich jung, sehr jung. „Ich bin ein großes Kind, heute noch“, sagt er in die Kamera, und dann müssen wir wohl nachsichtig sein, auch wenn die Kindereien der Art sind, dass 11 Ölminister als Geiseln genommen werden, 1975 in Wien. Der Polizist Anton Tichler und zwei weitere werden erschossen. Terrorist Klein kriegt selbst einen Schuss ab - am 21. Dezember, seinem Geburtstag, 28 Jahre alt. „Da bin ich mit einem kleinen Loch im Bauch“, sagt er jetzt zu den alten Dokumentaraufnahmen, die der niederländische Fernsehjournalist Alexander Oey in „Mein Leben als Terrorist“ einmontiert hat. Locker kommt das, unkompliziert. Klein, wegen mittäterschaftlichen Mordes verurteilt, nutzt den Film, sich als Opfer darzustellen. Er überlebte, schwer verletzt. Schuld hat Carlos. Die Schüsse waren gar nicht nötig gewesen. „Es war Mord“.

 

Man nimmt Klein ab, dass er glaubt, was er sagt. Er hat eine schwere Jugend gehabt, so könnte es auch im Plädoyer eines Verteidigers heißen. Sein Vater war ein brutaler Kriminalbeamter, der ihn prügelte. Noch mit 16 musste er abends um 8 ins Bett, mit 20 riss ihm der Vater die Kette vom Hals, ein Geschenk der Freundin. Schluss, aus. Jochen tauschte die Prügelstätte mit WGs in Frankfurt am Main, dort wurden Bullen gehasst und darüber hinaus das imperialistische System. Die RAF und dann die Roten Zellen wurden seine Heimat.

 

Den Film hindurch hat Klein das Wort. Regisseur Oey widerspricht nicht, er fragt nicht nach. Er besucht Klein im normannischen Dorf, in welchem unser Täter/Opfer Jahre lang untergetaucht war. Klein kommentiert altes Newsmaterial. Er empfängt Besuch von Daniel Cohn-Bendit, dem Freund und Helfer von damals, der sich jetzt als arrogantes Arschloch gibt („Du hast unser Auto malträtiert mit deinem Versuch, es zu reparieren“). – Klein verteidigt sich. Er war gelernter Autoschlosser unter gelernten Habermas-Lesern. Heinrich Gehrke, 2000 Vorsitzender Richter im Prozess gegen Klein, spricht jetzt wohlwollende Worte in die Kamera, und dann kommt es aus höchstrichterlichem Mund, das Verständnis für Klein irgendwie auch als Opfer, denn im Untergrund ging die Ehe kaputt, und was ist jetzt mit den Kindern? Joschka Fischer und Matthias Beltz waren als Entlastungszeugen aufgetreten.

 

Klein hatte sich schon 1979 mit dem Buch „Rückkehr in die Menschlichkeit. Appell eines augestiegenen Terroristen“ (rororo) von den Exgenossen losgesagt („antisemitische Akteure“, „total verwahrlost“, „Linksfaschisten“). Mit Bendits Hilfe stellte er sich 1998 der deutschen Justiz als Kronzeuge zur Verfügung. Für seine Mittäterschaft am Opec-Mord saß er sechs Jahre ab. Dann war er frei, vor der Kamera seine frisch gewaschenen Socken aufzuhängen und noch einmal vor den militanten Autonomen und ihren Unterstützern zu warnen. Kühe mampfen, und er dankt denjenigen, die ihn in schwerer Zeit in Frankreich mit Geld unterstützten: André Glucksmann, Simone Signoret, Jean-Paul Sartre; ihm hatte Klein als Fahrer und Leibwächter gedient, als er, Sartre, 1973 die RAF-Prominenz in Stammheim besuchte. Wir sehens im Bild.

 

Im Camp im Jemen setzt er der Wüste „Freude schöner Götterfunken“ entgegen. Merken die Genossen nicht, dass sie von Gaddafi instrumentalisiert wurden, der nichts anderes wollte, als die Ölpreise in die Höhe zu treiben? Und wozu dann als Handlanger den Papst entführen und Galinski ermorden? „Ich muss raus“. „Aus welcher Psychiatrie ist der denn“, fragten die Araber. Heute fließt ein normannischer Fluss in weiter Flur dahin; Tschaikowsky erklingt, doch „bei jeder Meldung über Terroranschläge holt mich meine Vergangenheit ein. Das ist mein inneres Gefängnis, da werde ich nie wieder raus kommen“.

 

„Mein Leben als Terrorist“ lief 2006 auf Filmfesten (München, Toronto), in der ARD und auf der Viennale. In Wien war angekündigt, dass ich mit Jochen Klein auf dem Podium spreche. Das verhinderte die Polizei, die den unerwünschten Ausländer festzunehmen und nach ein wenig Haft abzuschieben drohte. Fragen hätte ich immer noch. Der Film klammert Kleins Funktion als Kronzeuge aus. Erst dadurch, dass er 1999 erstmals innere Strukturen der Roten Zellen aufdeckte, wurde im gleichen Jahr Rudolf Schindler festgenommen und fünf Jahre später zusammen mit seiner Frau Sabine Eckle zu drei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, wegen Gründung einer terroristischen Vereinigung. Ein Jahr später wurde Klein wegen der Opec-Morde begnadigt.  – Ein Wort von ihm dazu? Es kommt nicht vor im Film.

 

Was hatten seine prominenten Unterstützer in Frankreich von ihm erwartet? Dass er die Guerilla („der reine Wahn“) bloßstellt? 1978 hatte er in Libération zu den Stammheim-Morden geschrieben: „Ich wusste, dass sie seit 1975 Waffen im Knast hatten. Handgranaten. Um sie im Gericht auf die Richter zu werfen“. Fragen dazu? Hab ich.

Und was folgt auf seine Recherchen im Frauen-KZ Ravensbrück? Wir sehen ihm im Film über die Schulter. Seine Mutter fehlt im Verzeichnis der jüdischen Insassen. Wenn wir schon im Film beteiligt werden, was ist denn heute Stand der Nachforschung? Soweit der Film.

 

Opfer. RAF-Opfer. Der Historiker Thomas Schnabel, lesen wir in der taz, widmete ihnen im Hause der Geschichte (HDG) in Stuttgart am 27. September 2007 ein Symposion. Hans-Joachim Klein zählte er nicht dazu. Aber Klein war dem Film zufolge doch auch Opfer. Sein Motiv war, „den Tod von Holger Meins zu rächen“. Aber er wurde ausgenutzt. Er hat es nicht geblickt. Gaddafi hat schuld. Und Klaus Croissant; „Alle, die durch sein Büro gelaufen sind, landeten beim Terrorismus“. Ja, jeder will heute Opfer sein, eine Status-Frage. (Aber lass dir mal von einem Typ auf der Straße sagen:„ Du Opfer“. Dann bitte nicht).

 

Auch die Gräueldoku, die die ARD Anfang September sendete, widmet sich dem Opferstatus. Was haben die Angehörigen der RAF-Toten uns zu sagen? Laut Sendetitel haben sie eine Frage an die Täter, eine persönliche, im Duz-Ton: "Wer gab Euch das Recht zu morden?" Jetzt könnte Hans-Joachim Klein zu Wort kommen. Aber die Fragenden geben ihm kein Recht zu antworten. „Terroristen kommen nicht zu Wort“, versichert der NDR voll zickig. Das genau ist die Spießer-Attitüde vom Bullen Klein, der sich brüstete, bei der SS im Partisaneneinsatz gewesen zu sein, und der sich damit beschied, mangels aktueller Einsätze vergleichbarer Art seinen Sohn zu terrorisieren. Und? Solch ein Sohn wird Terrorist. Jochen hat es damals nicht geblickt, sagt er über sich. Die Politwissenschaftlerin und Journalistin Anne Siemens, die zusammen mit Henning Rütten den Gräuelopferfilm gemacht hat, sollte es dreißig Jahre später besser wissen.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text erscheint im November 2007 in: Konkret

 

 

Mein Leben als Terrorist: Hans-Joachim Klein

Niederlande 2006

Regie: Alexander Oey; 71 Minuten, 35 Minuten Bonusmaterial, DVD-Veröffentlichung (Neue Visionen): 14.09.2007

 

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