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Mein langsames Leben

Eingebildete Kranke

 

Stil und Stilisierung stehen ganz oben an bei Regisseurin Angela Schanelec, einer der exponiertesten Vertreterinnen der (später) so genannten „ Berliner Schule“. Anhand ihres Filmes „Mein langsames Leben“ aus dem Jahr 2001, der gerade auf DVD erschienen ist, kann man nun der Prägung eines Stils bei der Arbeit zuschauen.

 

Halbtotalen mit eingefrorenen Bildkadern, aus denen die Figuren schon mal verschwinden. Gleichberechtigung oder Egalität von Ort (d.h. Architektur und Landschaftsarchitektur) und Mensch. Distanz zu den Figuren, selbst die scheinen austauschbar, denn sie sind alle Akademiker Mitte Dreißig in oder aus Berlin, wissen nicht recht, ob sie sich lieber Kinder oder Karriere oder neue Lebensabschnittspartner wünschen sollen und alle leiden am selben Problem: Sie sind emotional gebremst, gehemmt, verklemmt. Ob letztere Eigenschaft nun eher wiederum ein Stilmittel der Verfremdung oder einer „Emophobie“ der Autorin und Regisseurin zuzuschreiben ist, war mir als Zuschauer nach spätestens 60 Minuten egal, denn es hat mich nur noch genervt. Die avisierte Distanz zu den Protagonisten gelang 150prozentig, ich hätte die langweiligen, uninteressanten sich am Nichts ihres aus zu vielen Optionen bestehenden Lebens elegant dahin grämenden Menschen dieses Films, die ja schon mit der Frage Latte Machiatto oder Bohnenkaffee überfordert sind, gerne vergessen, aber der Film lief weiter. Da mochten die Kamera und der Wind schon mal den Park und den Busch ästhetischst inszenieren und jegliche Inneneinrichtung ausgesuchst sein, gestelzt und unnatürlich sind die Dialoge, verloren und verklärt fallen die Blicke ins Nichts einer schicken Tristesse. Schick und stilsicher ging die Welt immer schon zu Grunde. Leider gibt es einen Auftritt der genialen Band „Mutter“, der so tut, als habe selbige künstlerisch irgendwas mit derartigen Filmen gemeinsam.

 

Aber da ist die Schnittmenge gering. Dieser Film ist ausschließlich was für arrivierte Intellektuelle oder solche, die es werden wollen, die – fast hätte man es ahnen können – zu viel Leere mit sich herum tragen und zu viel Zeit besitzen, um über diese Leere zerfasernd und hintergründig bedeutungsvoll nachzugrübeln. Mit wirklichen Leiden jedoch, die unsere Welt für manch andere Menschen auch noch parat hält, mit schmerzhaft banaler Gegenwart hat „Mein langsames Leben“ nichts zu tun.

 

Wem nun aber der Sinn nach Dialektik steht, kann hier nachlesen, warum Ekkehard Knörer „Mein langsames Leben“ für ein Meisterwerk hält.

 

Andreas Thomas

 

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Mein langsames Leben

Deutschland 2001 - Regie: Angela Schanelec - Produktion: Schramm Film Koerner & Weber, ZDF - Kamera: Reinhold Vorschneider - Schnitt: Angela Schanelec und Bettina Böhler -

Darsteller: Ursina Lardi, Andreas Patton, Anne Tismer, Wolfgang Michael, Sophie Aigner, Clara Enge, Nina Weniger, Devid Striesow, Margit Bendokat, Maria Simon, Katharina Linder - Länge: 80 min. - Start: 20.9.2001

 

 

DVD

Sprache: Deutsch

Untertitel: Deutsch, Englisch

Ländercode: Code-free

System: Pal Farbe

Bildformat: 16:9

Tonformat: Dolby Digital 2.0

 

DVD-Extras

Interview-Doku "Das Kino der Angela Schanelec" (D 2008, 74 min.), Booklet mit Interview und Kritiken, Trailer

 

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