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Mein kleiner Gockel

 

„More funny strange than funny ha-ha“ - so nannte der Kritiker Andrew Sarris dieses erst- und einmalige, in der Tat seltsame und zuweilen bizarre Zusammentreffen von Mae West und W.C. Fields, zweier Superstars der amerikanischen Komödie in der frühen Tonfilmära; beide hatten sich daran gewöhnt, daß die Filme, in denen sie agierten und das Publikum eroberten, jeweils auf ihr singuläres, auch vom Leibesumfang her gesehen beträchtliches Format zugeschnitten waren und mitnichten eine Konkurrenz duldeten. Zwei „inkompatible“ Partner somit, von denen man überdies wußte, daß sie in herzlicher Abneigung gegeneinander entbrannt waren - was den Figuren, die sie in My Little Chickadee darzustellen haben, und ihrer geschäftsmäßigen, von Gefühlen vollkommen unbelasteten „Liebesbeziehung“ zweifellos zugute kommt. Um so erstaunlicher, daß die beiden sich zu gemeinsamer Erarbeitung des Drehbuchs bereitfanden, wobei Fields den Hauptanteil der Kollegin überließ (die schon in ihren früheren Filmen das Skript stets selbst verfaßt hatte) und das Ergebnis mit den Worten zu würdigen wußte, kein Autor habe seinen Charakter so gut getroffen wie Mae West.

 

My Little Chickadee ist Komödie und Western zugleich - doch im Gegensatz zu jenen Western, die sich einiger Elemente der Komödie bedienen, um sich selbst auf die Schippe zu nehmen, ist hier das Genre der Komödie tonangebend, das sich gleichsam auf die herumliegenden Versatzstücke des Western wirft, sie durcheinanderwirbelt und unorthodox, willkürlich und phantasievoll weniger zu einer „Geschichte“ als zu einem Konstrukt aus populären Motiven amalgamiert.

 

Was veranlaßt die resolute, bemerkenswert unabhängige Schönheit Flowerbelle Lee (Mae West), für eine Nacht zu verschwinden, nachdem ihre Kutsche von Banditen überfallen und die Insassen ausgeraubt wurden? Doch sicher nur die Liebe zu ihrem Kidnapper, einem mysteriösen, schwarzmaskierten Anonymus, der wie ein Rächer der Enterbten die Gegend unsicher macht. Und wie kommt sie - von den prüden Bürgern Little Bends der Stadt verwiesen - auf die Idee, die erstbeste Reisebekanntschaft, den dubiosen Cuthbert J. Twillie (W.C. Fields), unter reger Anteilnahme der übrigen Fahrgäste noch im Eisenbahnabteil zu ehelichen? Es kann nur der Haufen von Wertpapieren und Banknoten sein, den Twillie in seiner Reisetasche herumschleppt und der Flowerbelle Reichtum und gesellschaftliche Rehabilitation verspricht. Filmdramaturgisch geht es dabei einzig und allein darum, einen Ortswechsel mittels bewährter Verkehrsmittel zu vollziehen und dabei einen gereiften Herrn und eine attraktive Blondine, beide mit hinreichend undurchschaubarer Vergangenheit, so zusammenzubringen, daß sich aus der Liaison (oder besser: Mesalliance) an einem mondäneren Ort, als es das Nest Little Bend mit seinen puritanischen Einwohnern ist, eine turbulente Fortsetzung des Plots entwickeln kann.

 

Als ein solcher Ort entpuppt sich Greasewood City: Hier gibt es nicht nur ein Hotel und eine veritable Zeitungsredaktion, sondern auch den smarten, für alles Gute in der Welt kämpfenden Redakteur Wayne Carter (Dick Foran) und den südländisch-zwielichtigen Saloonbesitzer Jeff Badger (Joseph Calleia), der offenbar alle wichtigen Fäden in der Hand hält. Das amouröse Dreieck ist damit perfekt - zumal Flowerbelles Eroberung, Mr. Twillie, von Badger als lächerliche Figur durchschaut und auf den Himmelfahrtsposten des lokalen Sheriffs abgeschoben wird; auch die Gattin verzichtet auf den Vollzug der Ehe, als sie dahinterkommt, daß die vermeintlichen Wertpapiere in Twillies Koffer nichts anderes als Haaröl-Gutscheine sind. Der sozial engagierte Redakteur kann Flowerbelle, die er in der Blindheit des Verliebten für eine gebildete Dame hält, bewegen, in der verwahrlosten Schule vor einer Klasse pubertierender Rowdies als Ersatzlehrerin einzuspringen und die Grundbegiffe der Mathematik zu pauken - eine Aufgabe, die sie ohne tiefere Kenntnis der Materie, doch mit bestrickender Eleganz zu lösen weiß. Twillie, glückloser Ehemann und belächelter Ordnungshüter, betätigt sich unterdessen im Nebenberuf als Barkeeper und schwadroniert vor seinen Gästen von jenen Zeiten, als er ein Monstrum namens „Chicago Mollie“ erledigt haben will.

 

Ein Film kann noch so viele skurrile Episoden aufeinandertürmen - wenn die Handlung nicht so recht voranschreitet, müssen die Stränge neu verknüpft oder brachiale Lösungen herbeigeführt werden. Eine solche bahnt sich an, als bekannt wird, daß jener geheimnisvolle Maskierte, dem Flowerbelle schon in Little Bend erlag, auch Greasewood City heimsucht. Abermals kommt es zu einem nächtlichen, mondschein-romantisch beleuchteten Rendezvous, das freilich weder Flowerbelle noch dem Zuschauer die Identität des Maskierten enthüllt. Dafür verfällt der arme Mr. Twillie auf die verhängnisvolle Idee, sich mit schwarzer Mantille und maskiert wie jener mysteriöse Unbekannte endlich die Gunst seines Weibes zu erschleichen - ein Trug, der von ihr zwar schnell durchschaut wird, beide aber zunächst ins Gefängnis und Twillie gar an den Galgen bringt. Schon will man ihn hängen, als Flowerbelle, anläßlich eines innigen Kusses, den ihr der geheime Drahtzieher Jeff Badger verabreicht, alle Rätsel lösen kann: Badger und die mysteriöse „schwarze Maske“ sind eine Person! Dieser verhilft sie zur Flucht, Twillie erlöst sie mit einem gezielten Schuß vom Galgenstrick, und das Geld des „geflohenen Banditen“ schüttet sie auf dem Marktplatz aus - um alsbald ihre beiden Rivalen, Carter und Badger, mit der Auskunft zu vertrösten, von Zeit zu Zeit seien sie beide willkommen. „Come up and see me sometime!“ ruft ihr am Ende der gescheiterte Ehegatte, Mr. Twillie, zu. Flowerbelle, gerührt und kess herausfordernd zugleich: „My Little Chickadee!“ Ein Zitat aus The Lady’s from Kentucky (Alexander Hall, 1939).  

 

Edward F. Cline (1892-1961), der seine Karriere als Comedy-Spezialist bei Keystone als Mitarbeiter Mack Sennetts begonnen, an nicht weniger als siebzehn Kurzfilmen Buster Keatons mitgewirkt und 1932 seinen ersten W.C. Fields-Film, die Satire Million Dollar Legs, gedreht hatte, war für diesen Stoff der passende Realisator - nicht nur, weil er nahezu der einzige Regisseur war, der von Fields toleriert wurde, sondern vor allem, weil er sich mit seinen Slapstick-Erfahrungen am besten darauf verstand, die klassischen Topoi unterschiedlicher Genres - Postkutsche und Eisenbahn, Kneipe und Hotel, Schulklasse und Zeitungsredaktion, Raubüberfall, Indianer, romantische Liebe und Masken-Mummenschanz - so mit- und gegeneinander zu verschachteln, daß beim besten Willen keine allzu kohärente Geschichte mit allzu subtiler psychologischer Folgerichtigkeit entstehen konnte.

 

Was in diesem Film „geschieht“ und von Joseph A. Valentine relativ konventionell abfotografiert wird, geschieht einzig und allein, um mal die spezifische Komik von W.C. Fields, mal Mae Wests erfrischende Un-Verschämtheit ins rechte Scheinwerferlicht zu rücken. Clines Werk ging zu Recht in die Annalen der internationalen Filmgeschichte ein, weil das scheinbar beiläufige, wenn auch gekonnt eingefädelte Rendezvous zweier Super-Stars der amerikanischen Filmkomödie in einem Eisenbahnabteil durchaus an Lautréamonts surrealistisches Programm des Zufalls denken läßt: schön sei die Begegnung einer Schreibmaschine und eines Regenschirms auf einem Bügelbrett. Gleichwohl kann man schwerlich behaupten, daß es keinen witzigeren W.C. Fields-Film, keinen frecheren und komischeren Film mit Mae West gebe als My Little Chickadee. Die beiden Zugpferde stehen sich immer etwas im Wege; jeder versucht ein bißchen, dem anderen die Schau zu stehlen - und weil sich dies im wirklichen Leben nicht anders verhielt und in die ansonsten mit Logik nicht gerade gesegnete Filmhandlung hineinpaßte, war der Kassenerfolg ebenso wie der ewige Ruhm, den die Filmhistoriker zu verteilen haben, bald gesichert.

 

Auch noch als etwas gebremst wirkender Komiker behauptet Fields eine Präsenz, die sich seinen Körper-Clownerien ebenso wie seinen Wortwitzen verdankt, seiner Statur ebenso wie der Kunst, sie einzusetzen. Er ist der derangierte „Privatmann“ par excellence, der mit verschrobener Eleganz das Hut-auf-Hut-ab-Ritual selbst dann nicht vergißt, wenn er bemüht ist, mit der Zwille einen Indianerüberfall abzuwehren - einen Zwischenfall, den er schon darum als Zumutung empfinden muß, weil er in einem „Privatzug“ reist und seine Ruhe haben will. (Mae West hingegen, bravourös gleich zwei Revolver bedienend, ist gerade in dieser Situation in ihrem Element und fühlt sich noch wohler als in einer Schießbude.) Fields’ stets geschäftige Gangart, der abzulesen ist, daß dieser optimistische Bankrotteur in jeder Lebenslage hinter dem Geld her ist und seine Schweinsäuglein nur nach dem nächsten sich bietenden Vorteil Ausschau halten läßt; seine verklemmten Armbewegungen, die in mulmigen Situationen gleichzeitig Angriffslust und Hilflosigkeit, Tücke und säuglingshafte Sanftmut signalisieren; schließlich seine gedrechselten rhetorischen Kaskaden, die weniger an das gerade anwesende Publikum als an Gott und die Welt gerichtet scheinen - all dies, was W.C. zu einer einmaligen Figur des komischen Genres gemacht hat, bedarf, genau genommen, gar nicht der umständlichen narrativen Inszenierung, noch weniger eines situationskomischen Apparats, der ihn - wie in diesem Film - im Abendanzug in eine volle Badewanne plumpsen läßt oder ihm als Partner im Ehebett einen kapitalen Ziegenbock beschert.

 

In Szenen wie diesen verliert der Film sein Tempo; sie werden langatmig und allzu durchsichtig vorbereitet und verkaufen den Star an ein Genre, das unter seinem Preisniveau liegt. Gewiß ist Fields ein Clown - aber einer, der nur um die Ecke biegen oder aus dem Hintergrund sein gedehntes „Coming, Dear!“ krächzen muß, um einen Heiterkeitserfolg zu erringen. Nicht die (komische oder weniger komische) Situation treibt seinen Witz hervor - vielmehr: sein (ganz normaler) Auftritt läßt die jeweilige Situation ins Aberwitzige kippen. Es ist der Auftritt des verrutschten Privatmanns aus dem amerikanischen Mittelwesten, des ingrimmigen Kleinbürgers, der sich auf der Jagd nach dem Glück so unglücklich verrannt hat, daß er nur noch psychopathische Schrullen, im Klartext: Nonsense, produzieren kann. Sein melodramatischer Sprechrhythmus verwandelt selbst Banales in programmatische Rede. Wenn er, der abgewiesene Ehemann, an Flowerbelles verschlossener Zimmertür rüttelt, schwingt er sich gar zu Shakespeareschen Tonlagen auf: „Oh Dear, I just want to discuss with thee!“ Und: er hat fast immer Pech. Die Federboa, die ihm bei einem Bankett vor dem Gesicht baumelt und sich schließlich mit den Fadennudeln in seinem Suppenteller vermischt, bringt auf den Bildbegriff, was im Leben dieses Mannes so schiefgewickelt - und warum der Mann selbst auf so tragische Weise komisch ist.

 

Mae West, Sex-Bombe und „Baby Vamp“ der 30er Jahre, hat in diesem Film sichtlich den Zenit ihrer Karriere überschritten; die Skandale, die sie mit ihren Theaterstücken schon Mitte der 20er Jahre ausgelöst hatte, mehr noch die puritanische Zensur, die ihr seit ihrem Kinodebut mit Night after Night (1932) das Leben als höchstbezahlter weiblicher Star schwer machte, waren nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Gewiß - auch in My Little Chickadee ist sie noch immer „a seductive, overdressed, endearing, intelligent, buxom, sometimes vulgar blonde actress and sex symbol with drooping eyelids“ (All-Movie Guide), doch jene provozierende Körperlichkeit, die in früheren Filmen das nationale Kartell aus Prüderie und politischer Reaktion in Amerika zur Weißglut trieb, jene Mischung aus draller Vulgarität und subtilem Spiel mit der Ambiguität der Geschlechterrollen, aus Intelligenz, Ironie und aggressiver Weiblichkeit sind in diesem Film nur noch zu ahnen. Als erfahrene Drehbuch-Autorin hat Mae West ihr Programm - das der erotischen Emanzipation - vor allem der Rolle und ihrer dramaturgischen Funktion eingeschrieben: Hier ist eine vitale, irritierend selbständige, die Schranken der Moral verachtende Frau, die ein Zufall vor die Aufgabe stellt, „eine Schulklasse zu unterrichten, also die Rolle ihrer traditionellen Gegenspielerin, der züchtigen Lehrerin, zu übernehmen; sie entledigt sich ihrer Aufgabe brillant, impft den Kleinen eine profunde Mißachtung ihres konventionellen Lehrstoffs ein und lehrt sie einige ihrer praktikablen Lebensweisheiten.“ (Enno Patalas) Eine Frau, die ganz pragmatisch eine Zweckheirat eingeht, von der sie sich Reputation erhofft - und die gleichzeitig zwei Männer lieben lernt, ohne sich zwischen ihnen entscheiden zu wollen. Warum auch? Das Leben ist lang, Männer gibt es viele - und es wird nicht an Gelegenheiten mangeln, mal den einen, mal den anderen wiederzusehen: „Come up and see me some time!“

 

Klaus Kreimeier

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Filmgenres – Komödie; Herausgeber: Heinz-B. Heller, Matthias Steinle; im Reclam-Verlag, Stuttgart 2005

 

Mein kleiner Gockel

MY LITTLE CHICKADEE

USA - 1940 - 83 min. – schwarzweiß – Verleih: offen - Erstaufführung: 31.5.1969 WDR III - Produktionsfirma: Universal - Produktion: Lester Cowan

Regie: Edward Cline

Buch: Mae West, W.C. Fields

Kamera: Joseph Valentine

Musik: Frank Skinner

Schnitt: Edward Curtiss

Darsteller:

Mae West (Flower Belle Lee)

W.C. Fields (Cuthbert J. Twillie)

Joseph Calleia (Jeff Badger)

Dick Foran (Wayne Carter)

Margaret Hamilton (Mrs. Gideon)

George Moran (Clarence)

Si Jenks (Hilfssheriff)

Gene Austin (Gene Austin)

 

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